Gebannt vom Zauber der Wandelbarkeit

- Feidman Quartett entfacht Begeisterungsstürme

VON CARSTEN RÖHNERT Grünwald - Er hat in der Oper "Der Rattenfänger" nach Texten von Michael Ende schon einmal die Titelrolle gespielt, und das kommt nicht von ungefähr. Giora Feidman bewies jetzt in seinem Konzert im Grünwalder August-Everding-Saal einmal mehr, dass er mit seiner Klarinette die Menschen zu bannen versteht. Adäquate Unterstützung erhielt er dabei von den drei weiteren Musikern seines Quartetts.

Mit den kaum hörbaren Tönen einer kleinen, feinen Melodie beginnt Feidman das Konzert, schafft Ruhe in den Zuschauerrängen, durch die er ganz langsam spielend hinabsteigt zur Bühne. Das Atemholen ist lauter als der Ton. Die durch das Instrument gehauchte Melodie zwingt die ganze Konzentration des Publikums geschmeidig in den musikdurchfluteten Lichtkegel des Scheinwerferspots. Dann lockt der kleine Mann mit tänzerischem Schritt die Konzentration hinter sich her auf die Bühne, wo die drei Musikerkollegen in völliger Ruhe warten, und gibt dem gebannten Auditorium einen Ton vor - und das Publikum singt, hält den Ton wie ein gut gedrillter Chor, nur etwas zaghafter. Feidman entfaltet darüber das Spiel seiner Klarinette, hart lässt er sie mit einem hohen festen Ton aufschreien, wechselt zu tiefen, vollen, satten Klängen und immer wieder zu den gehauchten Ruhepolen. Dann steigt die Band ein, und die Musik tanzt los.

"From Klezmer to Piazzolla" heißt das Programm des Abends, und so entwickelt sich symptomatisch der erste Musikabschnitt von Klängen jüdischen Folks zupackend und energievoll über viele leise lyrische Stellen, die zumeist die Gitarre ausfüllt, bis zu heftigen Tango-Rhythmen. Feidman wandert dabei über die Bühne, beweglich wie sein Spiel, nicht an einem Ort festzumachen. Er imaginiert die Entdeckung immer neuer Spielweisen und labt sich an den Klängen, die dem Publikum wie frisch gepflückt erscheinen. Er lässt die Klarinette lachen und dröhnen im Jungle-Sound, dann wiegt sich Feidman in der Hüfte, als wäre er die Schlange, vom eigenen Spiel betört, bevor er das Instrument wieder spitz, zart und klar an einer Melodie entlanggleiten lässt. Die Musiker wirbeln im jüdischen Hochzeitstanz, treibend mit swing, und provozieren mit einer Tango-Attacke schon nach dem ersten Musikstück tosenden Applaus. An dem Hochgefühl im Publikum wird sich den Abend lang nichts mehr ändern. Die Besucher sind gefangen von der Musik, sie jubeln und singen gemeinsam mit Feidman "Shalom chaverim".

Die ungeheuere Wandelbarkeit macht die Besonderheit von Feidmans Spiel aus. Weil ihm drei exzellente Musiker zur Seite stehen, wird diese Wandelbarkeit auch zum Programm des Quartetts. Dabei stehen die drei bescheiden und diszipliniert im Dienst des Gesamtklangs. In den Soli, für die jeder Raum bekommt, dokumentieren sie dann souverän ihre Klasse, alle drei (Aquiles Baez, Gitarre; Ken Filiano, Bass; Raul Jaurena, Bandoneon) mit eigenen Kompositionen. Baez bezaubert mit einer unendlich zarten lyrischen Melodie, Filiano entlockt seinem Bass ein Klangspektrum, wie man es nur ganz selten hört, und Jaurena gibt eine vollendete Demonstration der ungeahnten Möglichkeiten des Bandoneons.

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