Gemeinsam sind sie stark

Unterföhring - Die Diagnose Multiple Sklerose, kurz MS, bekommt Melanie K. im Jahr 2002. Die Krankheit wirft das Leben der jungen Mutter komplett durcheinander. Sie hat Hunderte Fragen - und niemanden, mit dem sie darüber sprechen kann. 2009 gründet sie mit sieben weiteren Betroffenen eine Selbsthilfegruppe in Unterföhring. Die feiert jetzt ihr fünfjähriges Bestehen.

„Wie Quasimodo auf der Flucht“, so fühlt sich Melanie K. immer häufiger. Es ist in der Zeit um die Jahrtausendwende, als die damals 29-Jährige bemerkt, dass sie immer öfter wankt, stolpert, fällt. Mal schiebt sie es auf die hohen Absätze, mal glaubt sie, irgendwo hängengeblieben zu sein. Mit ihrem Mann Manfred, heute 41, witzelt sie oft über die scheinbar harmlose Marotte. Die Reaktionen von Passanten sind weniger lustig: Viele halten die junge Frau für betrunken. Mit den Jahren werden Melanies Beine immer schwerer. Manchmal kommt sie die Treppe im Haus nicht hoch, die Füße kribbeln, sind wie eingeschlafen. Vielleicht ist ein Nerv verklemmt, denkt sie und läuft von einem Arzt zum nächsten. Im Jahr 2002 landet sie schließlich bei einem Neurologen im Klinikum Rechts der Isar. „Hört sich ganz nach MS an“, sagt der. Eine Kernspintomographie bestätigt den Verdacht.

MS, das ist die Abkürzung für Multiple Sklerose, jener chronisch-entzündlichen Erkrankung des zentralen Nervensystems, die schon junge Menschen zu Pflegefällen machen kann.

Heute, zwölf Jahre später, sitzt Melanie K. im Rollstuhl. Verzweifelt ist sie deswegen nicht. Im Gegenteil: Die 42-Jährige, die vor sieben Monaten Großmutter geworden ist, gestikuliert viel und lacht, während sie von der Krankheit spricht, die so tückisch verlaufen kann. Dass Melanie K. souverän umgeht mit ihrer Diagnose hat sie auch der Selbsthilfegruppe in Unterföhring zu verdanken, die sie 2009 gemeinsam mit ihrer Freundin Birgit Spindler und sechs anderen „MSlern“ gegründet hat. Mittlerweile zu zwölft, treffen sich die Mitglieder immer am letzten Mittwoch des Monats im Haus St. Valentin am St.Valentin-Weg in Unterföhring. Dort tauschen sie sich aus, geben sich praktische Tipps: etwa „Wie schmeiße ich meinen Haushalt im Rolli“. Birgit Spindler hat außerdem Kontakt zu vielen Spezialisten, kennt für fast jedes Problem den richtigen Ansprechpartner. Ob es um Blasenschwäche geht oder Nervenschmerzen. Aber auch das psychische Befinden der Mitglieder ist wichtiger Teil der Treffen: In der sogenannten Befindlichkeitsrunde kann jeder offen über Probleme sprechen, die mit der Krankheit einhergehen.

Und davon gibt es einige. Da sind einmal die finanziellen Belastungen: 100 000 Euro stecken Melanie und ihr Mann in den Umbau des Hauses. Barrierefreiheit hat ihren Preis. Die Krankenkasse zahlt einmalig 2800 Euro. Die investiert Melanie in den Kauf eines Treppenlifts, den sie gebraucht für 4000 Euro bekommt. Als sie sich 2011 das Schien- und Wadenbein bricht, ist das Thema Laufen für Melanie gegessen. „Ich bin ganz froh, dass ich jetzt im Rolli sitze“, sagt sie und lächelt. „So haben ich wenigstens keine Schmerzen mehr.“ Aber es bedeutet auch, dass Melanie ein neues Auto braucht. Eines, das den Rollstuhl automatisch einfährt, und das über ein Handgas verfügt. Weitere 10 000 Euro kostet das. Das finanzielle Polster des Ehepaars ist längst aufgebraucht. Aus Sorge, mit der Versicherung Ärger zu bekommen will Melanie K. auch nicht, dass ihr Name in der Zeitung steht.

Seit 2005 ist sie in Frührente, Manfreds Gehalt allein reicht kaum aus. „Wie ein MSler leben soll, der niemanden hat oder nicht steinreich ist, ist mir ein Rätsel“, sagt Melanie.

Auch die Selbsthilfegruppe in Unterföhring finanziert sich noch über ihre Mitglieder. Den Raum im Haus St. Valentin stellt die Gemeinde der Gruppe kostenlos zur Verfügung. „Dafür sind wir sehr dankbar“, sagt Gruppenleiterin Brigit Spindler. Um Spenden annehmen zu dürfen, hat sich die Gruppe voriges Jahr der DMSG (Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft) angeschlossen. Und für ein paar Stunden Hippotherapie, den ein oder anderen Ausflug oder einen Vortrag haben Bürger schon gespendet.

Hippotherapie, die Therapie mit Pferden - für Melanie unverzichtbar, um mit der MS klarzukommen. In der Gangart Schritt überträgt das Pferd dreidimensionale Schwingungsimpulse auf ihr Becken und ihren Oberkörper: So verbessert sich die Balance, der Muskeltonus und die Koordination.

Das hilft Melanie. Sie leidet unter einer Spastik in den Oberschenkeln: Die Beine kleben aneinander, lassen sich kaum bewegen. „Nach einer Stunde Hippotherapie, das sind 30 Minuten, sind die Muskeln entspannt. Es ist wunderbar.“ Vor allem seit sie keine Medikamente mehr nimmt, ist sie auf die Therapie angewiesen. Melanie würde gerne mehr Stunden nehmen, die Krankenkasse weigert sich jedoch. „Hippotherapie steht leider nicht in unserem Angebotskatalog“, hat ihr eine Beraterin am Telefon erklärt. Und das, obwohl Melanie der Kasse mehrere Tausend Euro im Monat für Medikamente spart.

Manchmal verzweifelt die 42-Jährige fast an den Widerständen, gegen die sie jeden Tag anrennen muss. Dann steht der letzte Mittwoch im Monat an, die Selbsthilfegruppe. „Dann fühlt sich alles nur halb so schlimm an.“

Spendenkonto

Wer die Selbsthilfegruppe in Unterföhring unterstützen möchte, spendet an: Kreissparkasse München Starnberg, DMSG Landesverband BAyern e.V., MS-Gruppe Unterföhring, IBAN: DE02 7025 0150 0027 6166 89.

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