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Apothekensterben: Die Zahl der Schließungen nimmt stetig zu.

Digitaler Tod auf Rezept

Apotheke in Neukeferloh schließt: Ein neues Gesetz trägt Mitschuld

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Ein neues Gesetz soll den Informationsaustausch zwischen Arzt, Apotheker und Patient vereinfachen. Für Dr. Johanna Zimmermann ist es ein entscheidender Grund ihre Apotheke zu schließen.

Neukeferloh – Ende März schließt die Ottilien-Apotheke in Neukeferloh. Inhaberin Dr. Johanna Zimmermann sieht nach 24 Jahren angesichts von rechtlichen Vorgaben sowie der Einführung des „E-Health-Gesetzes“ keine wirtschaftliche Basis mehr gegeben. Es ist wieder eine Apotheke weniger.

In den vergangenen zehn Jahren sank die Zahl der Apotheken in Bayern kontinuierlich. Waren es 2009 noch über 3400, liegen sind es im Januar 3083. „Die Zahl sinkt konstant und das bundesweit“, bestätigt Thomas Metz von der Pressestelle des Bayerischen Apothekerverbands. Neben der allgemeinen wirtschaftlichen Lage, der gesetzgebenden Entwicklung sowie der oft erfolglosen Suche nach einem Nachfolger scheuen „gerade junge Apotheker aufgrund der Rahmenbedingungen den Schritt in die Selbstständigkeit“, so Metz. Hinzu komme der Online-Handel und eine gravierende Wettbewerbsverzerrung durch den EU-weiten Medikamentenhandel, welches es ausländischen Versandapotheken ermöglicht, Medikamente rabattiert zu verkaufen. „Das beeinflusst Apotheken stark und vielen jungen Apothekern ist die Zukunft zu unsicher.“

Neues Gesetz bringt entscheidende Vorteile für Patienten

Dr. Johanna Zimmermann, Inhaberin der Ottilien-Apotheke, bezieht sich in ihrer Pressemitteilung ebenfalls auf diese Gründe, es fehle in ihren Räumen zudem die erforderliche Barrierefreiheit. Ein Umbau der Räume in der Winterstraße, die Anschaffung eines neuen Computersystems und die Neugestaltung der Arbeitsplätze seien finanziell und wirtschaftlich nicht darstellbar.

Erschwerend komme das für September 2020 geplante „E-Health-Gesetz“ hinzu, das den Informationsaustausch und die Dokumentation zwischen Arzt, Apotheker und Kunde verbessern soll (siehe unten). Der große Vorteil für den Patienten: Verlässt er die Arztpraxis, wartet das verschriebene Medikament bereits in der Apotheke. Dort braucht es dafür neue Hard- und Software. Für Zimmermann ist der Schritt in die digitale Apotheke nicht leistbar: „Ich habe meine Apotheke sehr gerne geführt, aber nun ist Schluss.“

Apotheker schweigen: E-Health-Gesetz ein sensibles Thema

Nachgefragt bei anderen Apotheken im Landkreis wird deutlich, dass hier ein sensibles Thema zum Tragen kommt. Der Tenor unter den Apothekern: „Dazu sage ich gar nichts.“ Und ihren Namen wollen sie auch keinesfalls in der Zeitung lesen. „Die Zeichen der Zeit mit den Vor- und Nachteilen der Digitalisierung haben wir schon erkannt“, räumt eine junge Apothekerin (31) ein. „Wir müssen es tun und mitziehen, aber das ist natürlich schon eine finanzielle Herausforderung.“ Sie habe vor ein paar Jahren den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt und drei Apotheken übernommen. Ihre größte Angst: Online-Apotheken. „Das sind die Umsatzgewinner schlechthin. Das E-Rezept bringt das Fass dann noch zum Überlaufen.“ Aber diese Online-Apotheker übernehmen keine Not-, Nacht- oder Sonntagsdienste, die Beratung bleibe auch auf der Strecke. „Das Sterben der Apotheken vor Ort“ werde in ihren Augen in den kommenden Jahren weiter zunehmen.

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Grasbrunns Bürgermeister Klaus Korneder (SPD) bedauert, dass die Ottilien-Apotheke schließt. Nach dem Aus des Lebensmittelladen und der Aufgabe der Kreissparkasse, „verlieren wir nun auch die Apotheke. Aber das ist eine private und persönliche Entscheidung. Da kann ich oder die Gemeinde nichts tun.“ In Neukeferloh brauchen sich die Patienten aber keine Sorgen machen, mit Tobias König ist die Versorgung sichergestellt. Er ist Inhaber von drei Apotheken in Haar und Baldham und wird bis Ende März einen Lieferdienst einrichten. Geplant ist, dass die Bestellungen und Rezepte täglich in Neukeferloh abgeholt werden und möglichst noch am selben Tag nach Hause geliefert werden.

Das ändert sich mit dem neuen Gesetz

Ab 30. September müssen sich die knapp 20 000 Apotheken in Deutschland laut Kabinettsentwurf zum „Digitale-Versorgung-Gesetz” (DGV) an die Telematikinfrastruktur (TI) anschließen lassen. Zu diesem Stichtag müssen Apotheken das sichere Netzwerk für die elektronische Gesundheitskarte nutzen. Die Mindestausstattung, um eine Apotheke an die TI anzuschließen, umfasst einen E-Health-Konnektor (Datenrouter) sowie ein Kartenlesegerät mit dazugehörigen Gerätekarten, einen VPN-Zugangsdienst zu einem Netzwerk, um die Verbindung zwischen den Geräten und der Telematikinfrastruktur abgeschirmt vom normalen Internetverkehr herzustellen. 

Um die Anwendungen der elektronischen Gesundheitskarte (eGK) über die TI überhaupt nutzen zu können, benötigen Apotheker zudem einen Heilberufsausweis, zur Identifizierung der Apotheke gibt es einen Apothekenausweis, mit der auch die Mitarbeiter auf bestimmte Daten der Gesundheitskarte zugreifen können. Der Deutsche Apothekerverband (DAV) und der Spitzenverband Bund der Krankenkassen (GKV-Spitzenverband) sicherten 2019 über eine Finanzierungsvereinbarung den Apotheken einen Zuschuss von 2600 für die Erstausstattung zu

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