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Prosten sich zu: Markus Blume, Landrat Christoph Göbel, Ministerpräsident Horst Seehofer und CSU-Bundestagsabgeordneter Florian Hahn.
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Im Festzelt am Sonntag bei der CSU, Horst Seehofer spricht.
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Die SPD hat am Samstag das Festzelt in Beschlag: Natascha Kohnen, Olaf Scholz,  Bundestagskandidatin Bela Bach und Bürgermeister Klaus Korneder (v.l.).
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Alexander Graf Lambsdorff zapft bei der FDP an, flankiert von Jimmy Schulz und  Tobias Thalhammer.
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Beim „Liberalen Bieranstich“ am Freitagabend: (v.l.) FDP-Bundestagskandidat Jimmy Schulz , Alexander Graf Lambsdorff und Martin Zeil.
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Mit Ministerpräsident Horst Seehofer im Festzelt: (v.l.) Markus Blume, Landrat Christoph Göbel und seine Frau Ochmaa Göbel.
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Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) im Keferloher Festzelt.
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Die Feldkirchner Blaskapelle, vorneweg Dirigent Florian Schachtner.

Wahlkampf in Keferloh 

Zwischen Hoffen und Bangen

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Drei Tage politischer Wahlkampf in Keferloh. Die FDP, die Sozialdemokraten und die CSU bestreiten den Polit-Marathon von Freitag bis Sonntag. Und jeden Tag sind es ein paar mehr Zuhörer. 

Keferloh Sogar der Ministerpräsident ist gekommen. Ein Graf ist unter den Rednern und politischer Nachwuchs. Da bleibt am Ende viel Raum für Spekulation und Prognosen. Wirklich? Nein. Wer die Veranstaltungen von FDP, SPD und CSU besucht hat, weiß: Der Kanzler ist gemacht – selbst wenn das Volk anders gewählt hat.

Jeder Zweite in Deutschland soll noch nicht wissen, wem er seine Stimme bei der Bundestagswahl geben wird, sagen die Forscher.

Für einen unentschlossenen Wähler aus dem Landkreis München käme ein Polit-Marathon wie in Keferloh vermutlich gerade recht. Die Kandidaten aus dem Wahlkreis stellen sich vor, man erfährt etwas über die Programme der Parteien. Lernt einige Polit-Prominenz kennen: neben Horst Seehofer (CSU) ist das Alexander Graf Lambsdorff (FDP), der Neffe von Otto Graf Lambsdorff und Vizepräsident des Europäischen Parlaments. Auch Olaf Scholz gehört dazu, Bürgermeister in Hamburg und stellvertretender SPD-Bundesvorsitzender.

Die FDP willzurück ins Licht

Die FDP trifft der Unentschlossene beim liberalen Bieranstich in der „Tenne“ des Gut Keferloh. Ein lang gestreckter Raum. Schwere Deckenbalken und allerlei Bilder mit bäuerlichen Motiven drücken leicht aufs Gemüt, dazu die beigen Fliesen. Passt gar nicht zu den Freien Demokraten. Zu der Zeit des Gute-Laune-Wahlkampfs. Zu 18 Prozent. Lange her. Doch inmitten der Rustikalität steht das FDP-Logo. Es leuchtet pink, als wolle es sagen: Die FDP kommt zurück, sieht wieder Licht und hofft auf ihren Platz im Hellen, im Bundestag. Vier Jahre nach der Wahlschlappe von 2013.

Im „Bildungsurlaub“ sei man gewesen, habe gelernt, dass Zuhören wichtig sei. Eine Mannschaft stehe nun füreinander ein. Es gebe mehr als ein Thema und dazu einen Vorsitzenden, den viele echt cool finden. Die Rede ist von Christian Lindner, der auf den Wahlplakaten wie ein Model wirkt in seinem weißen Hemd und der lässigen Pose. Häme hat es dafür reichlich gegeben. Das sei Blödsinn, sagt Alexander Graf Lambsdorff. Die anderen würden doch auch mit ihren Köpfen werben – „die SPD sogar mit ihrem unbeliebten Parteivorsitzenden“.

Mut, Zuversichtund Anerkennung

Nach vorne also muss es gehen – das merkt der unentschlossene Wähler in der Tenne schnell. Die FDP will wieder wer sein. Oder wie Albert Duin, der FDP-Landeschef, sagt: „Wir kommen zurück und werden den Bundestag rocken.“

Zielgruppe sind die, die Mut haben und Zuversicht. Die sich einfügen und wohlfühlen in einer „Anerkennungskultur“, sagt Graf Lambsdorff. Es geht um Marktwirtschaft. Darum, dass der Mittelstand entlastet, das Unternehmertum gefördert wird. Es geht um das Bildungssystem, das wieder „das beste der Welt“ werden muss. Um innere Sicherheit. Um mehr Geld für die Bundeswehr. Um die Einsicht, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist, das ein Einwanderungsgesetz braucht. Schließlich geht auch um die Freiheit des Einzelnen, der es sich leisten können muss, eine Immobilie zu kaufen. Und deshalb beim ersten Kauf von der Grunderwerbssteuer befreit werden sollte. Graf Lambsdorff umreißt die wichtigsten Themen. Er ist ein guter und sicherer Redner. Er spricht frei, die linke Hand immer in der Hosentasche. Über den Landkreis spricht er nicht.

Jimmy Schulz setztaufs schnelle Internet

Das übernimmt Jimmy Schulz, der Bundestagskandidat für München Land. Vier Jahre Bundestagserfahrung bringt er mit. Jetzt, mit 48, will es der IT-Unternehmer wieder wissen. Die Digitalisierung, das schnelle Internet sind seine Themen, erfährt der unentschlossene Wähler. Seine Stimme würde er einem geben, der auch für den Landkreis klare Ziele hat: Mehr Geld für Wohnraum und für Infrastruktur, insbesondere im Bereich Verkehr. Schulz bekennt sich zum Ringschluss der A 99 und zur dritten Startbahn. Er ist nicht der Redner vor großem Publikum, der Applaus bleibt verhalten. Aber Schulz kann Menschen offensichtlich überzeugen: 2013 holte der Ottobrunner mit 8,5 Prozent und über 16 000 Zweitstimmen das beste FDP-Ergebnis in ganz Deutschland.

Die SPD hofftund bangt zugleich

Auch die SPD kämpft in Keferloh um die Stimme des Unentschlossen. Und lädt ihn ein ins Festzelt. Es regnet in Strömen. Hinter der zurückgeschlagenen Zeltwand begrüßt der Landtagsabgeordnete Peter Paul Gantzer beinahe jeden Einzelnen mit einem kräftigen Händedruck.

Das Zelt ist Dreiviertel voll. Es ist kalt und klamm. Am Boden haben sich Pfützen gebildet. Die Haarer Blaskapelle spielt in kleiner Besetzung. Die Genossen haben rote Fähnchen mitgebracht. Und einige tragen rote T-Shirts. „Bela Bach. Neue Wege. Klare Kante.“ steht auf ihnen. Bela Bach lebt in Planegg, ist 27, Studentin und die Bundestagskandidatin der SPD im Wahlkreis München Land. Sie sagt, es gebe kaum Arbeitslose im Landkreis, die Wirtschaft boome und die Menschen wollten hierher ziehen. „Darauf können wir stolz sein.“ Was sie genau für den Landkreis tun könnte als Bundestagsabgeordnete, erfährt der Wähler nicht direkt von ihr. Er muss ihren Flyer lesen. Ob das überzeugt?

Bildung als„Motor der Zukunft“

Weiter macht Bach mit der Bildung, die sie „Motor der Zukunft“ nennt. Sie müsse es für alle geben, unabhängig vom Wohnort oder davon, wie gut eine Schule ausgestattet ist. Bach fordert den Mindestlohn von 8,50 Euro für Azubis und Praktikanten. Alles andere sei „sozial ungerecht“. Auch sie spricht sich für ein Einwanderungsgesetz aus. Gegen einen höheren Wehretat. Eine nachhaltige Entwicklungspolitik sei sinnvoller.

Bela Bach weiß schon,wer gewonnen hat

Und dann kommt dieser Moment, an dem die Wahl plötzlich entschieden ist: Bela Bach hebt die Stimme, auf einmal klingt sie kämpferisch. Sie sagt: „Wir haben einen Kanzler. Der ein Programm hat, dessen politische Vision wir umsetzen sollten. Dafür bin ich willens mit Euch zu kämpfen und jeden Tag aufzustehen.“

Ein Versprecher. Natürlich. Denn es geht weiter im Programm: Olaf Scholz ist aus Hamburg angereist, um für das Kreuz bei der SPD und für Martin Schulz, den Kanzlerkandidaten, zu werben. „Moin“, sagt er erst einmal. Und findet schnell sein Thema: die soziale Gerechtigkeit. Chancen für alle, auch die Älteren, in den neuen Berufen, die die Digitalisierung mit sich bringen wird. Mehr Ganztagesangebote in Grundschulen, bessere Chancen auf einen Schulabschluss und ein klarer Fokus auf die Berufsausbildung. „Wandel und Veränderung dürfen keine Angst machen und dafür ist ein gut funktionierender Sozialstaat wichtig, er ist die Grundlage des Erfolgs“, sagt er. Steuerentlastungen sind notwendig und machbar, sollen vor allem im unteren Einkommensbereich greifen. Zusammen mit „ein klein bisschen mehr Steuern für alle, die gut verdienen“, sei dann auch die Abschaffung des Soli zu machen. 2020 für alle, die weniger als 50 000 Euro im Jahr verdienen. Für alle anderen „gleich danach“.

„Das war für uns respektabel“, sagt am Ende der SPD-Veranstaltung Peter Paul Gantzer. Er meint die Zahl der Besucher. Fröhlich sieht er dabei nicht aus. Denn er hat gehört, die CSU hat Freibier und Hendl für den nächsten Tag versprochen. „Das können wir uns einfach nicht leisten“, sagt Gantzer. Und es bleibt offen, ob er nun die finanzielle Situation seiner Partei meint. Oder doch eher die Tatsache, dass eine solche Offerte für ein volles Zelt sorgen könnte.

Die CSU fühlt sichsicher – eigentlich

Am nächsten Tag sind die Bänke im Zelt alle besetzt. Der Regen hat aufgehört. Die Böllerschützen stehen parat, die Fahnenabordnungen auch. Tracht ist Pflicht. Und der Ministerpräsident steigt nicht einfach aus dem Auto. Er war schon in St. Ägidius. Hat das Patrozinium des Kircherls gefeiert. Auf dem Weg zum Festzelt wird er begleitet von Blasmusik, von Landrat Christoph Göbel, dem Bundestagsabgeordneten für München Land und vielen anderen. Das ist Heimat, das ist Tradition. Daran lässt sich draußen vor dem Zelt nicht rütteln. Und drinnen auch nicht. „Grüß Gott im gelobten Land, grüß Gott Ihr Bayern“, ruft Seehofer.

Flüchtlinge müssenLeitkultur annehmen

Wer überlegt, seine Stimme der CSU zu geben, der kann sich sicher sein: In Berlin spricht Seehofer für Bayern. Für das Bundesland, dem es besser geht als anderen. In dem klar ist, dass sich Flüchtlinge nach „unserer Leitkultur“ richten müssen. Dass sie Deutsch können und ihren eigenen Lebensunterhalt verdienen müssen. Wer hier leben will, „der muss Recht und Ordnung einhalten, unser Recht, nicht das von Saudi Arabien“. Seehofer und seine CSU stehen für mehr Kontrollen, für eine Obergrenze bei der Zuwanderung und für mehr Kontrolle im Land, etwa durch Videoüberwachung auf öffentlichen Plätzen. Seehofer will kein flächendeckendes Fahrverbot für Diesel-Autos, mehr finanzielle Entlastung für Familien und einen durchlässigen Bildungsweg. „Mit uns in Bayern“ ist das möglich, findet er. Denn die Politik, das sind doch eigentlich die Menschen vor Ort, deren Engagement.

Seehofer (68) wirkt ein wenig müde an diesem Tag. Vielleicht liegt es daran, dass die letzten Sätze seiner Rede fast schon nach politischem Abschied klingen: „Nichts ist gelaufen. Wir liegen zwar vorne. Aber in vier Wochen kann alles weg sein. Gott schütze Euch, alles Gute.“

Florian Hahnspricht von Erfolgen

Seehofer spielt schon lange in der großen Politik. Florian Hahn (43) auch, seit 2009 sitzt er ohne Unterbrechung im Bundestag. Das hat der CSU-Bundestagskandidat für München Land, seinen Konkurrenten Bela Bach und Jimmy Schulz voraus. Wenn er im Festzelt in Keferloh spricht, dann bläst ihm nicht nur der Wind der wählerstarken CSU und ihres Ministerpräsidenten in den Rücken. Er kann von Erfolgen und Verdiensten sprechen. Hahn ist selbstbewusst und er macht viel Werbung für sich: Kugelschreiber, Flyer liegen auf den Tischen. Er hat sogar einen „Landkreis Kurier“ drucken lassen. In ihm kann, wer noch nicht überzeugt ist, lesen, was Hahn für sich reklamiert im Landkreis. Überschrift: „Eine Vertragsverlängerung bitte – aus gutem Grund!“ Er fühlt sich Bayern und dem Landkreis München verbunden, seit Kindheit schon. Er lebt in Putzbrunn. Da muss er nicht mehr allzu viel sagen in Keferloh, nur so viel: „Wir wollen es weiter angehen und verbessern. Und bei all den Superlativen die Schwachen nicht vergessen.“

Dann ist er vorbei, der politische Schlagabtausch in Keferloh. Drei Tage, drei Parteien. Der unentschlossene Wähler hat jetzt zumindest zwei Dinge gelernt: Die Wahl ist, drei Wochen vor der Wahl, schon entschieden: Gewonnen hat der Kanzler. Also Martin Schulz von der SPD. Aber eigentlich wollten es die Wähler anders – jedenfalls dann, wenn man nach der Zahl der Autos geht, die auf der Wiese gegenüber von Gut Keferloh abgestellt waren: Bei der FDP war der Parkplatz gar nicht erst offen. Bei der SPD war er genutzt. Und bei der CSU war er voll.

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