An Grausamkeit kaum zu überbieten

- In die Fratze des Kriegs geblickt - "Der Untergang" von Walter Jens

Unterhaching - Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf. Wollte man die Kernthese von Walter Jens` Tragödie "Der Untergang" auf den Punkt bringen, es bliebe nicht viel mehr als der Rückgriff auf Thomas Hobbes. Egoismus und Skrupellosigkeit bestimmen das Handeln der kriegführenden Völker. Das Leid, welches sie ihren Opfern beibringen, schert sie nicht. Sieger jedoch wird es am Ende nie geben, denn der Lauf der Dinge will es, dass der Rückschlag den momentan Triumphierenden bereits vorgezeichnet ist. An Grausamkeit kaum zu überbietende Szenen waren es, die das Gastspiel der Theater-Kompagnie-Stuttgart am vergangenen Samstag auf die Kubiz-Bühne in Unterhaching brachte.

Sichtbar wurde die Gewalt dabei in den seltensten Fällen. Wie schon in Euripides` "Troerinnen", der Vorlage zum Bühnenstück von Walter Jens, zeigt sich die Boshaftigkeit der Figuren in primär verbaler Ausprägung. Mord und Totschlag finden in überlieferter Form statt, von Vergewaltigung und Verschleppung zeugt lediglich das verzweifelte Geschrei aus dem Bühnen-Off. "Der Krieg sitzt im Kopf", lauten demnach auch die letzten Worte Hekabes, während sie sich am Ende im stummen Schmerz zusammenkrümmt. Die 1982 im Angesicht der weltumspannenden kriegerischen Auseinandersetzungen entstandene Nachdichtung von Euripides` letztem Teil der Troja-Trilogie hält sich dicht an die Vorlage. Zentrum des Geschehens ist das Gefangenenlager der troischen Frauen. Als einzig Überlebende der gefallenen Stadt harren sie ihrem Schicksal, welches für sie Sklavendasein im Dienste der siegreichen Griechen vorsieht.

Im Gegensatz zu Euripides hat Moralist Walter Jens die Frauen jedoch mit kämpferischem Stolz versehen. Statt sich in ihr Schicksal zu ergeben, wählt die von Britta Scheerer ausdrucksstark gespielte Andromache, Gemahlin des ermordeten trojanischen Thronfolgers Hektor, den Freitod. Auch Hekabe, Königin von Troja, die im Krieg den Mann und ihre 20 Kinder verloren hat, beugt sich nicht der Willkür der Griechen. Innerlich gebrochen, doch nach außen hin ganz Herrscherin, blickt sie lieber dem Tod ins Gesicht, als sich Odysseus zu unterwerfen, der sie als Kriegsbeute einfordert. Mit Cornelia Elter hat die Theater-Kompagnie-Stuttgart eine trefflich agierende Darstellerin für die Rolle der aufrechten Königin besetzt. Eindrucksvoll bot sie den glatzköpfigen, in schwarzer Ledermontur und Springerstiefeln durch die Kulisse stapfenden Klischeebösewichtern die Stirn. Die divenhafte Grandezza, mit der Cornelia Elter das Stück bestimmte, ließ dann auch das steife Spiel der griechischen Soldaten verzeihen.

Bettina Dunkel

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