+
Blick auf die Traglufthalle in Wörnbrunn: 276 Flüchtlinge leben derzeit darin.

Wegen Flüchtlingen

Grünwald: Angst vor dem Ghetto

  • schließen
  • Florian Prommer
    Florian Prommer
    schließen

Grünwald - Grünwald zählt zu den reichsten Kommunen Deutschlands. Ausgerechnet hier gibt es Menschen, die um ihren Wohlstand wegen den Flüchtlingen fürchten.

Tatjana Gorbachewa, 36, schlendert durch die Schloßstraße mitten in Grünwald. Sie trägt ihre kleine Tochter auf dem Arm und wartet an einem Parkplatz. Hier befinden sich etwa ein Supermarkt, ein Bekleidungsgeschäft, und auch zwei Juweliere. Und unweit der Grünwalder Einkaufspassage an der Tramhaltestelle Derbolfinger Platz sitzen zehn Flüchtlinge und surfen mit ihren Smartphones im Internet. Schließlich gibt es dort einen kostenlosen W-Lan-Hotspot. Gorbachewa sagt, die Flüchtlinge laufen hier immer in kleinen Grüppchen herum. „Abends habe ich Angst, wenn ich alleine von der Tram nach Hause gehe.“

Montagnachmittag, Grünwald, Einkaufspassage. Menschen tummeln sich vor den Geschäften. Mütter sind mit ihren Kindern unterwegs. Einige tragen Einkaufstüten und Pelz. Manche fahren aber auch von der Arbeit nach Hause. Es ist nicht ungewöhnlich, dass ein Porsche vorbeibrummt. Und da sind eben auch ein paar Flüchtlinge aus der Wörnbrunner Traglufthalle, die sich hier den Tag vertreiben.

Wird Grünwald wegen den Flüchtlingen zu einem Ghetto? Eine Passantin sagt: "Ja"

Blick vom Forsthaus Wörnbrunn: Der Kinderspielplatz des Gasthauses ist wenige Meter entfernt von der Halle.

Spätestens seit dem öffentlichen Brief von sieben besorgten Müttern aus Grünwald (wir berichteten), die befürchten die Kommune verkomme wegen den Flüchtlingen zum „banlieue“, ist klar: Einige Grünwalder sorgen sich um die Idylle ihrer Gemeinde. Auf die Frage, ob sie glaube, dass sich Grünwald wegen der Flüchtlinge zu einem Ghetto entwickle, sagt eine Passantin, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen möchte: „Ja, das Ortsbild wird sich verändern. Und manche Läden verabschieden sich.“ Sie hat Verständnis für den Brief der besorgten Mütter, die sexuelle Übergriffe von Flüchtlingen auf die Bevölkerung befürchten. „Meine achtjährige Nichte hat Angst, alleine auf der Straße zu laufen.“

Doch freilich gibt es auch Grünwalder, die anderer Meinung sind. Wer am Nachmittag durch den Ortskern läuft trifft auch viele Menschen, die solche Ängste und Vorurteile gegenüber Flüchtlingen nicht nachvollziehen können. Eine Innenarchitektin, 53, findet etwa den Brief der besorgten Mütter „unverschämt“. Schließlich sei ihr nicht bekannt, dass Flüchtlinge Bewohner Grünwalds belästigen würden. Ähnlich sieht das eine 21-jährige Auszubildende. Sie habe sich mit vielen Flüchtlingen unterhalten, erzählt sie. „Die sind alle freundlich und aufgeschlossen.“ Sie glaubt, ein Grund für die Ressentiments sei, dass sich viele nicht mit Flüchtlingen auseinandersetzen.

"Grünwald ist weltoffen genug, um die Situation zu meistern"

Die Gäste und Angestellten des Forsthauses Wörnbrunn begegnen täglich den Bewohner der Traglufthalle, die in ein paar hundert Meter Entfernung aufgestellt wurde. An einem Montagmittag kann man die Diskrepanz beobachten zwischen der Schickeria eines noblen Münchner Vorortes und den Menschen, die tausende Kilometer entfernt von ihrer Heimat neue Perspektiven suchen. Mehr als 20 Gäste sitzen im Stadl des Gasthauses. Draußen auf dem Parkplatz stehen edle Karossen. Auf dem Weg zu ihren Autos treffen die Gäste auf Flüchtlinge, die spazierengehen. Gasthaus-Pächterin Tatjana Rehklau sagt: „Begegnungen gibt es hier fast täglich, aber nie negative. Wir haben die Flüchtlinge als freundliche und zurückhaltende Menschen kennengelernt.“ Seit Mitte Januar betreiben sie und ihr Mann das Forsthaus. Zuerst habe sie Bedenken wegen der unmittelbaren Nachbarschaft gehabt, erzählt Rehklau. Aber das Konzept der Gemeinde hat sie überzeugt. „Grünwald ist weltoffen genug, um die Situation zu meistern.“

Es gibt auch Grünwalder, die glauben, dass die Gemeinde die Situation nicht meistern wird. Eine 53-Jährige schlendert von der Schloßstraße Richtung Tramhaltestelle Derbolfinger Platz. Fremdsprachenkorrespondentin sei sie, sagt die Frau. „Im Sommer wird es am Wörnbrunner Forsthaus Reibereien geben“, ist sie sich sicher. Schließlich sei dort im Winter kaum etwas los.

Hundert Meter weiter vorne wartet Tatjana Gorbachewa an einem Parkplatz in der Schloßstraße. Flüchtlinge laufen an ihr vorbei Richtung Tramhaltestelle. Langsam wird es dunkel und die Einkaufspassage leert sich. Die Grünwalder fahren nach Hause in ihre Häuser und Wohnungen. Eine Rentnerin, die schon lange in Grünwald lebt, geht Gassi mit ihrem Hund an der Schloßstraße. Sie sagt in Anbetracht der großen Villen-Dichte in einer der reichsten Kommunen Deutschlands: „Die Grünwalder bauen sich mit ihren hohen Mauern ihr eigenes Ghetto.“

Josephin Bruhn, Florian Prommer und Thomas Radlmaier

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

100 000 Euro für Schleißheimer in Not
Wenn Oberschleißheimer in finanzieller Not stecken, kann der Spendentopf helfen. Stolze 100.000 Euro sind drin - und 70.000 Euro wurden schon ausbezahlt.
100 000 Euro für Schleißheimer in Not
Kinderbetreuung: Eltern begehren auf
Den Eltern reicht‘s: Sie sind genervt von fehlenden Plätzen für die Kinderbetreuung. Mit Unterschriften und einem Brief machen sie Druck auf die Gemeinde.
Kinderbetreuung: Eltern begehren auf
Radfahrer stürzt am Deininger Weiher
Steil geht es hinab zum Deininger Weiher im Straßlach. Am Mittwoch kam es dort zu einem Unfall, bei dem ein Radfahrer verletzt wurde.
Radfahrer stürzt am Deininger Weiher
Spürbarer Konfrontationskurs im Pullacher Gemeinderat
Denkbar knapp mit elf zu acht Stimmen hat der Pullacher Gemeinderat den Haushalt verabschiedet. Demnach werden heuer 100 Millionen Euro eingenommen und ausgegeben – „das …
Spürbarer Konfrontationskurs im Pullacher Gemeinderat

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion