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Die Aussegnungshalle im Grünwalder Waldfriedhof: Etwa 60 Trauergäste geben Rudolf Rothhaus das letzte Geleit.

Nachruf

Kosmopolit, Chefarzt und Grünwalder Mitbürger

Grünwald – Frommen Sprüchen, egal von wem sie stammen, stand der Mediziner Rudolf Rothhaus Zeit seines Lebens äußerst kritisch gegenüber. Er hielt Aufklärung und Humanismus dagegen. Ein Nachruf.

Und so versuchte Diakon Klaus Mrosczok, bei der Trauerfeier zu Ehren des Verstorbenen in der Aussegnungshalle des Waldfriedhofs in Grünwald darauf weitmöglich zu verzichten. Rothhaus starb vor wenigen Tagen, am Zweiten Weihnachtsfeiertag, im Alter von 93 Jahren.

Die humanistische Bildung erfährt Rothhaus am Wilhelmsgymnasium in München. In Grünwald wächst er auf. Das Latein der Mediziner, die Sprache und Philosophie der Griechen sowie die Ideen und Fakten der Welthistorie nimmt Rothhaus als Schüler begeistert auf. Sie bieten ein Gegengewicht zur dunklen Erfahrung des Nationalsozialismus, den er in jungen Jahren erlebt und die ihn ein Leben lang begleitet hat. Die Neugier treibt ihn nach 1945 hinaus in die Welt, in die USA, wo er als Anästhesist fünf Jahre ausgebildet wird und in Richmond (Virginia) am Medicine Clinical College wertvolle Erfahrungen sammelt. Er profitiert vom damaligen Vorsprung der USA gegenüber dem kriegszerstörten Deutschland, bringt die fachlichen Kenntnisse mit zurück und leitet 20 Jahre lang die Anästhesie-Abteilung im Krankenhaus Harlaching, aus der in dieser Zeit immerhin 16 Chefärzte hervorgegangen sind. Dabei wollte der Mediziner vor allem die humanistische Seite zur Geltung bringen: „Das Gesicht des Anästhesisten sieht der Patient als letztes vor dem Einschlafen“, sagte er selbst dereinst in einem Interview mit dem Münchner Merkur. Die Narkosezeit zwischen „Schlaf und Tod“ angesiedelt, bedarf der intensiven medizinischen Betreuung. Die psychologische Vor- und Nachbehandlung erfordern für Rothhaus ein einfühlsames Verständnis. Seine vornehmste Pflicht sah er immer darin, neben der technischen Versiertheit ständig wachsam zu sein und es nie an Hilfsbereitschaft fehlen zu lassen.

Neben der beruflichen Bestimmung liegt ihm die Geschichte, die große Erzählerin des menschlichen Zusammenlebens, sehr am Herzen. „Mit einfachen Antworten ließ er sich nicht abspeisen“, beschrieb Diakon  Mroscok eine Facette des Grünwalders. Dieser widmete sich im Ruhestand vornehmlich der englischen Geschichte des 17. und 18. Jahrhunderts. Damals kam es unter anderem zur Abschaffung des Absolutismus durch die Glorious Revolution, und der Commonwealth wurde begründet. Diesen Herbst durfte er noch einmal im Kreise seiner Verwandten am Simssee verbringen und aus seinem reichen Erfahrungs- und Wissensschatz großzügig schöpfen.

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