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Stütze für die Geflüchteten: Geschäftsführerin Soziale Dienste Psychiatrie, Barbara Portenlänger-Braunisch, Heimleiterin Carina Hirz und Pädagoge Marcel Berg.

Wohnheim für minderjährige Geflüchtete in Grünwald

Nach dem Zuckerfest ist vor dem Quali

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Das Wohnhaus für minderjährige Geflüchtete in der Laufzorner Straße in Grünwald hat sich vor mehr als zwei Monaten mit Bewohnern gefüllt. Zeit für eine erste Bilanz.

Grünwald – Noch vor zwei Jahren waren die Ängste in der Waldecksiedlung in Grünwald groß. Die Gemeinde plante den Neubau eines Wohnhauses an der Laufzorner Straße zur Unterbringung von zwölf unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen. Für zu überdimensioniert hielt man das Vorhaben und städtebaulich für unpassend. Doch mittlerweile haben sich die Wogen geglättet. Noch vor der Bau-Fertigstellung sind vor zwei Monaten die Zimmer belegt worden – mit jungen Flüchtlingen von 16 bis 18 Jahren aus Somalia, Syrien, Iran, Irak und Afghanistan. „Die Ängste haben sich als unbegründet herausgestellt. Für uns hat es keine Umstellung gegeben“, erklärt Josef Eisvogel, der als Sprecher für die Anwohner in der Bürgerversammlung Kritik geübt hatte. Unter anderem war Krach befürchtet worden. Aber das hält sich nach den Worten von Eisvogel alles im Rahmen des Verträglichen. Beschwerden wegen Ruhestörung gab es keine.

Das ist nicht zuletzt auch den Sozialen Diensten Psychiatrie „gemeinsam das Leben gestalten“ zu verdanken, die die Unterkunft für zehn Jahre von der Gemeinde zur Miete übernommen haben. Heimleiterin Carina Hirz, die selbst in Grünwald lebt und mit dem Fahrrad jeden Tag zum Haus radelt, legt die Rahmenbedingungen fest und achtet darauf, dass einerseits ein verträgliches Miteinander unter den jungen Bewohnern möglich wird („Schwerpunkt ist die Verselbstständigung“); andererseits auch den nachbarschaftlichen Frieden im Auge hat. Die Nachbarskinder waren schon zum Tischkickern im Wohnheim. Die Geschäftsführerin des Sozialen Dienstes, Barbara Portenlänger-Braunisch: „Zuvor haben wir das Haus auch hergezeigt.“

Stichwort Rücksichtnahme. Das Betreuungsteam hat vom Landratsamt München den Auftrag, den Jugendlichen beim Übersetzen der Kultur zu helfen. Denn oft herrschen Gegensätze. Carina Hirz: „Wenn man in einem islamischen Land lebt, ist der Tag etwa im Ramadan umgedreht.“ Die Geschäfte öffnen nachts. Tagsüber wird geschlafen. Da heißt es organisieren. Wecker stellen, pünktlich zum Einkaufen kommen. Eine spannende Zeit zum Thema Miteinander, wie die Heimleiterin weiß. Akzeptanz und Respekt müssen auf den Prüfstand.

Nach einem Gruppenabend, der zweimal wöchentlich stattfindet, kann es in der Küche eng werden, denn gegen 21.15 Uhr ist Fastenbrechen. Das heißt Kartoffel schälen um 20 Uhr. Wenn dann acht Jungs in die Küchen gehen wollen, um sich etwas zum Ramadan zu kochen, mit einem Riesenhunger im Magen, funktioniert das nicht unbedingt reibungslos. Hirz: „Deshalb haben wir den Gruppenabend jetzt vorverlegt.“

Barbara Portenlänger-Braunisch will dabei unterstreichen, dass auch das Verständnis für die kulturelle Eigenheit hierzulande dazugehört. Die Bedingung: „Wenn ihr hier bleiben wollt, müsst ihr auch einen Teil der Kultur mit annehmen.“ Zum Beispiel steht da berechtigterweise folgende Frage im Raum: „Warum muss ich als 16-Jähriger um 22 Uhr daheim sein, wo ich doch allein Jahre quer durch Asien Tausende Kilometer nach Europa gezogen bin.“ Die brutale Realität der Erfahrung dürfte dabei alles um ein Vielfaches übersteigen, was ein Jugendlicher in Grünwald in seinem Leben erfahren hat. „Viele sagen: Weißt du, wo ich schon überall gewesen bin?“, erzählt die Heimleiterin. Und sie glauben, dass die Strenge, die ihnen hier widerfährt, unausgesprochen mit dem Flüchtlingsstatus zusammenhängt. In solchen Fällen nimmt Carina Hirz das Gesetzbuch zur Hand und hat auch gleich den einschlägigen Paragraphen parat, an den sich nicht nur die Flüchtlinge zu halten haben, sondern auch alle, die schon länger hier leben: „Die jungen Mensch brauchen Hilfe. Da sind wir da. Aber wenn einer nur außerhäusig unterwegs sein und von einer Disko in die nächste ziehen will, passt das mit dem Jugendhilfesystem irgendwann nicht mehr zusammen.“ Um sämtliche Missverständnisse auszuräumen, einen solchen Fall gibt es in der Grünwalder Einrichtung nicht. Die Disziplin wird hier laut Heimleiterin eingehalten.

Jetzt packt auch der Helferkreis Grünwald mit an und bietet Nachhilfekurse an. Für fünf Bewohner beginnt der Stress mit dem Qualifizierten Abschluss. Sieben werden wohl im Herbst eine Ausbildung anfangen. Zwei wollen im nächsten Jahr den Realschulabschluss schaffen.

Die Leistung ist zum Teil erstaunlich hoch, wenn jemand den Quali versucht, der in seiner Heimat nie in einer Schule war und das Lesen ausschließlich auf Deutsch gelernt hat: „Die Schüler können zum Teil nicht auf Arabisch lesen, obwohl es ihre Muttersprache ist“, sagt Carina Hirz. Auch diejenigen, die Arabisch lesen können, haben es schwer. „Das ganze Hirn muss sich umstellen. Die Texte werden nämlich nicht mehr von rechts nach links, sondern von links nach rechts gelesen.“

Teilweise stehen die Berufswünsche schon fest: Einer steckt in der Friseur-Ausbildung, ein weiterer will Kfz-Mechatroniker werden, einer möchte in die Altenpflege. Dafür müssen die Azubis nach Riem, Unterschleißheim oder Oberschleißheim gondeln. Bei einer 40-Stunden-Ausbildungswoche ist die Belastung dann schon recht groß für so einen jungen Menschen. Hinzu kommt die Angst vor Abschiebung. Nicht unbegründet, denn alle Bewohner sind als Asylbewerber abgelehnt worden. Depressionen und Prüfungsangst sind die Folge. Zwar steht keine Abschiebung im Raum, aber die Angst ist gegenwärtig. Dabei wäre es wichtig, eine gewisse Unbeschwertheit in den Alltag zu bringen.

Das gelingt trotzdem. Zum Beispiel, indem sie sich die Zimmer und das Haus schön einrichten, die Gardinen kürzen, Teppiche vom Wertstoffhof holen und gemeinsam kochen. Ein Sofa haben sich zwei Bewohner auf dem Einkaufswagen selbst hergeschoben. An Einfällen mangelt es nicht. Das reicht zwar noch nicht für eine Bleibeperspektive, aber für ein gesundes Selbstvertrauen ist es allemal genug.

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