+
Der Angeklagte Murat S. versteckt zu Prozessauftakt sein Gesicht hinter Gerichtsakten. Mithilfe eines kriminellen Netzwerkes soll er am Telefon versucht haben, Senioren reinzulegen. 

Grünwalderin (91) betrogen

Falscher Polizist vor Gericht: Vornamen wurden Opfern zum Verhängnis

Falsche Polizisten haben momentan als Betrüger Hochkonjunktur. Seit Montag wird einem dieser Telefon-Betrüger der Prozess gemacht. Sein Hauptopfer: eine 91-Jährige aus Grünwald.

München– Weinend saß Irmi P. (Name geändert) dem Betrugsfahnder der Polizei gegenüber. Die 91-Jährige aus Grünwald (Kreis München) hatte ihr Hab und Gut einem falschen Polizisten überlassen. „Noch Monate später schämte sie sich zu Tode. Von ihrer Familie wurde sie beschimpft. Wie könne sie nur so blöd sein, das Erbe wegzugeben“, erinnerte sich der Fahnder vor dem Landgericht München I. Dort saß Murat S. (24) auf der Anklagebank, ein Deutsch-Türke, der angeblich aus der Türkei heraus mit einem kriminellen Netzwerk ein florierendes Betrugsgewerbe betrieb.

Bei Spiegel-TV hatte er vor zwei Jahren prahlerisch über sein Geschäft gesprochen. Braun gebrannt, mit Bart und Brille, hockte er unter einer Palme und lästerte über „ältere Damen“ ab, die wie kleine Kinder leicht zu hintergehen seien. Schon damals wurde er in Deutschland per Haftbefehl gesucht. Eine Auslieferung hatte er nicht zu befürchten. „Viel cooler haben Sie da ausgeschaut“, hielt der Vorsitzende Richter Gilbert Wolf im Sitzungssaal dem Mann mit blassem Gesicht auf der Anklagebank vor.

Anfang des Jahres hatte sich Murat der Polizei gestellt. Geboren in Altötting hatte er Heimweh nach Deutschland und wollte nur noch zurück. Ihm wurde freies Geleit zugesichert, dafür verpfiff er zwei Mitarbeiter, sogenannte „Abholer“, die aber mittlerweile in der Türkei untergetaucht sind.

Das Alter der Opfer leiteten die Betrüger von den Vornamen ab

Laut Anklage hatte Murat S. zwischen Dezember 2014 und Januar 2015 vermeintlich ältere Damen angerufen oder anrufen lassen. Das Alter leiteten er und seine Komplizen von den aus der Mode gekommenen Vornamen ab. Die Telefone klingelten meist in der Nacht. Mithilfe des Internets wurden Polizeinummern vorgetäuscht. Immer wieder hieß es, dass sich die Angerufenen im Visier von Diebesbanden befänden. Sie sollten ihre Wertsachen in einen Beutel packen und vor die Eingangstür legen. Die Polizei würde sie abholen und in Verwahrung nehmen. Bei 33 Anrufen, zumeist in Grünwald, aber auch München war die Bande viermal erfolgreich. Hauptopfer war Irmi P., die Bargeld, Krügerrand-Goldmünzen und andere Dinge wie Personalausweis, Krankenversicherungskarte, aber auch zwei EC-Karten in einen Stoffbeutel stopfte und ihn vor die Tür hängte. Der Gesamtschaden belief sich auf 12 000 Euro.

Murat S. schwieg zu Prozessauftakt zu den Vorwürfen. Laut Ermittlungsverfahren räumt er nur einen Münchner Fall ein. Ob das Gericht ihm die Beteiligung an den 32 übrigen angeklagten Fällen nachweisen kann, ist mehr als fraglich. Dafür spricht nur ein gewisses Insiderwissen des Angeklagten und die Zuordnung des Namen Schmidt, mit dem er sich bei seinen Opfern meldete.

Die Opfer melden sich oft aus Scham nicht

Die Fahnder gehen von einer Vielzahl weiterer Fälle aus. Nach anfangs vier Beamten beschäftigen sich heute 22 Ermittler mit hunderten falscher Anrufe. Die Opfer würden sich oft aus Scham nicht melden. Irmi P., heute 94 und bettlägrig, hatte den Mut. Sie wird nicht mehr als Zeugin aussagen können. Vielleicht tröstet es sie, dass ein Juwelier die Betrüger beim Ankauf der Goldmünzen über den Tisch zog und nur wenige Cent pro Krügerrand bezahlte.

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

Grüner hält Notausgang für lebensgefährlich
Die Garchinger Grünen warnen vor einer Gefahrensituation im Römerhoftheater. Und greifen den Bürgermeister hart an.
Grüner hält Notausgang für lebensgefährlich
Betrunkener (67) rammt Anhänger
Über 1,1 Promille Alkohol im Blut hatte ein 67-Jähriger, als er einen Auffahrunfall verursachte.
Betrunkener (67) rammt Anhänger
Auffahrunfall vor „Neubiberger Röhre“
Ein Lkw bremste wegen der Höhenbegrenzung - und dahinter krachten drei Pkw auf der A8 bei Neubiberg ineinander.
Auffahrunfall vor „Neubiberger Röhre“
Feueralarm an der TU
Einen Brand an der Technischen Universität in Garching konnte die Werkfeuerwehr zügig bekämpfen.
Feueralarm an der TU

Kommentare