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An der Bohrstelle fühlt Andreas Lederle, Geschäftsführer der Erdwärme Grünwald, die Temperatur, mit der das Thermalwasser zurück in die Tiefe fließt.

Fall Poing löst Debatte aus

Bayern bebt: Ist die Geothermie schuld?

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    Josef Ametsbichler
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Geothermiekraftwerke gelten als wichtiger Pfeiler für die Energiewende. Nun hat an einer Bohrstelle die Erde gebebt: Wird Bayern durch die neue Technologie zum Erdbebenland?

Grünwald/Tutzing – Andreas Lederle, 53, rafft seinen Mantel zusammen, geht in die Hocke und streicht mit der rechten Hand über warmes Aluminium. Neben ihm verschwindet das graue Rohr im Boden, etwas dicker als ein Telefonmast. Hindurch fließt 60 Grad warmes Wasser zurück in den Untergrund, das eine Pumpe zuvor 127 Grad heiß aus gut vier Kilometern Tiefe an die Erdoberfläche geholt hat. Lederle ist dafür zuständig, dass der Temperaturunterschied bei den Einwohnern von Grünwald im Süden Münchens als Fernwärme ankommt. Er ist der Geschäftsführer der dortigen Geothermie-Anlage – und sagt: „Ich brenne dafür.“ Wenn Lederle über Erdwärme spricht, dann fallen gewichtige Worte wie „Wertschöpfung vor Ort“ und „Kehrtwende in der Energieversorgung“. Aber auch jenseits dieser Formulierungen, die nach Werbeprospekt klingen, ist ihm die Begeisterung anzumerken. Wenn er zwischen Pumpen, Rohren und Wärmetauschern gestikuliert und erklärt, wie aus Thermalwasser Wärme und Ökostrom entstehen.

Geothermie ist ein Hoffnungsträger für die Energiewende. Grüne Wärme und Strom, unerschöpflich, rund um die Uhr verfügbar. Laut dem Bundesverband Geothermie sind in Deutschland 33 Anlagen in Betrieb, mehr als die Hälfte davon befindet sich in Oberbayern. Im Molassebecken, das sich vom Bodensee quer durch den Großraum München bis Niederbayern zieht. Aber jetzt hat die Erde gebebt – und es kommen Fragen auf.

Geothermie in Oberbayern: An 22 Standorten wird in die Tiefe gebohrt.

Auch Lederle und sein Kollege Wolfgang Geisinger, der die Verbundanlage der Gemeinde Unterhaching leitet, haben die Geschehnisse in Poing im Kreis Ebersberg verfolgt. Dort musste das Bayernwerk am Montag seine Geothermie-Fernwärmeanlage vorerst abschalten – der Druck auf das Unternehmen war zu groß geworden, nachdem am Samstag zum dritten Mal innerhalb von neun Monaten ein leichtes, aber spürbares Erdbeben die Gemeinde erschüttert hatte.

In Bayern bebt die Erde häufiger - aus natürlichen Gründen

Bayern, ein Erdbebenland. Auf den ersten Blick passt das nicht. Tatsächlich misst der Erdbebendienst pro Jahr aber hunderte Erdbeben mit natürlicher Ursache, besonders im Norden an der Grenze zu Sachsen, Richtung Inntal und bei Bad Reichenhall. Erst gestern bebte es dort fünf Sekunden lang, aber so schwach, dass der Mensch es nicht wahrnimmt. Das Beben in Poing der Stärke 2,1 auf der Richterskala machte sich dagegen bemerkbar.

„Ein Zusammenhang mit der Geothermiebohrung ist nicht bewiesen“, sagt Diplom-Geophysiker Tobias Megies, 35, von der Ludwig-Maximilians-Universität in München. „Aber die Indizien sprechen dafür.“ Einerseits die räumliche Nähe zum Bohrloch, andererseits die Tatsache, dass in der Gegend seit Beginn der Aufzeichnungen nie zuvor Erdstöße auftraten. Auch im Umfeld anderer Geothermiebohrungen hat es schon gebebt. 2009 in Wolfgang Geisingers Revier in Unterhaching zum Beispiel, Stärke 2,1. Auch das Bayernwerk in Poing und die Kraftwerk-Chefs Lederle und Geisinger sehen aber nicht zwingend einen Zusammenhang zwischen Beben und Bohrungen. Die Branche wartet auf ein Gutachten des Leibniz-Instituts für Angewandte Geophysik in Hannover, das Klarheit über die Ursache der Poinger Beben schaffen soll.

Besteht durch Geothermie akute Gefahr? „Bislang sind wir mit den gemessenen Stärken in einem Bereich der Belästigung und Beunruhigung“, sagt Experte Megies. Bei einer Magnitude von 2,1 seien größere Schäden nicht zu erwarten. Was das abgekühlte Thermalwasser mit vorhandenen Spannungen im Gestein macht, sei aber im Vorfeld nur schwer abzuschätzen. Immerhin: Sollte doch einmal etwas passieren, haben Betroffene einen Anspruch auf Entschädigung. Nach einer Gesetzesänderung 2016 müssen Betreiber von Geothermieanlagen in Schadensfällen nachweisen, dass sie nicht der Verursacher sind. Dafür fordert der Gesetzgeber an allen Standorten Anlagen für Seismikmessungen.

Einen Fall gab es, da schlugen die Zeiger enorm stark aus. Die Kleinstadt Staufen bei Freiburg in Baden-Württemberg wurde vor zehn Jahren bundesweit bekannt, als dort eine Bohrung in eine falsche Erdschicht geriet und völlig missglückte. Der Untergrund in vielen hundert Metern Tiefe weichte auf, die Erde bebte immer wieder heftig. An manchen Stellen hat sich der Boden seitdem um 62 Zentimeter gehoben und um 45 Zentimeter zur Seite bewegt. Mehr als 270 Gebäude haben Risse, noch immer hebt sich die Stadt um monatlich 1,8 Millimeter. „Es gibt Häuser, die werden auseinandergezogen und förmlich zerrissen“, sagt Bürgermeister Michael Benitz. „Wir sind seit zehn Jahren im Krisenmodus.“ Ein Fall, der sich nicht auf die Beben im Münchner Raum übertragen lässt – aber dennoch: Er wurde zu einem Symbol, dass der Eingriff in den Boden Gefahren birgt.

Auch in Bayern gibt es nicht nur Befürworter von Geothermie-Anlagen. Regina Fischer-Jech, 60, aus Tutzing am Starnberger See engagiert sich in einer Bürgerinitiative gegen die Stromerzeugung aus Tiefenbohrungen. Sie sei „subventionierter Atomstrom“, weil die Erde in der Region vergleichsweise kalt sei. Die Wasserpumpen müssten deshalb intensiv arbeiten. Das verbrauche viel Energie, die oftmals aus konventionellen Quellen wie Atomkraft stamme. „Die ganze Förderung hat eigentlich keinen Sinn“, sagt Fischer-Jech. „Das lohnt sich nur wegen der EEG-Umlage.“ Für die Wärmegewinnung, so wie sie die Münchner Stadtwerke vorantreibe, sei das Verfahren dagegen sinnvoll.

Geothermie-Gegner beobachten Standorte genau

Die Bürgerinitiative gegen Geothermie-Strom aus Tutzing hat über 1100 Mitglieder, die meisten aus der Region Weilheim und Starnberg. Ursprünglich gegründet hat sie sich, um ein Kraftwerk im Landschaftsschutzgebiet bei Bernried am Starnberger See zu verhindern. Es sollte das größte Strom-Kraftwerk in Mitteleuropa werden, sagt Fischer-Jech. Doch der Initiative geht es um mehr. „Wir haben auch die Kraftwerke in Holzkirchen und Wielenbach bei Weilheim genau im Blick.“ Es gehe nicht nur ums Neinsagen, sondern auch um Aufklärung. „Es gäbe Alternativen bei der Energiewende“, sagt Fischer-Jech. Etwa, kleine Wasserkraftwerke zu fördern oder den Haushalten die Nutzung ihres eigenen Photovoltaik-Stroms zu erleichtern. „Viele kleine Dinge machen auch gute Sachen“, sagt sie. „Aber das ist nicht im Interesse der großen Konzerne.“

Der Unterhachinger Geothermie-Geschäftsführer Geisinger warnt nach dem Fall Poing dagegen vor übertriebener Hysterie. Es gebe keinen Grund, das ganze Verfahren in Verruf zu bringen. Immerhin würden die Geothermie-Standorte in Oberbayern sonst problemlos arbeiten. „Wir werden genau überwacht und teilen unsere Messdaten mit der Wissenschaft“, betont er. Ein so massiver Eingriff in die thermalwasserführenden Gesteinsschichten wie manche Kritiker befürchteten, seien die Bohrungen ohnehin nicht. „Es entstehen keine Hohlräume“, sagt auch Andreas Lederle, während er über den Hof der Grünwalder Anlage schlendert. Die Motoren brummen. „Das ganze Wasser pumpen wir wieder zurück in den Boden.“

Unseren Kommentar zum Beben und den möglichen Konsequenzen lesen sie hier!

So funktioniert Geothermie

Unter Geothermie versteht man die Nutzung von Erdwärme, um Strom, Wärme oder Kälteenergie zu erzeugen. Im Erdkern in mehr als 6000 Kilometern Tiefe herrschen Temperaturen um 5000 Grad, die zur Erdoberfläche hin abnehmen. Die Erde speichert und bildet praktisch unerschöpfliche Wärmeenergie, die sich der Mensch durch Bohrungen nutzbar machen kann. Geothermie gilt als eines der umweltfreundlichsten und langfristig kostengünstigsten Heizsysteme. Man unterscheidet zwischen zwei Arten: Die oberflächennahe Geothermie macht Energie aus einer Tiefe bis 400 Metern nutzbar und wird in geschlossenen Systemen mit Erwärmesonden und Flächenkollektoren gefördert. Tiefengeothermie kann aus bis zu 7000 Metern Tiefe nutzbar gemacht werden und wird normalerweise in offene Systeme gespeist, indem heißes Grundwasser zur direkten Nutzung an die Erdoberfläche gefördert wird. Damit für die Erzeugung von Strom und den Betrieb von Fernwärmenetzen ausreichend hohe Temperaturen erreicht werden, muss tief gebohrt werden.

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