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Der neue Diakon im Pfarrverband Grünwald, Günter Bacher.

Gebärdensprache im Gottesdienst

Diakon kämpft für Gehörlose

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Der neue Diakon im Pfarrverband Grünwald, Günter Bacher (49), hat eine Leidenschaft: die Gebärdensprache. Damit kämpft er, dass auch Gehörlose am Gottesdienst teilnehmen können. 

GrünwaldVor rund 26 Jahren fragte ihn der damalige Pfarrer im Priesterseminar in Pfarrkirchen, Bistum Passau, wer mit ihm gehen will zur Weihnachtsfeier der Gehörlosen. Er brauchte jemanden, der das Hochgebet und das Evangelium mitliest, während er gebärdet. Der Seminarist ließ sich nicht lange bitten und saß nach dem Vortrag zwischen den Gehörlosen. „In diesem Kreis habe ich mich sehr wohlgefühlt.“ Auf die Bitte des Pfarrers hin trat er kurze Zeit später die Nachfolge des Pfarrers als Gebärdensprachler an. Er besuchte Vorlesungen für Gehörlosenpädagogik in München, in der Kirche gab es dafür noch keine Ausbildung.

In der Erzdiözese München und Freising gibt es 1500 bis 1700 Gehörlose. Eine Zählung gibt es nicht, aber man kann davon ausgehen, dass in etwa jeder 1000ste Einwohner gehörlos ist. Dass in Grünwald kein Gehörloser lebt, liegt für Bacher mitunter daran, dass 30 Prozent arbeitslos sind, und Grünwald als teuerstes Pflaster nicht die erste Adresse für eine Niederlassung sein dürfte. Günter Bacher ist es ein Bedürfnis, mit Missverständnissen aufzuräumen: Sie treten vornehmlich dann auf, wenn man die Sprache der Gehörlosen von der Lautsprache her denkt.

Will ein Gehörloser sich über etwas im Kreisverwaltungsreferat beschweren, muss er sich um einen Dolmetscher kümmern und die Behörde bitten, diesen zu bezahlen. Die Kosten werden erstattet. Das findet der Grünwalder Diakon absurd und auch in gewisser Weise diskriminierend, da jeder einzelne Besuch dadurch erheblich erschwert werde. Er plädiert dafür, dass in der Gesellschaft ein anderes Bewusstsein entsteht und wünscht sich ein gleichwertiges Kommunikationssystem sowohl für die Laut- als auch für die Gebärdensprache. Wie stellt man sich das vor? Ganz einfach, findet der Diakon. Da einer von 1000 Menschen gehörlos ist, müsse einer von 1000 auch die Gebärdensprache gut beherrschen und die Kundenbetreuung übernehmen. Klingt überzeugend, aber von dieser Vorstellung ist man in der Welt der Lautsprache weit entfernt.

Dabei lohnt ein Blick in die Welt der Gebärden. Die Vielfalt der Ausdrucksmöglichkeiten ist erfrischend. In diesem Zusammenhang zitiert Diakon Bacher niemand geringeren als Papst Benedikt XVI. mit seinen Worten: „Es gibt so viele Religionen wie es Menschen gibt.“ Die Bandbreite ist unendlich. Das gilt für Günter Bacher auch im Hinblick auf die Sprachfähigkeiten: „Lautsprache geht übers Ohr und wird durch den Mund produziert.“ Bei der Gebärdensprache handelt es sich laut Bacher um eine völlig andere Darstellung der Realität. Auditiv und visuell, das sind zwei verschiedene Kanäle. Eine große Stärke der Gebärdensprache liegt darin, mehrere Aussagen zu bündeln. Günter Bacher: „Man kann die Gebärde aufteilen.“ Zum Beispiel das Einschenken von Wasser in ein Glas. Der Gesprächspartner sieht genau, welchen Umfang die Flasche hat und die Form des Glases lässt sich exakt darstellen. Auch die Geschwindigkeit, mit der das Getränk hineinfließt, kann angezeigt werden. „Diese Fülle von Informationen kann in einer Bewegung verpackt werden.“ Eine Erklärung in der Lautsprache würde zeitlich viel länger dauern.

Ein großer Vorteil der Gebärdensprache besteht auch darin, dass Sprachbarrieren viel leichter überwunden werden als in der verbalen Rede. „Kommt ein Gehörloser aus Japan hierher, ist schnell ein Weg zur Kommunikation gefunden.“ Ganz egal, ob der die deutsche Gehörlosensprache kann oder nicht – eben aufgrund der mannigfaltigen visuellen Möglichkeiten, sich auszudrücken.

Die Spiritualität bietet viel Raum für Entfaltung. Sie ist allerdings stark durch das Hören geprägt: Musikstücke, Texte und vieles andere. Die Kunst sei, die lautsprachlich geprägte, christlich katholische Spiritualität in eine Gebärdenspiritualität umzuändern. „Da braucht es gebärdenpoetische Ansätze.“ Diakon Bacher hat jahrelang dabei mitgeholfen, Aufbauhilfe zu leisten. Ein gemeinsamer Psalmengesang zum Beispiel ist für Gehörlose „unglaublich schwierig“. Während man mit den Ohren eine absolute Raumwahrnehmung erfährt und einen Gesang anstimmen kann, ist der Raum beim Sehen für die Übertragung von Informationen enger gefasst. Die Herausforderung bestehe darin, sich beim Stundengebet oder beim Singen eines Liedes in einen Rhythmus hineinzubegeben. „Dazu muss man frei im Kreis stehen, auf die anderen blicken und gleichzeitig den Text kennen.“ Das Singen mit Ohren schaffe eine völlig andere Möglichkeit der Koordination.

Solche Barrieren in der Spiritualität sind schwer zu überbrücken. Sinnbildhaft für solche Hindernisse steht gegenüber dem Pfarrheim die Burg Grünwald. In den hohen Mauern sieht der Diakon die Barriere, mit denen die Gehörlosen zu kämpfen haben. Günter Bacher streitet in der Sache tapfer mit.

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