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Kennt sich mit Kampfhunden aus: Claus Reichinger

Beißattacke auf Jogger in Grünwald

Hunde-Experte sagt: „Kampfhunde sind nicht aggressiver als andere Rassen“

  • Marc Schreib
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Eine Anfrage im Gemeinderat bezüglich Beißattacken von Kampfhunden in Grünwald hat den Tierschutzverein auf den Plan gerufen. Oliver Schmidt wollte wissen, wie viele Kampfhunde in der Gemeinde gemeldet seien. Er sei von einem solchen gebissen worden.

Landkreis – Seit über zehn Jahren ist Claus Reichinger (59) aus Haar im Vorstand des Tierschutzvereins München. Er kümmert sich seit 14 Jahren hauptsächlich um die so genannten „Listenhunde“. Seines Wissens ist es unmöglich, dass der Grünwalder beim Joggen einem Kampfhund begegnet ist. Insgesamt werden 19 Rassen in Bayern so bezeichnet, fünf sind verboten und dürfen ohnehin nicht gehalten werden. Bei den restlichen Rassen ist ein Wesenstest erforderlich. Gilt der Hund gutachterlich als gutmütig, handelt es sich qua Definition nicht mehr um einen Kampfhund. Im Gespräch erzählt Reichinger von seiner Arbeit mit Listenhunden.

Herr Reichinger, was müssen Jogger beachten, wenn sie einem gefährlich aussehenden Hund begegnen?

Es gibt viele Hunde, und das hat überhaupt nichts mit der Rasse zu tun, die sehen den Jogger als Reizquelle. Wenn Sie an einem solchen Hund vorbeirennen, lösen Sie etwas aus. Er rennt Ihnen nach und versucht schlimmstenfalls, Sie an einem Bein festzuhalten oder zu zwicken. Die Verantwortung dafür liegt beim Halter. Wenn ich weiß, mein Hund reagiert auf so etwas, dann muss ich ihn an die Leine nehmen. Außerdem hilft eine Hundeschule, in der daran gearbeitet wird, dass der Hund so etwas unterlässt.

Hinzu kommt, dass so ein Hund, der nicht gut erzogen ist, schlimmere Verletzungen anrichten kann als etwa ein Dackel.

Unterschätzen Sie mir einen Dackel nicht.

Ich wurde bereits von einem Exemplar gebissen.

Sehen Sie. Auch ein Dackel, der richtig auf Sie losgeht, kann verheerende Schäden anrichten. Aber: Wenn eine Dogge auf Sie zuspringt, dann hat sie viel mehr Gewicht, ein viel größeres Maul, wird deutlich größere Bissverletzungen hinterlassen als ein Yorkshire Terrier. Dazwischen spielt sich alles Mögliche ab.

Daraus resultiert vielleicht eine gewisse Grundangst bei Spaziergängern.

Aber das sollte man nicht von der Rasse abhängig machen. Nehmen Sie zum Beispiel die Polizei, die mittlerweile den belgischen Schäferhund (Malinois) einsetzt, weil diese Rasse ein Riesenpotenzial an Trieb in sich trägt. Den können Sie heute zum Einsatz, sagen wir, gegen Demonstranten benutzen, weil diese Hunde extrem stark in die Offensive gehen, wenn es um einen Notfall geht. Das zeichnet eben diesen Malinois aus, dass er keine Angst hat und triebstark in die Konfrontation hineingeht. Wenn Sie so ein Hund anfällt, dann ist das natürlich nicht sehr schön.

Was würden Sie Herrn Schmidt beim Joggen im Forst raten, wenn ein Hüne an Hund angelaufen kommt?

Wenn man einen frei laufenden Hund sieht, sollte es einem zunächst egal sein, welche Rasse da frei herum läuft. Denn jeder Hund hat ein Potenzial, weshalb ich ihn genau beobachten würde. Wenn ich merke, dass er mir nachläuft, dann würde ich stehen bleiben und das Joggen unterbrechen. Ganz wichtig: Mit dem Hund bitte keinen Kontakt aufnehmen, das kann in die Hose gehen. Auf keinen Fall in die Augen schauen. Sollte er eine Drohgebärde ausführen, dann mit einem deutlichen Nein und einem Stopp mit den Händen signalisieren, dass man nicht will, dass er weiter vorgeht. Dann sollte man versuchen, sich abzudrehen und Distanz zu gewinnen.

Man muss dem eigenen Trieb widerstehen, davonzulaufen, oder?

Unbedingt. Der Hund ist deutlich schneller als der beste Sportler. Man kommt nicht davon, sondern löst stattdessen sämtliche Triebe aus. Die Wahrscheinlichkeit, dass er einen dann wirklich packt, ist beim zweiten Anlauf noch größer.

Würden Sie vorschlagen, die Handhabung mit Listenhunden in Bayern zu überarbeiten?

Wir haben mit den Vertretern fast aller Fraktionen im Landtag Kontakt aufgenommen und sind im Gespräch. Wir sind nicht der Meinung, dass jeder Hund erlaubt werden sollte. Wir wollen vielmehr bewirken, dass nicht generell gewisse Rassen einfach schlichtweg verboten sind. In den übrigen Bundesländern sind sie erlaubt, und da funktioniert es sehr gut.

Die Angst vor den so genannten Kampfhunden fußt vielleicht auch auf der Vermutung, dass ein Halter, der sich einen solchen Hund anschafft, ihn gerne scharf abrichtet.

Ich kann das nicht bestätigen. Ich befasse mich seit 14 Jahren hauptsächlich mit Listenhunden. Es gibt fünf Rassen in Bayern, die man nicht halten darf und die beschlagnahmt werden: der American Staffordshire Terrier, der Staffordshire Bullterrier, der American Pitbull Terrier, der Bandog und Tosa Inu. Die Szene der Kampfhunde ist in Deutschland offiziell auf null reduziert, es gibt immer noch ein paar illegale Hinterhof-Kampfhund-Szenen, aber sie sind nicht groß. Der Gesetzgeber hat hier deutliche Strafen vorgesehen, und es wird stark kontrolliert.

Aber trotzdem findet eine illegale Haltung statt.

Ja. Die Hunde, die man nicht halten darf, haben in München drastisch zugenommen. Aufgrund der hohen Nachfrage kreieren die Züchter im Nu eine neue Rasse und nennen sie, sagen wir, American Bully. Da sind zwar die Hunde mit drin, die man nicht halten darf, aber er steht auf keiner Liste. Die Leute kaufen also die Hunde für einen immensen Preis. Später beschlagnahmt das Kreisverwaltungsreferat sie, weil es sich um eben die Rassen handelt, die nicht erlaubt sind. Es folgt ein Riesenärger und die Tiere landen bei uns. Das ist der eine Trend. Der zweite: Jeder, der sich einen Hund zulegt, kann bei der Anmeldung angeben, was er will. Sie holen sich also einen Pitbull und gehen zur Gemeinde und melden ihn als Yorkshire Terrier an. Es wird nicht geprüft.

Aber wenn er auf der Straße entdeckt wird, kann es eng werden?

Wenn zum Beispiel der Nachbar Sie anzeigt. Dann erst kommt die Gemeinde auf Sie zu und fragt: Was haben Sie da genau für einen Hund? Bringen Sie uns doch bitte ein Rasse-Gutachten. Das war’s dann. Trotzdem: Die Dunkelziffer der Menschen, die solche Hunde halten, ist exorbitant hoch.

Was können Sie für die Hunde tun, die zu Ihnen gebracht werden?

Das ist unser Thema beim Listenhundetag. Denn danach kommen sie zu uns ins Tierheim und wir versuchen, diesen Tieren wieder ein neues Zuhause zu vermitteln, bei Haltern außerhalb Bayerns. Ich mache das seit über zehn Jahren und habe schon mehrere hundert Hunde vermittelt. Jetzt beginnt man langsam in den anderen Bundesländern mit Abwehr und sagt: ’Leute, wir haben selbst schon genug Probleme mit diesen Rassen und wollen nicht auch noch die Hunde aus Bayern haben.’

Sind die Zwinger voll?

Da ich sehr engagiert bin und wir sie noch losbringen, sind bei uns zumeist rund zwölf Listenhunde untergebracht, hauptsächlich American Staffordshire Terrier und Pitbull Terrier aus Beschlagnahmungen. Es ist überschaubar.

Das heißt, die waren nicht bissfreudig oder auffällig?

Genau das Gegenteil ist der Fall. Die unauffälligsten Hunde von den rund 120, die wir versorgen, das sind die so genannten Kampfhunde. Die haben eigentlich immer am wenigsten angestellt. Die Hunde sind nicht aggressiver als andere Rassen. In Amerika ist der Staffordshire Terrier der Familienhund schlechthin. Da muss man sich schon wundern, weshalb ausgerechnet der bei uns verboten ist.

Hundehalter haben Grund zur Sorge: In Norwegen ist eine rätselhafte Krankheit ausgebrochen, vor der die Behörden inzwischen eindringlich warnen.

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