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Abwärts ins Isartal geht es für diese drei Mountainbiker.

Diskussion in Grünwald geht weiter

Ärger um Mountainbiker im Isartal: „Die Natur kommt unter die Räder“

  • Marc Schreib
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Während viele Mountainbiker im Isartal ihr Paradies gefunden haben, fürchten Naturschützer dort  um Fauna und Flora. Seit zehn Jahren wird das Problem diskutiert. Eine einvernehmliche Lösung scheint in weiter Ferne.

Grünwald – Wenn es laut knackt im Gehölz, dann rechnet Manfred Siering bei seinen Spaziergängen in den Isarauen nicht mit einem Reh. Mountainbiker sind die Ursache. Der Ornithologe und Naturschützer schlägt Alarm. Er kämpft seit Jahren darum, dass die Freizeitsportler „endlich aus dem Isartal verschwinden, statt hier alles kaputt zu walzen“. Das sieht die Deutsche Initiative Mountainbike (DIMB) naturgemäß anders.

Für Manfred Siering ist es wie eine Plage für die Natur. Die Radler fahren bei großer Hitze, bei Kälte, wenn der Schnee fällt und auch nachts mit ihren Scheinwerfern. Die Pfade werden immer breiter ausgewalzt, hinzu kommen in jüngster Zeit vermehrt E-Bikes und Pedelecs, die hier nach seiner Einschätzung niemals fahren dürften. Mit Breitreifen rücken sie an, den sogenannten Fatbikes. Die Antriebshilfe erlaubt es eine komfortable Fahrt auch für alte und korpulente Leute und „eben alle, die nicht dorthin hingehören. Die Natur kommt dabei unter die Räder.“ Es sei abzusehen, dass auch die letzte überwinternde Waldschnepfe vertrieben ist. Dass die letzte Kreuzotter und Ringelnatter überfahren werden. Siering findet jede Menge toter Erdkröten. Selbst Spitzmäuse würden von den Mountainbikes erwischt und getötet, weil sie in den Dämmerungszeiten unterwegs sind.

Mehr als zehn Jahre wird nach einer Lösung gesucht

Seit über zehn Jahren sitzen der Bund Naturschutz, der Landesbund für Vogelschutz, der Isartalverein, die ornithologische Gesellschaft, die deutsche Initiative Mountainbike (DIMB), die Mountainbikegruppe des Deutschen Alpenvereins und das Landratsamt und die Stadt München am Runden Tisch, ohne dass es für die Natur ein Aufatmen gegeben habe.

Im Landratsamt sieht man Fortschritte, wenn auch für die Öffentlichkeit bis dato nicht sichtbar. Laut Pressesprecherin Christine Spiegel ist es das erklärte Ziel aller Beteiligten, attraktive Routen durch das Isartal zu schaffen und damit klare Abgrenzungen vorzunehmen, auch um die Fauna und Flora im Isartal in den umliegenden Bereichen zu schützen. Dazu haben sich die Parteien in einer Art Friedenspakt bereits 2017 geeinigt.

Allerdings müssen vorab Sicherheitsfragen geklärt werden. Momentan wird ein Trägerverein für die Wegesicherung und Beschilderung gesucht. In Frage kam theoretisch der Erholungsflächenverein. Er winkte ab. Das Problem, weshalb der Fortgang ins Stocken geraten ist: Die juristische Frage zu Haftung der jeweiligen Eigentümer und eines möglichen Betreibers ist immer noch nicht abschließend geklärt. Die nächste Sitzung mit allen Beteiligten, ein runder Tisch, ist erst fürs Frühjahr 2020 anvisiert.

Lesen Sie auch: Ein Mountainbiker hat am Sonntag in Schliersee einen Naturschutzbeauftragten des Landratsamtes im Rotwandgebirge verprügelt. Die Polizei sucht Zeugen.

Deutsche Initiative Mountainbike findet: Lage hat sich entspannt

Über 81 000 Mitglieder hat die Deutsche Initiative Mountainbike und vertritt ihre Interessen. Für sie ist es ein Erfolg, dass man das weitere Vorgehen abgesteckt habe und in den vergangenen Jahren keine negativen Berichte über Mountainbiker vermeldet wurden. Das zeige, dass sich die Lage entspannt habe. Ein Betretungsverbot in Teilen des Isartals lässt sich seiner Meinung nach nicht durchsetzen. Eine gewisse Lenkung durch das Ausweisen eines beschilderten Weges hält er für vernünftig.

Manfred Siering erkennt nicht, dass sich die Lage irgendwie entspannt. Im Gegenteil. Er hat höchste Bedenken, dass die wertvollen Arten in den Isarauen, der Schatzkammer der Artenvielfalt, verloren sind. Siering ist heilfroh, dass bislang kein Trägerverein gefunden wurde. Die Naturschutzverbände überlegen sich stattdessen, auf EU-Ebene zu klagen. „Das ist wohl die einzige Notbremse, die wir Naturschutzverbände nutzen können.“ Der Grünwalder pocht auf die Einhaltung geltender Gesetze, zum Beispiel auf die Einhaltung des Verschlechterungsverbots in Flora-Fauna-Habitat-Gebieten. Er sieht die Brutvogelzahlen steil bergab gehen. Da seien auch Rote-Liste-Arten darunter wie der Waldlaubsänger (von 25 auf acht Paare reduziert) oder der Gartenrotschwanz.

Naturschützer sorgen sich um die Tiere

Hauptsächlich aber werden nach seiner Einschätzung die bodenlebenden Tiere weniger, die Amphibien und Reptilien. Nur ein Hundertstel der Kreuzottern und ein Zehntel der Ringelnattern seien noch vorhanden, die früher hier lebten. Genaue Zahlen kann er in diesem Fall nicht liefern. Das Verhängnisvolle: Die wechselwarmen Tierarten kommen in den Morgenstunden auf die Wege, um sich in der Sonne aufzuheizen. „Wenn ein Mountbiker mit 15 Stundenkilometer daherkommt, schaffte sie es nicht mehr weg, weil sie noch nicht ihre volle Betriebstemperatur hat.“

Bei seinen Führungen im Isartal fahren regelmäßig Mountainbiker auf den Pfaden vorbei, wenn Manfred Siering gerade eine Vogelstimme erklärt. Er kann sich in diesen Fällen nicht verkneifen, darauf hinzuweisen, dass die Isarauen für Fahrräder nicht zugelassen sind. Viele werden über die digitalen Medien via Apps ins Isartal geführt: „Isartal, abenteuerlich, schwingende Wege, ideal, um für alle Schwierigkeitsgrade zu üben.“ Das Problem ist nach Sierings Ansicht die fortwährende Duldung des Radverkehrs in der Wildnis seit über zehn Jahren. „Wir müssen eine Verordnung haben, an der gearbeitet wird. Dann steht eben der Polizist hinterm Baum. Es kommt zur Anzeige, und es gibt Bußgelder, die so saftig sind, dass es weh tut.“ Sein Wunschtraum ist, dass die Naturschutzwächter eine Handhabe bekommen. Im Moment können sie nur appellieren: Bitteschön, hier nicht. Siering: „Besser wäre ein Quittungsblock für den Bußgeldbescheid.“

Diese Regelungen sind laut Landratsamt München für das Isartal eigentlich vorgesehen: Das Radfahren im Isartal ist nur auf Straßen und geeigneten Wegen zulässig. Dies ist im Bayerischen Naturschutzgesetz (Art. 30 (1)) und im Bayerischen Waldgesetz (Art. 13 (3)) geregelt. Grundsätzlich kommen für eine Trägerschaft die Stadt´und der Landkreis München sowie Verbände in Frage. Letztere haben eine mögliche Trägerschaft jedoch verneint. 





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