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Der neue Chef: Polizeidienststellenleiter Andrea s Forster vor dem Grünwalder Polizeigebäude, das im Sommer bei ausgefahrenem Sonnenschutz richtig adrett aussehen kann. 

Nun managt er fast 50 Beamte

Neuer Polizeichef in Grünwald: Ein Hartgesottener fürs Isartal

  • Marc Schreib
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Er hat Entführungsopfer gesucht, in Wackersdorf flogen ihm Brandsätze um die Ohren und er sicherte Anschlagsspuren der RAF: Den neuen Polizeichef von Grünwald haut so schnell nichts um. Jetzt wird es für den Hauptkommissar vielleicht etwas ruhiger. Auf jeden Fall erfüllt sich für ihn ein Lebenstraum.

Grünwald – Mit dem Landkreis München ist Andreas Forster (56) vertraut. Seit 24 Jahren wohnt er in Unterhaching und verfolgt das Geschehen in den Gemeinden. Aus polizeilicher Sicht ist die Lage gut, sehr lebenswert, sagt er. Und nun ist er zuständig dafür, dass es so bleibt: Seit 1. April leitet der 56-Jährige die Polizeidienststelle in Grünwald. Ihm unterstehen nun knapp 50 Beamte, in den vergangenen Monaten sind es mehr geworden. Die Inspektion sei gut ausgestattet. „Ich will mir jetzt ein Rennrad kaufen“, kündigt er mit Blick auf sein neues Einsatzgebiet im schönen Isartal an.

Forster, seines Zeichens Erster Polizeihauptkommissar, löst Polizeirat Martin Eisele, ab. Dieser wiederum musste einspringen, weil sein Vorgänger Andreas Aigner suspendiert worden war. Es stand der Verdacht der Vorteilsnahme im Raum.

Wenig Kriminalität im Landkreis München

Hier ein Einbruch, da ein Enkeltrick – „gestern ist zum Beispiel meine Schwiegermutter von einem falschen Polizisten angerufen worden und hat gleich wieder aufgelegt“, erzählt Forster im Gespräch mit dem Münchner Merkur. Die Kriminalitätsbelastung aber sei vergleichsweise niedrig in Grünwald, durch Corona noch niedriger: Weniger Menschen gingen auf die Straße, mehr Grenzkontrollen wurden durchgeführt, alles spielt zusammen.

Vergebliche Suche nach Urlsula Herrmann

Als Andreas Forster vor knapp 40 Jahren zur Polizei kam, hatte er eine Organisation vor sich, die mit heute kaum zu vergleichen ist. „Es war ein reiner Männerverein“, nennt er ein Beispiel. Zwölf Jahre war er zunächst bei der Bereitschaftspolizei. Ganz zu Anfang, im ersten Ausbildungsjahr, erinnert sich der Unterhachinger an die Suche nach dem elfjährigen Entführungsopfer Ursula Herrmann am Ammersee. Eine Hundertschaft suchte tagelang die Höhenzüge ab. Erst später wurde das Kind verscharrt in einer Kiste tot gefunden. Der Fall ist immer noch nicht abgeschlossen.

Atomgegner-Demos in Wackersdorf

Noch eine Ausbildungserinnerung: Bei den Friedensdemonstrationen in den Wiley Barracks in Neu-Ulm, damals eine amerikanische Kaserne, musste Andreas Forster mit seinen Kollegen Demonstranten forttragen. Als Gruppenführerbei der Bereitschaftspolizei flogen dem jungen Polizisten dann bei den Protesten gegen die Wiederaufbereitungsanlage Wackersdorf die Geschosse und Brandsätze um die Ohren. Ohne größere Blessuren, sagt er. „Mal eine Schramme, das ja.“

Als Bereitschaftspolizist hatte Andreas Forster übrigens auch eine Berührung mit dem jetzigen Dienstort – eine hektische und blutige. Das Denkmal von Karl Heinz Bekurts und Eckhard Groppler an der Strecke nach Straßlach erinnert an die Gräueltat: Der Siemens-Manager und Atomphysiker Beckurts und sein Chauffeur Groppler wurden dort bei einem Bombenanschlag auf der Fahrt nach Grünwald getötet. Zu dem Anschlag bekannte sich die RAF.

RAF-Anschlag zwischen Straßlach und Grünwald

Wer genau die Täter waren, ist bis heute ungeklärt. „Ich habe das Fahrzeug gesehen, in dem die beiden Opfer saßen. Es war ein gepanzertes Auto“, erinnert sich der heutige Polizeihauptkommissar. Die RAF hatte den Sprengstoff an einem Baum befestigt, damit er nun in eine Richtung wirkt. Das Auto wurde auf die gegenüberliegende Straßenseite katapultiert und aufgesprengt. „Wir fanden Autoteile 100 Meter weit entfernt.“ Am Tatort lief dem jungen Bereitschaftspolizisten der ebenfalls herbeigeeilte Ministerpräsident Franz Josef Strauß über den Weg.

Nach der Zeit in der Bereitschaftspolizei bereitete sich Andreas Forster dann auf den gehobenen Dienst vor und kam anschließend nach Milbertshofen. „Das absolute Gegenstück zur Grünwalder Inspektion“, sagt er. Zumindest damals. „Es gab schon Gegenden, die ich als eigenartig empfunden habe.“ Kleine Räubereien auf offener Straße, Körperverletzungen kamen da schon vor und Raufereien vor Diskotheken. Er blieb bis zur Fußballweltmeisterschaft 2006. Die wollte Forster gerne auf der Straße verbringen. „Es war fantastisch und ein sehr schönes Erlebnis.“

Seine jüngste Station vor Grünwald war das Kommissariat für Cybercrime an der Tegernseer Landstraße in München. Auch am Computer kennt sich der neue Chef also aus, bastelt daheim am eigenen Server herum.

In Grünwald hat Forster bislang vor allem positive Erfahrungen gemacht. Nach einer Radkontrolle zum Beispiel hat ihm ein Grünwalder in einer E-Mail gedankt, dass er von den Kollegen fachkundig und freundlich darauf aufmerksam gemacht wurde, dass er auf der falschen Seite fuhr. Der Verkehrssünder schrieb mit Blick auf die Grünwalder Beamten: „Eine Zierde für die bayerische Polizei.“ Im Oktober ist Andreas Forster 40 Jahre Polizist. Sein Traum war es immer, eine eigene Inspektion zu leiten. Jetzt ist er wahr geworden.

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