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Typisch: An einem späten Nachmittag lässt die Sonne das Wasser der Isar bei Grünwald golden funkeln. Der Pegel ist so niedrig, dass die Menschen auf Kiesbänken liegen. So kennt man die Isar.

Ein Besuch am Flussufer

Darum ist die Isar der schönste Fluss der Welt

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Grünwald/Pullach - Die Isar ist der schönste Fluss der Welt. Das sehen zumindest viele Menschen aus der Stadt und dem Landkreis München so. Doch was macht die Isar so besonders?

An einem späten Nachmittag zu Beginn der Sommerferien läuft ein Kind in den Fluss, der Kies unter seinen Füßen knirscht. Der Bub schleudert einen Stein im flachen Winkel übers Wasser, der fast bis ans andere Ufer flippert. Die Sonne lässt das Wasser golden funkeln. Als man sich fragt, wie die Szenerie noch klischeehafter werden kann, treiben drei Enten quakend im Wasser vorbei. Die Isar schert sich eben nicht um Vorurteile. Sie ist, was sie ist. 

Nur der Verkehrslärm stört das Kopfkino und erinnert einen daran, wo man sich befindet. Autos rauschen über die Grünwalder Brücke, darunter sind nicht selten Porsches und BMW. Auch am Isar-Parkplatz auf der Grünwalder Seite stehen ein paar edle Karossen. Doch unten in der Schlucht zwischen den reichen Gemeinden Pullach und Grünwald, durch die sich die Isar schlängelt, ist der Status egal. Hier flackt der Student neben dem Banker auf der Kiesbank, hier stört sich der Opa nicht daran, wenn ein paar Meter weiter Jugendliche ums Lagerfeuer tanzen, während die Bässe aus dem Ghettoblaster wummern. Und auch das verliebte Pärchen tut so, als wäre der Hund gar nicht da, der vor ihnen durchs Wasser einer Ente nachjagt. An der Isar sind alle gleich. Würden sich die Ultras des FC Bayern und des TSV 1860 München am Isar-Ufer treffen, sie würden sich wahrscheinlich die Hand geben und gemeinsam Steine über das Wasser flippern lassen. Der Fluss zaubert bei seinen Besuchern die Münchner Gemütlichkeit hervor.

Die Isar beeinflusst die Menschen über Generationen hinweg

Stylisch: Ein Mülleimer an der Isar.

Es heißt, Flüsse prägen die Städte, durch die sie fließen. Paris hat die Seine, London die Themse, Rom den Tiber. München hat die Isar. Die Menschen aus Stadt und Landkreis München sind bekannt für ihre Mia-San-Mia-Mentalität. Für viele ist München die schönste Stadt der Welt. Folgerichtig ist die Isar der schönste Fluss der Welt. Das ist nicht arrogant, das ist einfach Fakt – zumindest sehen das die Isarianer so. Der Fluss beeinflusst nicht nur die Stadt und den Landkreis München, sondern auch die Menschen, die in seiner Nähe leben, und zwar über Generationen hinweg. 

Anton Kronthaler, 28 aus Giesing, und Lutz Wenninger, 26 aus Harlaching, sind mit dem Motorrad nach Grünwald an die Isar gefahren. Am Ufer haben die beiden Studenten ein Feuer gemacht. Sie grillen Nürnberger Rostbratwürstl. Als man sie fragt, ob man sie für einen Artikel über die Isar interviewen dürfe, sind beide begeistert. Über die Isar geben sie gerne Auskunft. Anton Kronthaler streckt die Hand aus und sagt: „Meine Freunde nennen mich Done.“ Die erste Erinnerung an die Isar hat er von seinem achten Geburtstag, den er mit seiner Familie am Fluss gefeiert hat. Die Isar sei, soweit er zurückdenke, einfach schon immer da gewesen, sagt er. Kumpel Lutz nickt. 

Münchens Gründungsgeschichte kennt jedes Kind: Zuerst war die Isar da

Weiter vorne auf der Kiesbank wabert bei leichtem Wind der Rauch eines Grills vorbei. Eine türkische Großfamilie, zwei Kinder, drei Männer und vier Frauen, hat sich dort niedergelassen. Mit einem Leiterwagen haben die Männer Grill und Verpflegung vom Parkplatz nach unten ans Ufer gekarrt. Eine blaue Ikea-Tasche liegt im Wasser. Darin klirren die Augustiner-Flaschen. Das jüngere Kind muss das Laufen erst vor Kurzem gelernt haben. Es ist ziemlich wackelig unterwegs auf dem Kies. Als es einmal seinem etwas älteren Bruder hinterherläuft, plumpst es vornüber ins seichte Wasser. Nun sitzt es in der Isar und lacht. 

Münchnerisch: München und Bier gehört bekanntlich zusammen. Folgerichtig gehören auch Isar und Bier zusammen. Zwei Flaschen stehen hier für Flaschensammler bereit.

Münchens Gründungsgeschichte kennt jedes Kind: Zuerst war die Isar da. Dann haben sich die Münchner am Fluss angesiedelt und sich seit Jahrhunderten daran orientiert. Die Frage ist: Was macht der Fluss mit den Menschen? Dobra Hicker muss es wissen. Sie ist so etwas wie das Sprachrohr zur Seele der Isar. Die Bulgarin schmeißt seit 2010 den Kiosk an der Grünwalder Brücke. Davor hat sie seit 1999 im Kiosk an der Großhesseloher Brücke gearbeitet. Sie kennt die Isar und die Leute, die hier herkommen zum Baden, Reden, Grillen, Chillen. Der Kiosk am Brückenpfeiler ist die letzte Station, bevor man hinabsteigt ans Ufer der Isar bei Grünwald. Die Menschen decken sich hier mit Bier oder Spezi ein. Dobra Hicker hat schon viele runtergehen und wieder hochkommen sehen. Sie kann daher vergleichen zwischen den Menschen vor dem Isar-Besuch und danach. Sie sagt, der Fluss gebe den Menschen neue Kraft. Manche würden traurig hinunter- und glücklich wieder aufsteigen. „Die Isar bringt dich wieder zum Aufwachen.“ Für diese Art von Verbindung zwischen Fluss und Menschen kenne sie nur das bulgarische Wort „Oblagorodjawa“, sagt sie. Wörtlich übersetzt heißt es Züchtung. Sinngemäß: Die Isar macht die Menschen zu dem, was sie sind. Doch Vorsicht, warnt Dobra Hicker in gebrochenem Deutsch: „Wenn Wetter traurig, Isar ist unheimlich.“ 

Angeblich nannten die Kelten die Isar "Isara", also die "Reißende"

Angeblich nannten die Kelten die Isar „Isara“, also die „Reißende“. Das hat einen guten Grund: Starke Sommerniederschläge lassen den Pegel der Isar schnell ansteigen. Dann überfluten gewaltige Wassermassen die breiten Kiesbänke. Der ruhige Fluss verwandelt sich in einen lebensgefährlichen Strom. Erst am vergangenen Wochenende haben die Landratsämter von München und Wolfratshausen verboten, auf der Isar mit dem Schlauchboot zu fahren. Zu unruhig das Wasser, zu groß die Gefahr, zu kentern. Trotzdem wagten ein paar Unerschrockene die wilde Schlauchboot-Fahrt. Das Ergebnis: Ein Schlauchboot mit vier Insassen kenterte am Samstag bei Baierbrunn. Zwei Personen konnten sich schwimmend ans Ufer retten. Die anderen beiden saßen am Mitteldamm unterhalb des Baierbrunner Kraftwerks fest und mussten von Einsatzkräften der Feuerwehr, Wasserwacht und DLRG mit Booten gerettet werden. Ein Wanderer hatte den Notruf abgegeben. In der Zwischenzeit gingen weitere Notrufe bei den Feuerwehren aus Baierbrunn, Ebenhausen, Pullach, Grünwald und Straßlach ein wegen havarierter Boote. Man darf den Fluss niemals unterschätzen. Dobra Hicker mahnt: „Die Isar verändert sich ständig.“ Das allerdings mache sie auch so interessant und ziehe die Menschen an. „Die Isar ist der interessanteste Teil von München.“ 

Es ist der erste Tag, an dem der Wasser-Pegel nach den Regenfällen vom Wochenende wieder etwas gefallen ist. Die Isar ist jetzt nicht mehr die „Reißende“, sie ist jetzt wieder die „Schöne“. Die Kiesbänke tauchen allmählich auf. Und die Menschen kommen zurück. Die Meteorologen sagen, der Herbst stehe bevor. Also steigen sie alle noch einmal eilig hinab ans Isar-Ufer. Schließlich könnte es die letzte Möglichkeit sein in diesem Jahr, an der Isar zu baden oder zu grillen. Wer sich an diesem späten Nachmittag im August oben bei Dobra Hickers Kiosk hinsetzt und die Menschen beobachtet, die hinunter steigen zur Isar, sieht vor allem die Münchner Gemütlichkeit. Und man spürt ein Verlangen: Kinder, Jugendliche, Erwachsene, Studenten, Arbeiter, Rentner, Ausländer, Deutsche – alle eint die Sehnsucht nach ihrem Fluss.

rat

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