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Ist mit der Natur groß geworden: Sigrid Hagen wuchs auf einem Bauernhof auf und hat sich schon immer gerne mit Tieren und Pflanzen beschä ftigt. 

Sigrid Hagen ist Leiterin des Walderlebniszentrums Grünwald

Herrin eines ganz besonderen Fleckchens Erde

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Seit acht Monaten leitet Sigrid Hagen (47) das Walderlebniszentrum in Grünwald. Dass die Försterin kein eigenes Revier hat, macht ihr nichts aus. Sie betreut mit ihren Mitarbeitern rund 70 Hektar Wald und ist mit der Sonderaufgabe betraut, Bildung zu vermitteln und aufzuklären über den Wald und seine Bedeutung für den Menschen.

Grünwald – Am Wochenende ist eine Kindergeburtstagsfeier in der Sauschütt geplant, die Eltern bringen zuvor einen Schatz für eine Schnitzeljagd. Hauptzelgruppe im pädagogischen Naturareal sind die Schulklassen und Kindergartenkinder. Auf der Spurensuche im Wald finden sie dann vielleicht einen Stamm, nehmen die Rinde in die Hand und entdecken den Borkenkäfer. „Für sie ist das ein Erlebnis, wenn sie sehen, welche Massen da drin stecken.“

Sigrid Hagen weiß, dass die Kinder im Wald gerne auf Tierspurensuche gehen. In Kleingruppen werden sie losgeschickt. Drei bis vier Kinder dürfen sich in einem abgesteckten Gebiet frei bewegen und nach Tierspuren suchen. Unter Rinden oder in Spinnweben.

Die 47-Jährige will den Wald als Lebensraum bildhaft vorstellen. Im Idealfall wird ein Kind motiviert, sich ernsthaft mit der Vielzahl an Tier- und Insektenarten zu beschäftigen, die im Wald leben. Stichwort Wildbienen. Man muss lange suchen, um Insektenkenner zu finden, der die dutzenden Arten erkennt. Die Artenvielfalt im Wald habe in den vergangenen 50 Jahren zugenommen, sagt die Försterin. „Der Wald wird artenreicher.“ Im Gegensatz zu den Arten auf der Flur, die in jüngster Zeit dramatisch zurückgehen.

In den Wäldern südlich von München wächst unter den Altholzbeständen Jungwald mit ganz vielen verschiedenen Baumarten auf – Buche, Eiche, Fichte, Tanne, Linde, Kiefer, Vogelbeere und Bergahorn. Das hat positive Auswirkungen auf Fauna und Flora. Der Buchdrucker zum Beispiel kann nur in der Fichte leben. Gibt es viele weitere Baumarten, ist der Schaden, den er anrichtet, begrenzt.

Jede Baumart hat ihren eigenen Borkenkäfer. Der Lärchenborkenkäfer zum Beispiel. Die Esche hat auch einen, den Eschenbastkäfer. Sigrid Hagen sieht es gelassen: „Er gehört zur Natur wie der Hirschkäfer auch oder die rund 400 Arten an Schwebfliegen.“ Je mehr Vielfalt, desto stabiler das System.

Sigrid Hagen ist auf einem Bauernhof mit zehn Hektar Wald in der Schwäbischen Alb groß geworden. In einem Milchviehbetrieb mit rund 20 Kühen und 30 Schweinen. Die Mitarbeit im elterlichen Betrieb empfand sie als beschwerliche Pflicht: „Die anderen Kinder durften ins Schwimmbad, wir mussten auf das Feld zum Kartoffeln-Auflesen oder zum Futterrüben-Anbau, sind mit der Harke durchgegangen und haben jedes Pflänzchen von Unkraut befreit, damit der Abstand von Rübe zu Rübe stimmt.“ Aber die Kinder durften auch mal weglaufen in den Wald. Dort bauten sie sich Häuschen in Form eines Tipi-Zeltes.

Zur Forstwirtschaft kam sie aus dem Naturschutzgedanken heraus. „Ich haben mich früh mit der Eine-Welt-Problematik beschäftigt, bin über die katholische Kirche hineingerutscht.“ Die Naturliebhaberin wurde auf die globalen Zusammenhänge aufmerksam: „Dass wir unseren Tiere Soja füttern, damit sie schnell viel Fleisch produzieren oder viel Milch geben.“ Dafür werden dann Regenwälder gerodet. Das hat die damals 16-Jährige sehr berührt und ihr klar gemacht: „Die Menschen sind dafür verantwortlich, dass die Welt so ausschaut, wie sie aussieht“.

Oder Holz zum Beispiel. Hier gehe die Tendenz dahin, die Natur mit Schutzgebieten und Nationalparks zu schonen. Gleichzeitig sei der Verbrauch von Holz größer als man nachhaltig einschlagen könne. „Das übrige Holz wird aus anderen Ländern importiert.“ Diese Botschaft gibt die 47-Jährige an ihre zumeist sehr jungen Gäste weiter.

Die Thematik hat sie dazu bewogen, beruflich einzusteigen und sie ist heute sehr froh über ihre Entscheidung. Nach drei Jahren im Revier im Spessart kam sie in die Umweltbildung und sieht sich hier am richtigen Platz: „Wir bewirtschaften den Wald, aber schauen trotzdem darauf, dass Totholz liegen bleibt. Der Staat stellt mittlerweile Fördergelder zur Verfügung, wenn man seinen Baum im Wald lässt, in dem sich eine Spechthöhle befindet.“

Auch mit dem Wildschweingehege hat sich die Försterin angefreundet. Ihr Vorgänger Josef Würzburger hatte zu den Tieren in der Sauschütt ein eher gespaltenes Verhältnis, er sieht sie lieber in der freien Natur auf der Pirsch. Sigrid Hagen dagegen fasziniert, wie schlau die Wildschweine sind.

In Grünwald bekommen sie als Futter Reste aus den Supermärkten. „Was die Bedürftigen übrig lassen, bekommen unsere Tiere. Wir sind froh, dass wir das kriegen.“ Privat versucht Sigrid Hagen, ihre eigenen Lebensmittel ohne Plastik einzukaufen. Das Gemüse und Obst kauft sie in ihrem Wohnort in Isen (Landkreis Erding) ökologisch ein. „Da geht man mit der Schüssel hin und kauft sein Mehl. Die Oliven lasse ich abfüllen und bringe mein Glas mit.“ Zu diesem privaten Umgang mit den Lebensmitteln passt auch der berufliche Werdegang: „Wir hinterlassen Spuren im Wald. Wichtig ist, dass es nachhaltig ist.“

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