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„Es gibt hier keine Probleme mit Flüchtlingen“: Ingrid Reinhart am Derbolfinger Platz in Grünwald. Die Grüne spricht sich gegen Fremdenfeindlichkeit aus.

Interview mit Ingrid Reinhart

"Wir sollten uns gegen Hetze aussprechen"

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Grünwald - Ingrid Reinhart sitzt für die Grünen im Grünwalder Gemeinderat und ist Sprecherin des Asyl-Helferkreises. Im Interview spricht sie über besorgte Mütter, schweigende Gemeinderäte und hasserfüllte Briefe.

Ruft man bei Ingrid Reinhart am Handy an und bittet sie um ein Interview zum Themenkomplex Flüchtlinge und besorgte Mütter in Grünwald, ist man überrascht. Denn die Grünen-Gemeinderätin druckst nicht herum. Sie ist sogar begeistert von der Idee eines Interviews. Selbstverständlich ist diese Bereitschaft nicht. Gerade in Grünwald ziert sich so mancher Politiker, über Hetze gegen und Angst vor Flüchtlingen zu sprechen. Anders Ingrid Reinhart. Die Sprecherin des Asyl-Helferkreises hat etwas zu sagen:

Frau Reinhart, schauen Sie eigentlich das Frühstücksfernsehen auf Sat.1?

Ingrid Reinhart: Eigentlich nicht. Wobei ich das kürzlich zum ersten Mal gesehen habe.

Sie wissen, worauf ich anspiele?

Ingrid Reinhart: Ja, auf diesen unsäglichen Beitrag über Grünwald, der gezielt Hetze gegen männliche Flüchtlinge macht. 

Es kommen zwei besorgte Mütter zu Wort. Sie äußern vor der Kamera ihre Ängste vor männlichen Flüchtlingen. Sie befürchten sexuelle Übergriffe auf Frauen. 

Ingrid Reinhart: Katja Goetz hat darin eine große Rolle. Ihr Anliegen ist es ja, keine männlichen Flüchtlinge in Grünwald zu haben. Sie behauptet unter anderem, dass sie auf der Straße sexuell belästigt und „angestriffen“ wurde. Die zweite besorgte Mutter, die in dem Beitrag vorkommt, wohnt gar nicht in Grünwald, sondern in Deisenhofen. Ich kenne sie zufällig, weil sie neben einer guten Freundin von mir wohnt.

Wie erklären Sie sich das? 

Ingrid Reinhart: Ich habe recherchiert. Frau Goetz hat gute Medienkontakte. Ich vermute, dass Sie auf Sat1 zugegangen ist. Aber das ist nicht gut für sie ausgegangen. Viele Grünwalder ärgern sich über den Beitrag, weil er so klischeehaft ist und Grünwald in ein falsches Licht stellt. Fakt ist: Es gibt hier keine Probleme mit Flüchtlingen. 

Das sagt auch der Bürgermeister, wenn auch zaghaft. Bei der jüngsten Gemeinderatssitzung hat niemand das Thema angesprochen. Wollen sich ihre Kollegen dazu öffentlich nicht äußern? 

Ingrid Reinhart: Normalerweise bin ich die, die dazu etwas sagt. Aber ich war damals so zugeschüttet von den Medienanfragen wegen dieses Themas. Ich war einfach müde und wollte es an diesem Tag nicht ansprechen. Aber es gibt ja samt Bürgermeister noch 24 andere im Gemeinderat. Jeder hätte was sagen können. 

Ist Schweigen in dieser Situation wirklich der richtige Weg? 

Ingrid Reinhart: Ich glaube, es gibt Gemeinderäte, die eine gewisse Sympathie für die besorgten Mütter hegen. Das Gremium sollte sich auf eine gemeinsame Aussage zu diesem Thema durchringen. Die Flüchtlingsfrage beschäftigt und bewegt ganz Grünwald. Wir Gemeinderäte sollten uns alle gegen Fremdenfeindlichkeit und Hetze aussprechen. 

In Grünwald wurden bewusst Gerüchte über Flüchtlinge gestreut. Ist es nicht auch die Aufgabe von Gemeinderatsmitglieder, aufzuklären und zu versuchen, bestehende Ängste abzubauen? 

Ingrid Reinhart: Auf jeden Fall ist das die Aufgaben von uns Gemeinderäten. Auch der Bürgermeister muss sich bei diesem Thema besser positionieren. Ein Statement im Isar-Anzeiger reicht nicht. Er macht nur das Nötigste. Neusiedl will der tolle Bürgermeister sein, der alles handelt. Ich verstehe das ja auch. Es ist schwer für ihn zuzugeben, dass er nicht dafür sorgen kann, dass nur Flüchtlingsfamilien und keine Männer mehr nach Grünwald kommen. Der Oberhachinger Bürgermeister, Stefan Schelle, zum Beispiel macht das deutlich besser, weil er offensiv damit umgeht. 

Was soll die Gemeinde tun? 

Ingrid Reinhart: Meiner Meinung nach muss die Gemeinde in der jetzigen Situation eine Bürgerversammlung ansetzen. Den Bürgern ist es ein großes Anliegen, dass sie Infos von der Gemeinde bekommen und sich aufgehoben fühlen. 

Kommen wir mal zu Ihnen persönlich. Sie sind Sprecherin des Grünwalder Asyl-Helferkreises. Im Zuge unserer Berichterstattung hat jemand einen Hassbrief an die Merkur-Redaktion und an die Gemeinde per Fax gesendet. Der oder die Verfasserin spricht Sie auch persönlich an. Wie gehen Sie mit solchen Anfeindungen um? 

Ingrid Reinhart: Ich habe keine Angst oder sowas.Ich weiß auch, dass nicht alle Grünwalder meine Ansichten teilen. Aber als öffentliche Person und Gemeinderätin muss ich auch Kritik und Anfeindungen aushalten. Ich fand speziell den Brief eher lächerlich. Ich weiß nicht, wer der Verfasser ist. Wegen der Tonalität des Briefes tippe ich auf einen älteren Herren. 

Haben Sie auch positive Reaktionen für Ihr Engagement bekommen? 

Ingrid Reinhart: Oh ja, gigantisch viele sogar. Wenn ich zum Einkaufen gehe, dauert das oft bis zu zwei Stunden, weil mich die Leute ansprechen. Sie loben nicht nur mich, sondern die ganze Arbeit des Helferkreises. 

Letztens haben Sie ein internationales Café mit Flüchtlingen organisiert. Es kamen unglaublich viele Besucher. War das eine Trotzreaktion von Grünwaldern, die zeigen wollten: Nicht alle hier sind besorgte Mütter? 

Ingrid Reinhart: Vielleicht auch das. Es war eher die Neugierde. Viele hatten sich vorgenommen: Ich schaue mir das jetzt mit eigenen Augen an. Am Anfang waren auch viel mehr Grünwalder als Flüchtlinge da, weil sich einige Flüchtlinge verspäteten. Nach und nach kam man dann ins Gespräch, freilich auf Englisch und mit Händen und Füßen. Wir wollen das Café nun etablieren. Es soll fortan monatlich stattfinden. Die Grünwalder haben dort Gelegenheit, Kontakte zu knüpfen. 

Wissen die Flüchtlinge eigentlich von den besorgten Müttern? 

Ingrid Reinhart: Es gibt eine Gruppe von Senegalesen – sehr gebildete Männer, allerdings mit null Aussicht auf Arbeit, weil der Senegal als sicheres Herkunftsland gilt –, die wollen nicht ins Dorf gehen, weil sie gemerkt haben, dass sie nicht gemocht werden. Sie sehen also: Ängste gibt es auf beiden Seiten. Da fällt mir übrigens gerade etwas Wichtiges ein, was ich fast vergessen hätte: Eine der besorgten Mütter kam zum internationalen Café. Sie hat sich bei mir geoutet. Letztendlich ist sie ziemlich lange geblieben und hat mit Flüchtlingen geredet. Ich fand das mutig.

rat

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