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„Reichstrunkenbold“: Robert Ley, „Führer der Deutschen Arbeitsfront“, pflegte einen ausschweifenden Lebensstil.

NS-Vergangenheit

Grünwald war die Heimat der Nazi-Größen

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Nach Pullach lässt nun auch Grünwald seine NS-Geschichte von Susanne Meinl erforschen. Die Historikerin präsentierte jetzt erste Ergebnisse.  Unter anderem fand sie heraus, dass Grünwald ein beliebtes Pflaster für hochrangige NS-Funktionäre war.

Grünwald – Reichsschatzmeister Franz-Xaver Schwarz galt als anständig. Dass er beim Erwerb des „Braunen Hauses“, der Parteizentrale der NSDAP in München, und beim Bau der Autobahn durchaus auch selbst verdiente, ging in der Öffentlichkeit unter. In Grünwald war er ab 1934 ansässig, im Parkschlösschen auf der Eierwiese, das ihm erst die Partei zur Verfügung stellte. Später schenkte es ihm Hitler dann zum 65. Geburtstag. Der andere: Robert Ley, „Führer der Deutschen Arbeitsfront“, der im Ersten Weltkrieg verwundet worden war, seither stotterte und trank, der es trotzdem zum Redner der NSDAP schaffte – und sein Luxusleben offen zur Schau stellte. Drei Jahre, nachdem Schwarz, sein Parteigenosse und Widersacher, ans rechte Isarhochufer gezogen war, baute auch er sich dort ein Haus. In Geiselgasteig.

Es ist erst der Anfang

Susanne Meinl erforscht die NS-Vergangenheit Grünwalds. 

Wie sich doch letztlich einige Parteibonzen in der Nobelgemeinde, die Grünwald damals vielleicht gerade erst geworden ist, häuslich niedergelassen haben, wie sie eingriffen ins Gemeindeleben im Fall von Schwarz oder eben auch nicht (Ley) – das hat jetzt Susanne Meinl in einem Vortrag berichtet. Die Historikerin erforscht im Auftrag der Gemeinde deren Geschichte während der NS-Zeit und hat an dem Abend unter der Überschrift „Der schöne Schein der ,Volksgemeinschaft’“ erste Ergebnisse ihrer Arbeit vorgestellt. Das Ganze, sagte sie, sei erst „ein Anfang“.

In einem zweiten Teil der spannenden Veranstaltung kamen dann noch drei Zeitzeugen zu Wort, die sich durchaus an Schwarz und Ley erinnerten. Auf jeden Fall an Ley und die Frau von Schwarz, Berta, die als leutselig galt. Der man schon mal sagen konnte, man glaube, der Krieg sei verloren. „Sagen Sie das nur nicht vor meinem Chauffeur“, meinte sie dann nur.

Funktionäre der Partei

Quasi in jeder Phase der „Bewegung“, erläuterte Meinl, fanden sich auch Funktionäre der Partei in der Isartalgemeinde. Der Hitler-Vertraute Martin Bormann hatte schon 1929 eine Villa in der Tölzer Straße bezogen, die er jedenfalls bis 1931 bewohnte. Ab 1933 hatte hier dann der bayerische Reichsstatthalter Franz Ritter von Epp eine Jagdhütte, SA-Brigadeführer Hans Zöberlein, Autor schwülstiger Romane, erwarb ein Grundstück im Waldweg, SS-General Sepp Dietrich ließ sich in der heutigen Dr. Max-Straße nieder. Und auch der Stenotypistin Josefine Bengesser gelang es, in Grünwald sesshaft zu werden. Über sie hat Meinl ein bisschen mehr herausgefunden, sie wurde 1933 NSDAP-Mitglied, kündigte dann auch gleich bei ihrem jüdischen Arbeitgeber. Sie ließ sich in der Reichszeugmeisterei anstellen, wo sie aber schlechter verdiente und auch nicht gut behandelt wurde. Sie war durchsetzungsstark, beschwerte sich – und wurde prompt besser gestellt. Jetzt konnte sie sich den Münchner Süden leisten.

Geburtstagsgast Hitler

Der Reichsschatzmeister in edler Uniform: Franx Xaver Schwarz, Gegenspieler von Robert Ley, Wahl-Grünwalder seit 1934. Ihm gehörte das Parkschlösschen auf der Eierwiese, das Hitler ihm eins schenkte.

Derweil mischte sich Franz Xaver Schwarz, einer der mächtigsten Nazis überhaupt, der, so Meinl, vom „Raub und Mord im Osten“ gewusst haben muss, an seinem neuen Wohnort durchaus auch in die Politik ein. Er setzte Konrad Buttersack als Bürgermeister durch, protegierte auch Christian Nusser, der NSDAP-Ortsgruppenvorsitzender werden wollte – nur um beide dann ziemlich schnell wieder fallen zu lassen. Als er 65 wurde und ihm das Schlösschen, in dem er seit sechs Jahren wohnte, geschenkt wurde, fand sich die versammelte NS-Prominenz bei ihm ein, auch Adolf Hitler, der insgesamt dreimal in Grünwald gewesen ist, kam. Daran erinnerten sich an dem Abend auch noch die Zeitzeugen, die viele viele Leute vor dem Haus auf der Eierwiese haben stehen sehen und rufen hörten: „Lieber Führer, komm’ heraus aus des Reichsschatzmeisters Haus!“. Er kam aber nicht.

Kinosaal und Bunker

Derweil: motzte Ley seine Villa mit einem Kinosaal auf, im Garten wurde später ein Bunker eingerichtet, der gleichzeitig ein Weinkeller gewesen ist; als die Grünwalder das Haus plünderten nach dem Krieg, konnten sie sich, wie die Zeitzeugen berichteten, nur wundern über die Weinregale, die sie hier vorfanden – freilich inzwischen leer geräumt. Er beschäftigte Bataillone von Bediensteten, und obwohl Schwarz ihm schon einmal aus der Bredouille hatten helfen müssen, nachdem er mit einem Zeitungskonzern pleite gegangen war, fuhr er mehrere Autos, hatte einen eigenen umgerüsteten Eisenbahnwaggon zur Verfügung, Flugzeuge ebenso. „Er war Hitler hündisch ergeben“, berichtete Meinl, wobei Hitler gern bei ihm zu Gast gewesen sei – allerdings im Haus in Berlin. Was aber mehr an Leys Frau Inga gelegen habe, eine „germanische Schönheit“, nonstop schwanger, die sich 1942 das Leben nahm.

Schwarz habe, sagte Meinl, die Bespitzelungen am Ort gefördert, gleichzeitig beäugte er das Treiben von Ley mit Skepsis. Er bekam wiederum selbst viel Post von genervten „Volksgenossen“, die sich stießen daran, wie die Führungsschicht sich gebärdete. „Die Prasserei der Bonzen war ein steter Quell der Klagen.“

Am Ende ein Verrat

Dann war der Krieg endlich zu Ende – und Schwarz wie Ley waren über alle Berge. „Schwarz dachte nicht daran, sein Leben zu opfern“, sagte Meinl. Aber: Er stellte sich den Amerikanern, am 9. Mai 1945. Während sein Widersacher untertauchte und unter falschem Namen zu entkommen hoffte. Das ist ihm letztlich nicht gelungen, und zwar auch deshalb nicht, weil die Amerikaner Schwarz holten, um diesen Typen zu identifizieren, den sie gefasst hatten, der sich hartnäckig als Ernst Distelmeier ausgab. „Ley, was machen Sie denn hier?“, begrüßte Schwarz den ungeliebten, ehemaligen Nachbarn. Der hat sich dann in Nürnberg umgebracht, Schwarz starb 1947 im Internierungslager.

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