Bluttat in Unterföhring: Polizistin wird wohl nicht mehr aufwachen

Bluttat in Unterföhring: Polizistin wird wohl nicht mehr aufwachen
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Auf der Terrasse: Johann Ebner hat in seinem Garten an der Ludwig-Ganghofer-Straße einen regelmäßig vorbeifahrenden Nachbarn: die Tram. Er kennt so ziemlich alle Modelle mit Nummer. 

Interview

„Jenseits der Schmerzgrenze“

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Wie vermeidet man eine täglich 20-stündige und meist im Fünf-Minuten-Takt wiederkehrende Beeinträchtigung der Lebensqualität, ausgelöst durch schlecht gewartete Trambahnen? Diese Frage hat sich Johann Ebner vor vielen Jahren bereits gestellt, mittlerweile ist sie zu seiner Lebensaufgabe geworden.

Grünwald – An die 90 Dezibel erreichen ihn und seine Familie frontal, wenn er mit seinen Enkeln zur Kaffeezeit im Garten an der Ludwig-Ganghofer-Straße sitzt. Dann fahren ihm die Schwingungen der Tram buchstäblich durch die Knochen. Der Münchner Merkur fragte den Grünwalder Bauingenieur, der mittlerweile mit Fug und Recht als Schallschutzexperte bezeichnet werden darf, warum es gar so laut ist.

-Herr Ebner, wie ist Verhältnis zur Münchner Verkehrsgesellschaft?

Immer wieder habe ich von der MVG gehört: Es wird besser, wir machen was. Kriegen neue Trambahnen, arbeiten am Gleisbettsystem. Auf der anderen Seite ist es in den vergangenen Monaten dermaßen eskaliert mit den Geräusch- und Schwingungsproblemen, dass ich zum Schluss gekommen bin: Jetzt geht es gar nicht mehr. Die Gesundheit ist massiv gefährdet. Ich bin schockiert, mit welchen Fahrzeugen die MVG hier die Linie 25 bedient. Die neuen Züge, die sie aus Berlin und Wien bekommen haben, haben ja auch ihre Macken. Ich verfolge als ausgebildeter Ingenieur aus der Kfz-Branche – früher in leitender Funktion bei MAN – die traurige Thematik mit den Polygonrädern seit drei Jahren. Ich habe die ganze Zeit hinweg versucht, mit den Verantwortlichen in einem recht guten Verhältnis die Fragen zu klären.

-Mit welchem Ergebnis?

Alle Bemühungen auf Good-Will-Basis waren bisher umsonst. Ich habe einen Wochenplan erstellt und aufgezeichnet, welche Tram unter welchen Bedingungen wo Schäden hat. Das alles hat aber letztlich nichts mehr genutzt, ist versumpft, aufgrund mangelder Fahrzeugkapazität. Die neuen Züge sind entweder nicht zugelassen worden oder haben technische Probleme. Dadurch müssen die alten Züge verstärkt eingesetzt werden, und bei uns in Grünwald verkehren fast ausschließlich die älteren Züge. Service und Wartung werden hintangestellt. Die MVG hat immerhin versprochen, dass sie eine Messung an meinem Trassenabschnitt durchführen wird – mit Zuzahlung der Gemeinde Grünwald, die uns vollstens unterstützt.

-Wenn das Gutachten fertig wird, können Sie vielleicht bald aufatmen?

Leider können Gutachten auch leicht beeinflusst werden. Niedrige Geschwindigkeit, ausgesuchte Züge, dazu ist kein großes Hexenwerk nötig. Die MVG nimmt keine Rücksicht, fährt mit schlimmsten Zügen weit jenseits der Schmerzgrenze, und eine Besserung ist nicht in Sicht. Ich behalte mir vor, die MVG nach dem Bundesimmissionsschutzgesetz zu verklagen. Laut Anwalt haben wir gute Chancen.

-In Grünwald grenzen die Gärten ja über eine weite Strecke reihenweise an das Gleisbett an.

Genau. Schlafzimmer teilweise im Abstand von fünf Metern zur Trambahn. Wir haben hier eine Höchstgeschwindigkeitstrasse mit alten Betonschwellen, also eine, die maximal schlecht ist. Ältester Stand überhaupt. Man wollte Ende der 1980er Jahre eigentlich Holztrassen bauen, aber damals gab es einen Engpass. Und die alternativen Gleissysteme, wie sie überall in der Stadt verbaut werden, sie waren für Grünwald nicht in der Diskussion. Man wusste damals nicht, ob der Trambahn-Vertrag überhaupt verlängert wird. Deshalb wollte man nicht unbedingt ein hochwertiges Rasen-Gleissystem, was schalldämmend wirken würde. All diese Faktoren haben zu dem aktuellen Dilemma geführt. Und das habe im Schriftverkehr hinterlegt, außerdem Messungen durchgeführt. Immer noch leite ich Informationen an die MVG weiter: Wie und wo haben sie schlechte Züge? Wann sind sie gefahren? Die Insider, die Meister der MVG-Werkstätte sagen: ,Herr Ebner, wir sind ihnen sehr dankbar. Sie sind unser Instandhaltungssensor vor Ort und wir greifen gerne auf Ihre Erfahrungen zurück.‘ Aber wenn die Züge zu 99 Prozent ausgelastet sind, gibt es für die Reparatur keine Kapazitäten. Und so können die Mechaniker damit nichts anfangen, weil keine Züge aus dem Verkehr gezogen werden können.

-Aber es kann doch nicht sein, dass sich Grünwald dumm und dämlich zahlt und gleichzeitig die schlechtesten Züge abbekommt, oder?

Das wäre die emotionale Betrachtungsweise. Nach dem Motto: Das ist eh wurscht, gehört nicht zur Stadt. Jedenfalls zweifle ich an der MVG-Strategie: Mehr Strecken bei wenig Zügen zu bedienen. So werden unsere Probleme verschoben und ausgesessen. Das kann es nicht sein. Die Gesetzeslage ist eindeutig: Die MVG muss etwas tun.

-Was passiert im schlimmsten Fall?

Da gab es einen krassen Vorfall: Aus einer berühmten 2143er Tram, die eklatant laut ist, dringt dicker Qualm. Ich kenne die Nummern meiner Kandidaten mittlerweile alle. Sie blieb an der Kurzstraße stehen und musste wegen enormer Rauchentwicklung aus dem Betrieb genommen werden. Das habe ich zufällig beobachtet. Ich stand mit meinem Auto direkt daneben. Und ich dachte mir in dem Moment: ,Schaut her: Euer Nichtstun kann zu enormen Schäden führen, weil man keinerlei vorbeugende Instandhaltung vorsieht. Damit werden das Gleissystem, die Züge und die Gesundheit der Anwohner ruiniert. Fahren auf Pump.‘

-Haben Sie wegen dem Lärm schon Selbstschutz betrieben?

Ich habe in meine Fenster eine Lärmschutzverglasung eingebaut, was schon etwas bewirkt. Aber es ist eben nicht im Traum daran zu denken, mit einem gekippten oder offenen Fenster zu schlafen. Ich muss also sommers wie winters mit geschlossener Verglasung übernachten und habe auch Rollläden, die einen Teil Lärm wegnehmen.

-Bringt eine Lärmschutzwand im Garten mehr?

Das Hauptproblem: Ich habe 20 Meter Trassengrenze, dann kommen die Nachbarn. Der Lärm würde von beiden Seiten kommen, reflektiert von den Häuserwänden. Die Lösung könnte nur sein: Lärmschutz entlang der gesamten Trasse, Austausch des Schotterbettes und eine Tempo-Reduzierung von 65 auf 50 und in der Nacht 30 Stundenkilometer. Die MVG weigert sich aber kategorisch, darauf einzugehen. Obwohl es im letzten Punkt nur um 45 Sekunden zusätzliche Zeit geht, die an der Endhaltestelle Derbolfinger Platz hereingeholt werden könnte. Es würden nicht mehr Züge benötigt. Aber es herrscht Sturheit bis zum Geht nicht mehr.

-Und Sie spüren diese Sturheit beim Kaffeetrinken im Garten am eigenen Leib.

Ja. Wenn die Enkel da sind, rufen sie: ,Opa, laute Trambahn, laute Tram.‘ Wenn da ein Wagen mit 90 Dezibel und Polygonrädern vorbeidonnert, ist vorbei mit lustig.

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