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Vor der Kirche St. Peter und Paul in Grünwald: Pfarrer Eugen Strasser-Langenfeld. 

Interview mit Grünwalder Pfarrer

Kruzifix-Debatte: „Sichtbarkeit des Glaubens gehört dazu“

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Als ein Stück Selbstvergewisserung betrachtet der Bayerische Ministerpräsident Markus Söder seinen Vorstoß, dass in allen Behördengebäuden unter der Verwaltung des Freistaats Bayern im Eingangsbereich ein Kreuz angebracht werden soll. Es gehe darum, zu eigenen Religion zu stehen. In beiden Kirchen wurde daraufhin Kritik laut. Das Kreuz dürfe nicht zu Wahlkampfzwecken missbraucht und zum Zeichen einer bayerischen Kulturidentität umgedeutet werden. Der Münchner Merkur wollte vom Grünwalder Pfarrer Eugen Strasser-Langenfeld wissen, wie er die Kreuz-Debatte sieht. Er leitet seit Oktober den Pfarrverband Grünwald.

-Halten Sie das Kreuz als Identitätssymbol dieses Landes in Behörden für sinnvoll?

Hintergrund der Diskussion ist ja: Wie ist Deutschland, wie ist Bayern geprägt? Das Christentum hat zumindest in den letzten Jahrhunderten hier prägend gewirkt. Zuerst katholisch, dann auch durch die evangelische Kirche. Und wenn sich unsere Verfassung auf den christlichen Glauben beruft, wäre es auch stringent...

-...wenn man das Zeichen auch zeigt, oder?

Natürlich. Und das andere ist die Frage der Toleranz. Wir leben in einer multikulturellen und multireligiösen Gesellschaft. Aus diesem Grund muss den anderen Kulturen auch Toleranz abverlangt werden, die wir selbst praktizieren in anderen Bereichen. Sonst gäbe es zum Beispiel keine Moscheen in München. In anderen, muslimischen Ländern tun sich Christen mit ihren religiösen Räumen und ihrer Praxis sehr, sehr schwer. Da finden wir keinerlei Toleranz.

-Laut dem Verein Open Doors Deutschland werden weltweit mehr als 200 Millionen Christen verfolgt.

Ja, es ist die größte Verfolgung, die es je in der Geschichte gegeben hat. Da kann man jetzt viel zu denken beginnen. Ich weiß nicht, ob es der richtige Weg ist, auf Reduktion zu setzen. Wenn man alles an Prägung weglässt, die mit Religion zu tun hat.

-Einzelne Kirchenvertreter sprechen bei der Kreuzdebatte von Instrumentalisierung.

Das muss man immer prüfen, wer was womit instrumentalisiert. Aber das heißt doch noch lange nicht, dass Kreuze nicht in öffentlichen Räumen hängen sollen. Man muss auch berücksichtigen, dass vom Christentum eine ganz starke, hoffnungsvolle Botschaft ausgeht. Wir leben in einer Zeit der Gewalt, des Leides, vielfältiger Verletzungen und haben einen Jesus von Nazareth, der sich für Randgruppen eingesetzt hat und deshalb ans Kreuz gehängt wurde. Das müsste ein Zeichen sein, das nicht nur dem Christentum etwas sagt, sondern allen Menschen, die sich für Werte und gegen Gewalt einsetzen. Es ist ein Zeichen: Man kommt unter die Räder, wenn man sich für das Gute, für Werte und gegen Gewalt einsetzt. Und Gewalt ist ein Riesenthema in unserer Gesellschaft.

-Das Kreuz als Zeichen des „Seht her, es geht auch anders“?

Das sind für mich die Inhalte. Ich will von der Instrumentalisierung absehen. Man kann immer etwas missbrauchen, auch der Name Gottes ist missbraucht worden. Kann ich deswegen auf den Namen Gottes verzichten? Der positive Zugang wäre: Was steckt für eine Botschaft hinter dem Kreuz. Jesus hat gesagt, es ist ihm so wichtig, sich für Menschen am Rande einzusetzen und sie in die Gemeinschaft mit Gott zu bringen. Er blieb bei seiner Haltung, obwohl er wusste, dass sein Beitrag zum Tode führen würde. Ich habe im Lauf der letzten Jahre viel mit Gewaltopfern gearbeitet. Für die ist diese Form von Solidarität ganz wichtig.

-Es ist also egal, ob eine Landtagswahl bevorsteht, wenn die Entscheidung dem guten Zweck dient?

Da möchte ich mich nicht darauf einlassen. Es ist ein Thema. Ich konnte mir noch nicht so viele Gedanken darüber machen, weil ich erst noch in die Pfarrei reinkommen muss. Mir wäre das Wichtigste zu sagen: Ihr könnt doch nicht aus eurer Biographie und eurer Geschichte alles rausnehmen, nur damit der andere keinen Anstoß nimmt. Während meines Studiums in Freiburg hatte ich eine Freundschaft zu einem muslimischen Philosophen. Während wir geredet haben, steht er plötzlich auf, wäscht sich die Hände, kniet nieder und fängt zu beten an. Und da sage ich. Es täte unseren Christen ganz gut, in der Öffentlichkeit vor dem Essen ein Kreuzzeichen zu machen.

-Also auch zu demonstrieren: Schaut her, das ist meine Religion.

Ja, und ich glaube, andere Religionen hätten mehr Respekt vor uns, wenn wir in schlichter Art und Weise unseren Glauben bezeugen würden. Da gehört auch die Sichtbarkeit dazu. Also, warum soll man in einer Kultur, in der das Kreuz Jahrhunderte prägend war, das Kreuz abhängen?

-Beziehungsweise, warum soll man es nicht aufhängen?

Genau!

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