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Belesener PR-Profi: Eine große Bücherwand steht im Wohnzimmer des 64-Jährigen in seiner Wohnung in Grünwald. Vor allem Fachliteratur findet sich dort. 

Landtagskandidaten im Porträt

Ulrich Riediger (AfD): Kante zeigen, auch wenn’s wehtut

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Er wurde bespuckt, angepöbelt und gemieden: Trotzdem engagiert sich Ulrich Riediger seit den Anfangstagen der AfD für die Partei. Er will für sie in den Landtag. Einer muss ja den Mund aufmachen, sagt er.

Grünwald – Als Visionär und Innovator sieht sich Ulrich Riediger (64). Jetzt zieht er als Landtagskandidat für die AfD im Stimmkreis München Land Süd in den Wahlkampf. Seine Partei, so ist er überzeugt, wächst sukzessive zu einer Volkspartei heran und wird in paar Jahren koalitionsfähig sein.

In seiner Grünwalder Mietwohnung sticht die breite Bücherwand ins Auge. Riediger liest gerne Fachliteratur und bildet sich fort. Philosophie, Geschichte, Architektur. Die Menschheit hat auf viele Fragen, die heute gestellt werden, längst Antworten gegeben. „Nur, wir beachten sie nicht.“

Beim Plakatekleben angepöbelt

Vor der Bundestagswahl im vergangenen Jahr hat Ulrich Riediger von der AfD Plakate geklebt und eines an der Münchner Stadtgrenze aufgehängt. Zwei vorbeifahrende Fahrradfahrer spuckten ihn an, drehten die Köpfe und schrien ihm „Pfui Deibl“ nach. In solchen Situationen stellt er sich die Frage: „Warum tue ich mir das eigentlich alles an?“

Es sei wie in einer Firma. „Jeder schimpft und meckert, und wenn einer kommt und in der Betriebsversammlung etwas sagen will, dann steht er plötzlich allein da. Es gibt kein Backing, niemand macht den Mund auf.“ Als AfDler sieht er sich stigmatisiert. Früher hätte er nicht gedacht, dass so etwas passieren kann. „Ich bin ein liberaler Mensch. Aufgeschlossen, viel ge

reist.“

Der PR-Mann mit dem Spezialgebiet Immobilien führt die Überhitzung auf eine „mediale Indoktrinierung“ zurück. „Es ist bitter, was da erzählt wird und hat mit normalem politischen Wettbewerb nichts zu tun.“ Die Auswirkungen spüre er auch im privaten Umfeld. Freunde hätten sich abgewandt und ihn bei Facebook als Freund gelöscht, um sich nicht angreifbar zu machen. Als Freiberufler hat er es oft erlebt, dass Leute ihn googeln und die Geschäftsbeziehung aufkündigen. Auch nach jahrelanger Zusammenarbeit – mit der Begründung: „Die politische Richtung sei nicht zu tolerieren.“

Europolitik gab Anstoß

Von Anfang an ist Riediger in der AfD aktiv. Er regte sich über die Euro-Rettungspolitik auf mit einer Vielzahl von Entscheidungen, die faktisch Vertrags- und Rechtsbrüchen gleichgekommen seien. In der AfD tummelten sich damals Hunderte von Professoren – Staatsrechtler und Wirtschaftswissenschaftler. Ein für ihn sehr interessantes Umfeld. Also wollte er sich einbringen und wurde Mitglied 624. Seine damalige Lebensgefährtin trat eine Woche später ein.

Heute sieht er die AfD als Volkspartei, breit aufgestellt, die Mitglieder des gesamten politischen Spektrums aufnimmt, sofern sie auf dem Boden der Demokratie stehen. „Und wenn einer ein bisschen mehr deutschtümelnd ist: So lange er sich an Recht und Gesetz hält, sehe ich kein Problem.“ Zuweilen gebe es Begrifflichkeiten, „die würden mich auch abschrecken“. Eine Ausgrenzung, wie er sie gesamtgesellschaftlich erlebe, sei jedoch übertrieben. „Meine Familie war Willkür-Opfer beider Terror-Regime, des Nationalsozialismus und der SED-Diktatur, und es ist mein innerer Antrieb, auf politische Fehlentwicklungen zu achten, die Anzeichen einer aufkeimenden politischen Intoleranz aufweisen.“

Business mit Ralph Siegel

Die berufliche Karriere des heute 64-Jährigen verlief alles andere als geradlinig: Nach seiner Ausbildung zum Werbekaufmann arbeitete Ulrich Riediger einige Jahre mit Ralph Siegel zusammen, dem damals führenden Musikproduzenten in Deutschland. Er bekam einen tiefen Einblick in die Musikindustrie. „Ich habe schon sehr früh Marktentwicklungen antizipiert.“ Er baute digitale Plattformen für die Musikindustrie auf, als man noch nicht an Vertriebsstrukturen dachte.

Mittlerweile hat er das Metier gewechselt und bewegt sich als PR-Mann in der Immobilienbranche. In der Metropol-Region München beobachtet er einen Bauland-Verschleiß. „Es ist falsch, überall nur Schuhschachteln zu bauen. Wir müssen in die Höhe.“ Ein jeder wolle es grün und gemütlich, mit Kultur, alles erreichbar. Die Zukunft sieht Riediger völlig anders. Er gibt ein Beispiel: Aschheim, Feldkirchen, Kirchheim, Unterföhring und Ismaning haben zusammen 103,4 Quadratkilometer Fläche, sind von der Ausdehnung her fast gleich groß wie Paris. Sie zählen aber nur 59 088 Einwohner (2,5 Prozent der Einwohner von Paris). Das heißt, hier leben nur rund 571 Einwohner pro Quadratkilometer. Nachverdichtung sieht nach Ansicht Riedigers anders aus. „Es bräuchte Mut und Innovation, dann könnten diese Gemeinden sogar in Konkurrenz zu München treten.“

Zu den Porträts

Bis zur Landtagswahl am 14. Oktober stellen wir alle Kandidaten aus dem Landkreis München vor. Die Reihenfolge der Veröffentlichung erfolgt zufällig und ist kein Ausdruck einer bestimmten Priorisierung oder Gewichtung.

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