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In Gedenken an Thomas Max treffen sich (v.l.) Bürgermeister Jan Neusiedl, Max’ Tochter Veronika von Kerssenbrock und sein Sohn Nikolaus Max am Gedenkstein.

Nachfahre des Todeschützen wendet sich an Tochter des Opfers

Nazi-Verbrechen in Grünwald: Versuch der Versöhnung

Guy Hofmann hat‘s „kalt erwischt“: Als er vom gut gehüteten Familiengeheimnis erfuhr: „Onkel Friedl“, ein Nazi-Scherge, erschoss Thomas Max in Grünwald. Hofmann nahm Kontakt zur Tochter des Opfers auf.

Grünwald/Osnabrück – Der Zweite Weltkrieg war eigentlich fast schon zu Ende – da wurde in Grünwald der junge Stabsarzt Thomas Max hinterrücks erschossen auf offener Straße – vom HJ-Hauptbannführer Friedrich Ehrlicher. Max hatte sich zuvor der in letzter Minute gegründeten Widerstandsgruppe „Freiheitsaktion Bayern“ angeschlossen. Nun, 72 Jahre später, setzen sich zwei Nachkommen von Ehrlicher für eine Versöhnung ein: Sie haben Kontakt aufgenommen zur Tochter von Thomas Max, Verena von Kerssenbrock. Und sie würden gern einen Wikipedia-Eintrag über den mutigen Mediziner verfassen, um dessen Verdienste zu würdigen.

Aktiv ist momentan vor allem Guy Hofmann, der als Altenpfleger in Niedersachsen arbeitet. Er ist Jahrgang 1959, vor einem Jahr erst hat er überhaupt erfahren, was sein Großonkel zweiten Grades in den letzten turbulenten Tagen des Krieges getan hat. „Es hat mich kalt erwischt“, sagt er. Hofmann hatte nur ein bisschen über Ehrlicher im Internet recherchieren wollen, nachdem ihn Bemerkungen, die in der Familie gefallen waren, nachdenklich gemacht hatten. Jetzt, am Telefon, zitiert er seinen Cousin zweiten Grades, Friedrich Ehrlichers Enkel Hanno, Romanistikprofessor in Augsburg, der schon vor zwei Jahren einmal bei einer Gedenkveranstaltung in Grünwald sein Bedauern darüber ausgedrückt hatte, was passiert ist. Etwas „Irreparables“ nämlich. „Ziel des Erinnerns“ müsse sein, dies „anzuerkennen“, sagt auch Hofmann.

Thomas Max wurde kurz vor Kriegsende in Grünwald erschossen.

Der Vater von sechs Kindern sagt, es gebe ihm „einen Stich ins Herz“, wenn er daran denke, dass wegen seinem – wenn auch entfernten – Verwandten Max’ Tochter Verena von Kerssenbrock ohne Papa aufwachsen musste. Sie war sechs, als ihr Vater starb.

Guy Hofmann sagt, er habe Jahrzehnte keine Ahnung davon gehabt, was eigentlich in der Familie los war. Seine Eltern waren beide labil, er wuchs nicht in stabilen Verhältnissen auf. Sie lebten in Giesing, oft fuhren sie auch mit der Tram durch Grünwald. „Wir fuhren praktisch am Tatort vorbei, und keiner sagte was zu mir.“ Eine angeheiratete Tante erwähnte mal, dass Friedrich, in der Familie liebevoll „Onkel Friedl“ genannt, ein Nazi und als solcher ab den späten 30er Jahren Direktor des Stadtjugendamts München gewesen sei.

Wie es scheint, war der nicht der einzige Ehrlicher, der sich sein Leben im NS-Regime gut einrichtete. Auch der Opa von Hofmann, ein Cousin von Friedrich, gehörte wohl zu ihnen. „Er war noch in den 50er Jahren der Ansicht, dass das Kriegsende keine Befreiung war, sondern eine Niederlage.“ Dabei war sein Großvater Harald Ehrlicher in München eine feste Größe, ihm gehörte das Haushaltswarengeschäft Ehrlicher mit einigen Niederlassungen. „In den USA hatte mein Großvater das Filialsystem kennengelernt und darüber auch seine Doktorarbeit geschrieben.“ Nur, leider: Der Opa hisste auch bis in die 60er Jahre hinein gern mal die Reichskriegsfahne, und die Firmenwagen waren schwarz-weiß-rot lackiert.

Guy Hofmann sagt: „Ich musste über 50 werden, um zu verstehen, was eigentlich los war.“ Einige Verwandte hätten sich, wie er und Hanno, inzwischen distanziert von den Vorfahren. Aber andere eben auch nicht. Dabei hat er seinen streitbaren Großonkel Friedrich Ehrlicher, der nach dem Krieg fünf Jahre interniert war und dann eine Anstellung im Haushaltswarenkonzern seines Cousins Harald Ehrlicher fand, noch kennengelernt. Zuletzt habe er den „Onkel Friedl“ 1990/91 besucht. Damals sei es ihm selbst nicht so gut gegangen, erzählt Hofmann. „Ich kann mich an Friedrich nur noch diffus erinnern.“ Aber nach dem Treffen bekam er einen Brief, in dem stand, dass Hofmann sicher keinen Anspruch auf ein Erbe aus der Familie habe.

Der Großneffe des Mannes, der Thomas Max getötet hat, hat Kontakt aufgenommen zur Gemeinde Grünwald. Es sei sein Impuls gewesen, Verena von Kerssenbrock zu schreiben, „dann hat sie mich angerufen“. Sie hätten einen „emotional dichten Austausch“ gehabt. Jetzt würde er noch gern einen Wikipedia-Artikel schreiben, aber mit professioneller Hilfe. Darum hat er Veronika Diem kontaktiert, eine Historikerin, die über die „Freiheitsaktion Bayern“ promoviert und bei der Gedenkveranstaltung für Max in Grünwald einen Vortrag gehalten hat. 

ak

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