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Diese Gemme vom Auerberg im Landkreis Weilheim-Schongau zeigt Herkules. An den Kratzern ist ersichtlich, dass es sich nicht um einen wertvollen Quarz handelt, sondern um Glas.

Sonderausstellung „Antike Gemmen aus Bayern“in der Burg Grünwald

Helden und Ziegen unter der Lupe

  • Marc Schreib
    vonMarc Schreib
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Die Burg Grünwald hat schon vieles in ihrer Geschichte gesehen, aber die Gemmen, die sie jetzt beherbergt, haben Neuigkeitswert. Auch wenn die Edel- und Halbedelsteine uralt sind und vornehmlich aus der Römerzeit stammen.

Grünwald– Für gewöhnlich überlegt sich der Kurator einer Ausstellung das Thema, sucht sich das Material und verfasst im Anschluss einen Katalog. Hier lief es andersherum. Gemmen-Forscherin Gertrud Platz-Horster hatte schon unzählige Kataloge für fürstliche Sammlungen geschrieben und wurde von der Archäologischen Staatssammlung gebeten, einen Band über antike Gemmen aus Bayern zu erstellen, und willigte ein. Also erklärte sie die Bildmotive, den Kontext trugen die Mitarbeiter der Archäologischen Staatssammlung bei.

Das Besondere: Weil es sich um Grabungsfunde handelt, werden auch die sozialen Zusammenhänge veranschaulicht, die einzelnen Stücke in ihrer Zeit. Kurator Harald Schulze beschreibt die Einzigartigkeit dieser Ausstellung beim Rundgang in der Grünwalder Burg, einer Außenstelle der Archäologischen Staatssammlung: „Wir haben zu jedem Stück den Kontext.“ Es werden Familienverhältnisse und sozialer Status dokumentiert. Auch die Umwelt.

Zeugnisse der Zeit

Auf den Gemmen sind Ziegenböcke, Löwen und Hirsche in Miniaturform abgebildet, dann Götter wie Merkur, Sol oder Jupiter. Auch Halbgötter wie Herkules und Äskulap finden ihren Platz auf den Siegelringen. Es sind Figuren, die sich in die kleine Form pressen lassen und auf dem Abdruck des Ringes gut zu erkennen sind. In der Ausstellung ist Platz für Edelsteingemmen und auch für Glasimitate, die sich von den Originalen nur durch die Verwitterung gut unterscheiden lassen. Auch die Imitate haben ihre Berechtigung, da sie als Zeugnis der Zeit gelten dürfen. Für den Archäologen ist es dabei unerheblich, dass die Stücke zum Teil stark verwittert sind und nicht ausgesprochen ansehnlich wirken. Ihm bedeuten diese aufklärenden Splitter der Vergangenheit mehr als die tausendste Aphrodite oder der hundertste Eros.

Auf Camping-Platz konzipiert

Harald Schulze hat die Ausstellung vor einem Jahr auf einem Camping-Platz in Italien konzipiert: „Das waren andere Zeiten. Mit dem Katalog in der Hand am Strand.“ Ihm war es wichtig, zu erklären, wozu die Gemmen dienen, aus welchem Material sie sind und wie sie hergestellt wurden. Also rief Schulze bei der Mineralogischen Staatssammlung an und bat um eine Ergänzung natürlicher Fundstücke von Karneol, Achat, Amethyst und Jaspis in einer Größe von vier bis sechs Zentimetern. „Da habe ich in einer Viertelstunden mehr gelernt als im ganzen Studium.“ Denn aus Sicht der Mineralogen sei das alles dasselbe: Quarz-Varietäten. Unterschiedlich allenfalls die Farbvarianten und die Lichtdurchlässigkeit. In der mineralogischen Abteilung zeigte man dem verblüfften Archäologen eine Quarz-Stufe aus Indien, in der alle vier Arten von Quarzen enthalten sind. Auch die antiken Steine kamen übrigens aus Indien, da die Römer die Eigenschaften dieser Quarze schätzten.

Nutzung für Siegelring

Die ausgestellten Stücke zeigen vor allem die Nutzung als Siegelring. Jeder römische Bürger trug sie. Außerdem kamen die Gemmen – wenn auch selten – auf Möbeln, Musikinstrumenten und Repräsentationsstücken zum Einsatz, wie Harald Schulze erklärt. Die Edelsteinschleifer benutzten wie heute auch einen festsitzenden Bohrer, um die Quarze zu verarbeiten. Der Stein verkratzt kaum und lässt sich doch leicht schleifen. Über den kleinen Sondervitrinen, die einen Einblick wie beim Juwelier ermöglichen, können die Besucher mit einer Lupe die Einzelheiten aller 48 Stücke studieren. Das Glas mit Filzuntersatz ist ein Patent der Ausstellungsmacher.

Unglücklicherweise starb Gemmen-Forscherin Gertrud Platz Horster während der Konzeption der originellen Ausstellung und kann sie nicht mehr besuchen. Die Staatssammlung hätte sie gerne für weitere Vorträge während der Ausstellungszeit bis 10. Januar in der Grünwalder Burg gewonnen.

Die Ausstellung

„Antike Gemmen aus Bayern – Kunst in Miniatur“ in der Burg Grünwald ist mittwochs bis sonntags von 10 bis 17 Uhr zu sehen. Maximal fünf Personen werden im Hinblick auf den Infektionsschutz eingelassen.

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