Uli und Jakob (r.) Portenlänger vom „Alten Wirt“ nahmen an der Protest-Aktion „Gedeckter Tisch“ teil und sorgten für viel Aufsehen am Grünwalder Marktplatz.
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Uli und Jakob (r.) Portenlänger vom „Alten Wirt“ nahmen an der Protest-Aktion „Gedeckter Tisch“ teil und sorgten für viel Aufsehen am Grünwalder Marktplatz.

Protest-Aktion vor den Bund-Länder-Gesprächen

Hilferuf der Gastronomen: „Sechs Monate würden wir vielleicht noch durchhalten“

  • vonAndrea Kästle
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Es ist inzwischen mehr ein Flehen als nur ein Hoffen. Im Vorfeld der Bund-Länder-Gespräche morgen über mögliche weitere Lockerungen erwarten die Gastronomen im Landkreis endlich eine Perspektive.

Landkreis – Gut, ein bisschen kalt wäre es vielleicht gewesen. Aber sonst hätte man sich liebend gern hierher gesetzt, auf die Verkehrsinsel am Grünwalder Marktplatz, hätte sich vom „Alten Wirt“ ein feines Essen auf den schon gedeckten Mittagstisch servieren lassen. Nur, leider, so war es nicht gedacht. Der Tisch, nebendran das frisch bezogene Bett, waren Teil des „stillen Protests“, zu dem der Hotel- und Gaststättenverband DEHOGA am Montag aufgerufen hat. Um vor den Bund-Länder-Gesprächen am morgigen Mittwoch darauf hinzuweisen, dass den Gastronomen und Hoteliers, die seit 2. November ihre Betriebe geschlossen halten müssen, langsam die Luft ausgeht.

Laufende Kosten und Kredite

Dabei machte Uli Portenlänger, der Senior-Chef des Alten Wirts in Grünwald, der heuer seinen Bio-Betrieb an Sohn Jakob übergeben will, noch einen halbwegs gefestigten Eindruck. Er meinte: „Ich will nicht jammern. Wenn ich erfahre, wie es Kollegen in anderen Ländern geht, weiß ich, dass ich es noch verhältnismäßig gut habe.“ Und trotzdem – auch seine Hypotheken laufen weiter, Uli Portenlänger zahlt sogar noch einen Kredit ab, den sein Vater bei der umfassenden Renovierung in den 1980er Jahren aufgenommen hatte. Ganz zu schweigen von den Umbaumaßnahmen, die er selbst später dann umgesetzt hat.

Essen zum Mitnehmen keine wirkliche Einnahmequelle

35 Mitarbeiter hat Portenlänger, etwa 20 sind in Kurzarbeit. Die zehn Lehrlinge sind pro Woche im Moment zwei Tage im Haus und werden geschult. Der Alte Wirt bietet von Donnerstag bis Sonntag Essen zum Mitnehmen an, rund 40 Mahlzeiten wandern pro Tag über die Theke, ein Teil wird sogar ausgefahren. Letztlich ist das Ganze mehr eine Beschäftigungsmaßnahme als eine wirkliche Einnahmequelle. Beim Alten Wirt haben sie dieser Tage wenigstens die Novemberhilfe bekommen, die für die Monate November und Dezember 70 Prozent des Umsatzes vom Vorjahr erstattet. Für Januar und Februar gibt es wieder nur Zuschüsse zu den Betriebskosten.

„Im Hotel haben wir immer so ein, zwei Zimmer belegt“, von Leuten, die auf Geschäftsreise sind. Insgesamt fallen im Hotel 80 Prozent der Buchungen in den Business-Bereich, Uli Portenlänger macht sich Sorgen, dass der Bereich dauerhaft einbrechen könnte.

Vergissmeinnicht: Blumensamen-Tütchen mit Symbolcharakter

Immer wieder bleiben an diesem Montag Mittag Leute stehen am gedeckten Tisch. Sie lesen, was auf den ausgelegten Info-Blättern steht. Und lassen sich von Uli Portenlänger ein Tütchen Samen schenken für Vergissmeinnichts. Er sagt, am meisten würde er sich einfach eine Perspektive wünschen, die Aussicht auf ein Datum, an dem er wieder öffnen darf. „Mit gehen meine Gäste so sehr ab.“

„Haben das Glück, dass wir keine Pacht zahlen müssen“

Auch in Ismaning hat sich der Neuwirt am Protest beteiligt. „Wir haben ja finanziell das Glück, dass wir keine Pacht zahlen müssen“, sagt Max Schmidramsl, der Chef des Ismaninger Neuwirts. Doch die laufenden Ausgaben fielen nun mal auch während der Schließung an, die Auszubildenden wollen den Beruf lernen und für das Personal ist Kurzarbeit unumgänglich. Mit Bedauern blickt Schmidramsl die geringfügig Beschäftigten in der Gastronomie. Diesen würden hinten runterfallen und hätten gar keine Einnahmen.

Ein gedeckter Tisch, ein gemachtes Bett – das gab es im Ismaninger Neuwirt seit Monaten nicht mehr. Mit dem Straßen-Protest warben Lisa (l.), Maximilian (2.v.l.) und Max Schmidramsl (sitzend) sowie Traudl Schmidramsl (3.v.r.) mit ihrem Team für die Öffnung der Gastronomie.

Max Schmidramsl hofft vorsichtig auf erste Veranstaltungen in den kommenden Monaten: „Auch wenn die Fußball-Europameisterschaft ohne Zuschauer gespielt wird, kommen da viele Sicherheitsleute und Funktionäre. Bei der Münchner Sicherheitskonferenz hat man uns leider nicht gebraucht.“

In Garching wird die Lage im Neuwirt immer schwieriger. „Wir haben Geld aufnehmen müssen“, sagt Chef Daniel Rieger, „es geht an die Substanz.“ Ein Hauptgrund für die kritische Phase der bayerischen Gastronomen sei die sehr spärliche Förderung. Versprochene Ausgleichszahlungen der Politik fließen demnach bei weitem nicht so, wie es versprochen wurde, kritisiert Rieger: „Wenn ich dieses Geld hätte, könnte ich entspannt zulassen.“

Warten wie viele Kollegen auf Gäste: (v.l.) Denis Kostic, Monika Rieger, Lisa Alteneder und Daniel Rieger mit Tochter Liana vom Gasthof Neuwirt in Garching.

Mit seinem gedeckten Tisch von gestern verbindet er die Hoffnung, dass die Ministerpräsidenten nun einen Zeitplan diskutieren für die Gastronomie: „Irgendwann brauchen wir eine Perspektive – selbst wenn wir im Biergarten die Gäste mit drei Metern Abstand auseinandersetzen müssen.“ Daniel Rieger hofft, dass sein „Berufsverbot“ Anfang April nach dann fünf Monaten wieder aufgehoben wird. Zahlreiche Gastronomen in ganz Bayern und natürlich auch im Landkreis München haben sich an dem stillen Protest beteiligt. Sie wollen zeigen, dass die Existenznot immer größer wird.

Über alle Entwicklungen rund um das Coronavirus im Landkreis München informieren wir in unserem News-Ticker.

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