Grüße aus "Garchosibirsk"

- Garching - Das Echo für seine deutlichen Worte war positiv. Nicht erst am "Dies Academicus" hat TU-Präsident Wolfgang A. Herrmann diese Worte gefunden (wir berichteten), doch seine jüngste Rede hat dann doch einige wachgerüttelt. Als "Garchosibirsk" hat er den Hochschul-Campus auf dem Forschungsgelände bezeichnet. Dieser müsse endlich zu einem lebenswerten Ort gemacht werden. Und langsam scheint ein Umdenken bei der dafür maßgebenden Staatsregierung einzusetzen.<BR>

<P>Gerade erst hat die Technische Universität den "Ritterschlag", so Herrmann, vom "Spiegel" bekommen: An ihr studieren die engagiertesten und besten Nachwuchsakademiker Deutschlands. In neun Fächern belegt die TU vordere Plätze und wurde bundesweiter Gesamtsieger. Diese Auszeichnung gesellt sich zu zwei weiteren allein in diesem Jahr. Wissenschaftlich scheint also alles in bester Ordnung.<P>Doch die TU macht sich große Sorgen um ihre Infrastruktur. Wenn sie sich schon in der geistigen Qualität mit den Top-Unis dieser Welt messen kann, so will Deutschlands feinste Hochschule keinesfalls in Sachen Lebensqualität gegenüber der Konkurrenz abfallen. Und dafür kämpft Herrmann seit Jahren. <P>Die Fakultäten stehen im Niemandsland vor Garching. An der Architektur der einzelnen Gebäude gibt es nichts zu bemängeln, doch fehlt es am großen Ganzen. Zu verstreut sind die Gebäude. "Stellen Sie sich eine Stadt mit 14 000 Einwohnern vor - und da fehlt alles: Geschäfte, Cafés, Verkehrsanbindung", sagt Garchings Bürgermeister Manfred Solbrig (SPD), der mit Herrmanns Forderungen übereinstimmt.<P>Adressat ist der Freistaat. Schuld sind die "jämmerlich zersplitterten Kompetenzen", wie es Herrmann bezeichnet. Dabei möchten er und die TU nur ganz normale Lebensbedürfnisse bedienen: "Es regt mich langsam auf, dass es so schwer ist, einen lebenswerten Campus auf den Weg zu bringen", wettert Herrmann. Die baldige U-Bahn-Anbindung sei ein erster Schritt. Hinter allen Bemühungen stehe ein größerer Masterplan, wie er international üblich sei.<P>Natürlich schielt Herrmann ins Ausland. Stanford, Harvard - diesen Elite-Universitäten will er das Wasser reichen. "Oder nehmen Sie den naturwissenschaftlichen Campus in Stockholm - dort funktioniert es. Der internationale Wettbewerb ist die Messlatte, nicht Oldenburg."<P>Die Pläne existieren. Ein Audimax mit Geschäften und Cafés steht bereits - auf dem Reißbrett. Es muss nur gebaut werden. Ebenfalls geplant: Das Kommunikationszentrum, das eine erste Anlaufstelle für alle sein soll - Studenten, Bewerber, Lehrkräfte - und neue Heimat der TU-Öffentlichkeitsarbeit.<P>Unternehmen treten als Bauherren auf <P>Herrmann möchte einen Lebensraum schaffen, die Universität auch nach Feierabend zum Mittelpunkt der Studenten machen. "Forschen und dann nach Hause fahren - das ist veraltet", sagt er. Er träumt von einer interdisziplinären Gesamtvision eines Campus, auf dem die Studenten arbeiten und leben, von einem "geistigen Zentrum" - mit allem, was dazugehört: Gastronomie, Kultur, Einkaufsmöglichkeiten.<P>Selbst die Finanzierung will die TU auf eigene Faust sichern. Herrmann: "Wenn wir schon das öffentliche Geld nicht haben, müssen wir kreative Finanzierungsmodelle finden." Die "administrativen Mühlen" könne er nicht mehr sehen. Die langwierigen Ausschreibungsverfahren für öffentliche Bauten umgeht er durch Investorenmodelle, bei denen Unternehmen als Bauherren auftreten. Die Nähe zur Wirtschaft: Auch dies eine Spezialität des TU-Präsidenten.<P>Die Universität sieht er als Dienstleister, die dem Hightech-Standort Bayern etwas schuldig sei, Garching als eine "wunderbare Standortwahl mit internationalem Namen".<P>"Wir stehen in der Pflicht für dieses Land und sind nicht undankbar für das, was geschehen ist", sagt Herrmann. Das Zeitfenster ist jedoch knapp: Bis zur nächsten Landtagswahl 2008 soll alles stehen. "Es wird schon", zeigt sich Herrmann trotz allem zuversichtlich. Es muss werden. Das Ziel ist ein lebendiger, visionärer Campus. Bürgermeister Solbrig: "Momentan kann man dort nach Feierabend nicht mal eine Semmel kaufen".<P>Marcus Schuster<P>

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