Der legendäre Wirt des „Alten Wirts“: Franz Bibinger (links), „Haarer Franz“ genannt, im Jahr 1887 vor seinem Wirtshaus.
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Der legendäre Wirt des „Alten Wirts“: Franz Bibinger (links), „Haarer Franz“ genannt, im Jahr 1887 vor seinem Wirtshaus.

Haars wichtige Transportverbindung und ein legendärer Wirt

Als Fuhrwerke noch über die Salzstraße holperten

  • Bert Brosch
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Die heutige Bundesstraße B304 war Jahrhunderte lang die wichtigste Salz-Transportverbindung zwischen Salzburg über Rosenheim nach München. Gekreuzt wurde sie mitten in Haar von zwei wichtigen „Altstraßen“. Rund um diese Kreuzung entstanden eine Tankstelle – und ein bis heute legendäres Wirtshaus.

Haar - Eine Altstraße führte von Feldkirchen über Ottendichl, Haar und Grasbrunn quer durch den Höhenkirchner Forst nach Aying bis Helfendorf. Die zweite Straße begann in Grasbrunn, ging durch Haar nach Gronsdorf, weiter über Daglfing nach Föhring. Die alte große, alte Salzstraße gibt es mindestens seit dem Jahr 800, seit 1711 befuhren die Straße neben Fuhrwerken auch die Postkutschen von Thurn und Taxis mit Briefen, Personen und Gepäck. Daher wurde sie Chaussee mäßig ausgebaut und in Haar zur breiten Lindenallee. In Zorneding war zwar die Station für Pferde- und Postwechsel, aber auch rund um den Haarer Postwirt entstand viel Verkehr.

Der Stadel des Wirtshauses (r.), als er noch als Stadel genutzt wurde. Viel später wurde hieraus das Haarer Bürgerhaus. fotos: (4): Gemeinde haar
Die Salzgasse direkt neben der alten Salz- und Poststraße, der heutigen B304. Rechts am Eck war die Bushaltestelle, daneben die Tankstelle. 

Vogelwild ging es auf den Straßen zu

Der muss geradezu vogelwild gewesen sein: Den Fuhrknechten der Salzfuhrwerke wurde immer wieder eingebläut, dass sie sich unbedingt rechts halten sollten, wenn ihnen ein Gefährt, vor allem eine schnelle Postkutsche entgegenkam, „um die Reisenden unaufgehalten zu befördern und um Unfälle zu vermeiden.“ Diese gab es zahlreich, weil die Fuhrwerke widerrechtlich drei Pferde nebeneinander spannten, Pferde verbotswidrig hinten am Wagen anhängten, viel zu breite Fuhrwerke hatten, in Kolonnen von 20, 30 Holzfuhren ganz eng aufeinander fuhren oder weil die Fuhrleute auf ihren Wagen schliefen. Die „Königlich Bayerische General-, Bergwerks- und Salinenadministration“ ermahnte ihre Fuhrleute, sich „nicht auf den Wägen schlafend antreffen zu lassen.“ Passierte ein Unfall, dann hielten die Fuhrknechte zusammen, hatten nichts gesehen und gehört, gaben falsche Namen an und amüsierten sich, wenn die Postkutsche „voller Stadtfräcke mit einem Rad im Graben hing.“

Mozarts beschwerlicher Weg durch Haar

Die Zustand der Salzstraße muss schlimm gewesen sein, so gibt es eine Überlieferung von Wolfgang Amadeus Mozart, der am 6. November 1780 durch Haar zur Uraufführung seiner Oper Idomeneo nach München fuhr. Die zahlreichen Schlaglöcher bekamen seinem Allerwertesten in der schlecht gefederten Kutsche offensichtlich nicht gut. In einem Brief an seinen Vater schrieb er: „Er war ganz schwielig und vermutlich feuerrot, zwei ganze Posten fuhr ich die Hände auf dem Polster gestützt und den Hintern in Lüften haltend.“

Legendäre Wirtschaft

Eine Bereicherung war die Salz- und Poststraße vor allem für den Wirt: Der „Alte Wirt“, Vorgänger der heutigen „Postwirtschaft“, hatte immer volles Haus. Wirt Franz Bibinger richtete am 29. Juli 1861 ein Gesuch zur Erweiterung als Tafernwirtschaft an das Landgericht: „Mein Anwesen liegt nur 100 Schritte seitwärts der seit undenklichen Zeiten so belebten Haupt-Fahrstraße von Salzburg nach München. Das ganze Jahr über passieren eine Menge Fuhrwerke Getreide, Holz, Kälber und dergleichen.“ Im Jahr 1908 hatte der „Alte Wirt“ 300 Übernachtungen, die heutige Salzgasse war damals keine Sackgasse, sondern führte direkt zum Hof der Wirtschaft, an der Nikolauskirche vorbei wieder zurück zur Salzstraße. Die Wagen standen in Kolonnen zum Gasthof an, sodass der Wirt von jedem Einkehrenden am Schlagbaum für sich und sein Pferd zwei Gulden verlangte. Egal, ob er viel oder wenig verzehrte, ob er auf dem in der Wirtsstube aufgehäuften Stroh schlafen musste oder im Federbett.

Der 1930 neu erbaute „Postwirt“, zwei Jahre zuvor war die „Goldgrube“ von Wirt Franz Bibinger, der „Alte Wirt“ an gleicher Stelle abgerissen worden.
Das heutige Gasthaus „Zur Post“, 1990 renoviert, im Hintergrund der alte Stadel, der zum Bürgerhaus umgebaut wurde. Im kommenden Jahr wird die Gaststätte saniert. 

Rauschende Faschingsfeste

Nicht zum Nachteil war die Entscheidung des Gemeinderats 1924, der keine Haltestelle der Buslinie München- Ebersberg in der Bahnhofstraße wollte, um diese „nicht den Beschädigungen des Autoverkehrs auszusetzen“. Stattdessen wurde die Haltestelle genau an die Ecke der Salzgasse verlegt. In den 1930er Jahren waren die Kutschen längst von der B 304 verschwunden, dafür fuhren viele Autos Richtung München. So entstand an der Salzgasse eine Tankstelle, noch heute stehen Teile von ihr: Das Glashaus, in dem schöne Leuchten präsentiert werden, sind Relikte der Tankstelle.

Eine der beliebten Faschingsfeiern im Saal des Postwirts. Die Aufnahme stammt aus dem Jahr 1933.

Ab 1908 veranstaltete Bibingers Nachfolger Ludwig Fauth mehrfach ein neuntägiges Volksfest rund ums Wirtshaus. Im Jahr 1928 erwarb der Bankier August von Finck den Gasthof, ließ ihn ein Jahr später abreißen, 1930 eröffnete dann der deutlich größere „Gasthof Post“. Dessen Saal diente den Haarern 25 Jahre lange für Theateraufführungen, Faschings- und Weihnachtsfeiern. Bis 1959 wurde die „Post“ als Wirtshaus genutzt, dann war Schluss, und es wurden darin Filme gedreht. Bis 1990 die Gemeinde alles kaufte und den Stadel zum Bürgerhaus umbauen ließ. Im vorderen Teil wurde wieder eine Gaststätte eröffnet. Die wird jetzt ab 2022 erneut komplett umgebaut.

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