MIchelle Palit-Ang und Peter Bigay am kbo-Klinikum Haar
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Michelle Palit-Ang und Peter Bigay trennen 10 000 Kilometer und sechs Stunden Zeitunterschied von ihrer philippinischen Heimat.

kbo-Klinikum Haar bekämpft Personalnot mit Projekt Triple Win

Von Manila nach Haar: Der philippinische Traum

  • Uta Künkler
    vonUta Künkler
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Gegen den Fachkräftemangel holen viele Kliniken Pflegekräfte aus dem Ausland. Wie Michelle und Peter von den Phiilippinen. Sie arbeiten in Haar, schätzen deutsche Fairness und lieben bayerisches Bier.

  • 150 000 Pflegekräfte fehlen in Deutschland bis zum Jahr 2025.
  • Diese Lücke soll auch die Bundesinitiative Triple Win schließen. Vor 15 Jahren wurden Krankenschwestern aus dem Westbalkan gewonnen, heute von den Philippinen.
  • Michell Palit-Ang will in Haar ihren Traum endlich verwirklichen, in Europa als Krankenschwester zu arbeiten - nach zwölf Jahren Erfahrung in Norwegen, Dänemark, Schweden und auf den Philippinen.

Haar – Michelle Palit-Ang spricht sechs Sprachen fließend. Mehrfach ist die 35-Jährige in der Welt umgezogen, immer wieder hat sie neu angefangen, sich ein Zuhause aufgebaut. Jetzt hofft die Filipina endlich angekommen zu sein. Sie sagt: „Ich denke, das hier wird meine zweite Heimat, nicht nur für ein paar Jahre.“ Das hier, das ist Deutschland, das kbo-Isar-Amper-Klinikum in Haar. Hier arbeitet die Krankenschwester seit bald einem Jahr. Wie viele andere wurde sie angeworben, um den Pflegenotstand hierzulande zu bekämpfen.

Hinter Triple Win steckt unter anderem die Bundesagentur für Arbeit.

Die zielstrebige Frau mit dem ansteckenden Lächeln ist mit dem Programm Triple Win nach Deutschland gekommen, einem Vermittlungsprojekt zur Gewinnung von Pflegefachkräften in Drittstaaten. Hinter Triple Win steckt unter anderem die Bundesagentur für Arbeit. Deren Quellen zufolge rechnen Experten damit, dass bis zum Jahr 2025 bundesweit rund 150 000 zusätzliche Pflegekräfte benötigt werden. Pflegekräfte, die Deutschland nicht hat. Die Lücke ein wenig verkleinern sollen Mitarbeiter wie Michelle Palit-Ang.

In ihrer philippinischen Heimat haben sie an der Uni vier Jahre Krankenpflege studiert.

In ihrer philippinischen Heimat hat die Krankenschwester ein vierjähriges Pflege-Studium an der Fachhochschule absolviert. Es folgten Jahre als OP-Schwester in Manila sowie als Krankenpflegehelferin in Dänemark und Norwegen. Ein Studium und insgesamt zwölf Jahre im Beruf brachte Michelle Palit-Ang mit, bevor sie für Triple Win ausgesucht wurde. Alle Fachkräfte des Programms sind solide ausgebildet und berufserfahren.

„Sie bringen alle ein großes Know-how mit, haben absolut keine Defizite. Von allen Seiten besonders gelobt wird außerdem die soziale Kompetenz der philippinischen Mitarbeiter“, sagt Peter Gottwald, Pflegedienstleiter am Haarer Klinikum. Er hat nicht das erste Mal mit Triple Win zu tun. Schon vor 15 Jahren hat Gottwald als Projektbeauftragter zehn Fachkräfte aus dem Westbalkan gewinnen können – und gute Erfahrungen gemacht.

Auch wenn es ihm zu kalt ist, Peter Bigay sagt: „Ich liebe Deutschland!“

Vergangenes Jahr ist eine Abordnung der kbo-Klinik auf die Philippinen geflogen und hat 30 Bewerber kennen gelernt. Mit 16 Verträgen in der Tasche sind sie wieder nach Haar gekommen. Die Organisation von Visa, Einreise- und Arbeitserlaubnis, Versicherungen und Co. ist Sache der Bundesbehörden hinter Triple Win. Um Sprachkurse und Wohnraum muss sich der Arbeitgeber, also das kbo-Klinikum, kümmern. Im Oktober vergangenes Jahr war es dann so weit: Michelle Palit-Ang und drei philippinische Kollegen traten ihren Dienst in Bayern an.

Einer von ihnen war Peter Bigay. Der 30-Jährige ist das erste Mal in Europa. Seine Heimat ist Manila, die Millionenstadt auf den Philippinen im südchinesischen Meer. In Manila wachsen Palmen am Straßenrand und die Temperatur liegt bei durchschnittlich knapp 30 Grad. Das ganze Jahr über. In Haar hat er den ersten Schnee seines Lebens gesehen – in eine dicke Jacke und Schal gehüllt, nur die Augen lässt er frei. Er friert schnell. Auch wenn es kalt ist, „ich liebe Deutschland“, sagt er schon nach den ersten Monaten hier.

Auf den Philippinen ist es ganz normal, für einen Job alles hinter sich zu lassen.

In seiner Heimat hat Peter Bigay nicht nur die Wärme hinter sich gelassen, sondern auch seine Lebensgefährtin. Auch sie ist Krankenschwester und hofft, bald nach Deutschland nachkommen zu dürfen. Sicher sei es schwer, so weit weg zu sein, sagt er. „Das Internet hilft, Kontakt zur Familie zu halten“, ergänzt Michelle Palit-Ang.

Auf den Philippinen ist es ganz normal, alles hinter sich zu lassen, um im Ausland zu arbeiten. Häufig legen die Familien zusammen, um einem von ihnen die teure Ausbildung zu finanzieren. Wer es dann ins Ausland geschafft hat, schickt einen großen Teil seines Gehalts in die Heimat zurück. Denn die Arbeit in dem armen Land wird schlecht bezahlt. Umgerechnet 100 bis 200 Euro im Monat verdient ein Krankenpfleger. Davon lässt sich auch auf den Philippinen keine Familie ernähren.

Statt 16 Stunden in Manila gibt es in Haar "nur" acht Stunden Arbeit pro Tag.

Die Arbeit in Deutschland gefällt Michelle Palit-Ang und Peter Bigay gut. Statt zwölf bis 16 Stunden in Manila arbeiten sie in Haar acht Stunden pro Tag. An ihren Kollegen schätzen beide die Seriosität, die Fairness und die viel gelobte deutsche Pünktlichkeit. Nur mit dem Humor hätten es die deutschen Kollegen nicht so. „Bei der Arbeit lachen sie hier nicht viel, erst nach Feierabend wird es lustig“, sagt Peter Bigay. Positiv von den Deutschen überrascht ist Michelle Palit-Ang. „Nach meiner Zeit in Dänemark hatte ich kein gutes Bild von den Deutschen. Dann aber war schon der erste Mensch, den ich hier kennen gelernt habe, ein so lieber und netter deutscher Mann, dass ich gemerkt habe, dass das alles nicht stimmt“, sagt sie und spricht von Triple-Win-Projektleiter Gottwald.

In ihrer Freizeit bleiben die vier Asiaten gerne unter sich, fahren nach München, gehen essen. „Wir haben beide zugenommen“, sagt Michelle Palit-Ang, hält sich den Bauch und lacht. Ihr Kollege liebt bayerisches Bier. Er ist traurig, dass das Oktoberfest abgesagt ist. „Aber nächstes Jahr gehe ich ganz sicher hin“, sagt er.

Corona hat Triple Win einen Strich durch die Rechnung gemacht.

Beide sind derzeit im Anerkennungsprozess für ihre Ausbildung. Erst wenn dieser abgeschlossen ist, erhalten sie eine unbeschränkte Arbeitserlaubnis. „Wir wollen natürlich, dass sie lange hier bleiben“, sagt Pflegedienstleiter Gottwald. Er bemüht sich gerade, Wohnungen für die beiden zu finden – keine einfache Aufgabe im Münchner Speckgürtel. Momentan bewohnen sie jeweils ein Zimmer im Schwesternwohnheim. „Das ist in Ordnung“, sagen sie.

Corona hat dem Programm Triple Win einen Strich durch die Rechnung gemacht. Monatelang durften keine weiteren Fachkräfte einreisen. Jetzt versucht Gottwald, schon in den nächsten Wochen weitere Mitarbeiter ins Land zu bringen. „Wir sind einer der ganz wenigen Arbeitgeber in ganz Deutschland, die es derzeit wagen, das Projekt überhaupt weiterzuführen“, sagt Gottwald. Die Organisation sei schwierig und kompliziert, die Hygiene- und Quarantäneauflagen hätten es in sich. „Aber das ist es uns auf jeden Fall Wert, ich bin voller Hoffnung“, sagt Gottwald.

Nach zehn Jahren im Ausland noch einmal von vorne anfangen? „Mein Herz hat gesagt, das kannst du schaffen.“

Voller Hoffnung ist auch Michelle Palit-Ang, endlich am Ziel zu sein. „Ich habe schon immer den Traum gehabt, als Krankenschwester in Europa zu arbeiten“, sagt die Filipina. In Nordeuropa durfte sie trotz Studiums nur als Krankenpflegehelferin arbeiten, Essen reichen und Toilettengänge begleiten. Aber sie will als vollwertige Krankenschwester arbeiten, das ist ihr großer Traum, darum hat sie den steinigen Weg auf sich genommen und in Haar noch einmal von vorne angefangen. Mit über 30 Jahren, nach zehn Jahren in Dänemark und Norwegen, noch einmal in ein anderes Land zu gehen, noch eine weitere Fremdsprache zu lernen, sich in einer weiteren Kultur einzuleben, das sei schon eine große Entscheidung gewesen. Aber diese habe sie nie bereut – für ihren großen Traum. „Mein Herz hat gesagt, das kannst du schaffen“, sagt sie.

Peter Gottwald ist Pflegedienstleiter in Haar.

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