Ingeborg Glupp sitzt im Rollstuhl - ist im Seniorenheim aber die rasende Reporterin
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Rasende Reporterin mit 88: Ingeborg Glupp sorgt mit ihren Texten im Seniorenheim für gute Stimmung.

Rasende Reporterin mit 88

Optimistin Ingeborg Glupp berichtet von Corona-Alltag aus dem Seniorenheim

  • Katrin Woitsch
    vonKatrin Woitsch
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Ingeborg Glupp ist 88 und lebt im Pflegeheim Maria-Stadler-Haus in Haar. Seit es dort vor einigen Tagen einen Corona-Ausbruch gab, dürfen keine Besucher mehr ins Haus. Auch nicht an Weihnachten. Doch es müsste schon mehr passieren als eine Pandemie, damit Ingeborg Glupp ihren Optimismus verliert.

  • Ingeborg Glupp ist unerschütterliche Optimistin und verbreitet im Seniorenheim Haar gute Stimmung
  • Die Pandemie macht vielen Senioren zu schaffen: „Weihnachten wird hart.“
  • 88-Jährige Bewohnerin hat ihren Weg gefunden, andere Senioren aufzuheitern

Es klappert in Ingeborg Glupps Zimmer im Seniorenheim. Je stiller die Welt draußen geworden ist, desto eifriger tippt die 88-Jährige auf ihrer alten Schreibmaschine. „Das ist jetzt mein Job“, sagt sie. „Gute Gedanken verbreiten.“ Denn davon hat sie jede Menge. Eine Pandemie reicht nicht aus, um daran etwas zu ändern.

Glupp ist gebürtige Berlinerin. Früher war sie Journalistin, arbeitete in Berlin, München, Frankreich und Italien. Seit 2018 lebt sie im Maria-Stadler-Haus in Haar im Landkreis München. Das Schreiben kann sie aber nicht lassen. Besonders jetzt nicht, wo Corona so vielen auf die Stimmung schlägt. „Im März, als die Heime abgeschirmt wurden und nicht mehr jeder so einfach rein- und rausdurfte, habe ich angefangen, Gedichte zu schreiben“, erzählt sie. Fröhliche Gedichte. Sie hat sie auf liniertes Papier getippt – und dann einen Pfleger gebeten, ihr zu helfen, die Gedichte im Heim aufzuhängen. „Der Laden muss aufgeheitert werden“, sagt sie. Denn es gebe viele Bewohner, die durch Corona depressiv geworden sind. „Sie fühlen sich abgeschrieben und leiden sehr darunter, dass sie ihre Kinder und Enkel nicht sehen dürfen“, erzählt Glupp. Wenn sie nur ein paar von ihnen mit ihren Texten gelegentlich zum Lächeln bringt, hat sich der Aufwand ja schon gelohnt, findet die 88-Jährige.

Viele Bewohner sind dement und verstehen nicht, warum alle Masken tragen. Sie fragen: Wer ist diese Corona?

Ingeborg Glupp, 88

Ingeborg Glupp hat ihr Lächeln nicht verloren. Nicht einmal jetzt, seit es auch in ihrem Pflegeheim einen Corona-Ausbruch gab. Glücklicherweise nicht auf der Etage, auf der sie lebt. Trotzdem sind nun alle Senioren abgeschirmt. Gemeinsame Kaffeerunden oder Treffen mit Senioren aus anderen Stockwerken gibt es nicht mehr. Auch ihre Tochter darf Glupp im Moment nicht sehen. „Das ganze Jahr über haben wir das so gut hingekriegt“, erzählt sie. Sie ist mit ihrer Tochter zum Supermarkt spaziert. „Danach saßen wir oft auf einer Bank und haben ein bisschen gequatscht.“ Jetzt bleibt ihr und den anderen Senioren nur noch das Telefonieren.

„Die Stimmung ist noch gut“, sagt Glupp. Zumindest auf ihrer Etage. Dort gibt es auch viele Bewohner, die dement sind und nicht verstehen, warum alle Masken tragen. „Ich bin doch nicht krank“, sagen sie oft, berichtet Glupp. Andere fragen, wer diese Corona sei. „Wir sind alle getestet worden nach dem Ausbruch“, erzählt sie. „Nervös waren wir natürlich trotzdem.“ Die Situation im Heim scheint gerade im Griff zu sein. „Aber Weihnachten wird eine harte Sache“ – auch für die Optimistin Ingeborg Glupp. Die Weihnachtsfeste waren immer sehr schön, erzählt sie. Alle saßen zusammen, die „Rothemden“, wie sie die Pfleger augenzwinkernd nennt, verteilten Geschenke für die Bewohner. Dann wurden ein paar Platten aufgelegt. Dieses Jahr wird alles anders sein, das hat Glupp schon am Nikolaustag gemerkt. Keine Feier, kein nettes Zusammenkommen. Aber ein kleines Tütchen stand am 6. Dezember vor ihrer Zimmertür. Die Pflegekräfte und die Heimleitung geben sich große Mühe, findet Glupp. Alles ist adventlich geschmückt, es gibt einen Christbaum – nur die Stimmung wird in diesem Jahr trotz allem eine andere sein. „Es ist, wie’s ist“, findet Ingeborg Glupp. Im Alter werde man gelassener, sagt sie.

Das ist auch der Grund, warum sie keine Angst hat, sich mit dem Coronavirus zu infizieren. „Ich bin 88 und habe ein schönes Leben geführt“, sagt sie. „Und ich bin begeistert, was alles noch dazukommt.“ Denn eigentlich, betont sie, war 2020 für sie kein schlechtes Jahr. Seit einer Hüft-OP sitzt Glupp im Rollstuhl. Aber seit einigen Wochen kann sie abends selbst ins Bett steigen. Und sogar mit dem Rollator laufen. „Ich bin wieder eine rasende Reporterin“, sagt sie schmunzelnd. Eine, die sich ganz auf fröhliche Texte spezialisiert hat.

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