Das Foto unten ist im Garten der ehemaligen Direktorenvilla entstanden. Peter Schmidt (l.) ist mit seiner Tochter und seinem Bruder Stephan im Gespräch mit Direktor Peter Brieger
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Das Foto unten ist im Garten der ehemaligen Direktorenvilla entstanden. Peter Schmidt (l.) ist mit seiner Tochter und seinem Bruder Stephan im Gespräch mit Direktor Peter Brieger.
Die Aufnahme stammt aus der Zeit um 1940 und zeigt eines der Kinderhäuser.
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Die Aufnahme stammt aus der Zeit um 1940 und zeigt eines der Kinderhäuser.

Euthanasie

Die düstere Vergangenheit der „Anstalt“ in Haar

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Peter (82) und Stephan (75) Schmidt sind in eine düstere Vergangenheit gereist. Vor 71 Jahren, kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, hatten beide für ein Jahr als Direktorensöhne in der Heil- und Pflegeanstalt Eglfing-Haar gewohnt.

Haar –Peter, der Ältere, erfuhr noch hautnah von der Tötungsmaschinerie, mit der unter dem NS-Regime psychisch Kranke als „minderwertiges Leben“ ausgemerzt worden waren, woran auch die Anstalt in Haar ihren schändlichen Anteil hatte. „Dafür schämen wir uns und sprechen hierfür unsere Entschuldigung aus“, sagte der aktuelle Ärztliche Direktor am Isar-Amper-Klinikum, Peter Brieger. Er hatte die Schmidts und weitere Zeitzeugen zum Erinnerungs-Rundgang geladen.

Die Reise ist ein Geburtstagsgeschenk von Peter Schmidt an seinen Bruder Stephan, die beide in Norddeutschland leben. Peter Schmidt räumt ein, sich nicht an alles haargenau erinnern zu können, was er als Elfjähriger in Haar erlebt hat. Er begleitete seinen Vater oft zu den zur Pflegeanstalt zugeordneten Außenstellen. „Mein Vater hat während des Weltkrieges als Oberarzt in der psychiatrischen Klinik Schwabing gearbeitet und war kein Nazi und nicht in der Partei. Deshalb haben ihn die Amerikaner nach 1945 als Leiter in Haar-Eglfing eingesetzt“, erzählt der 82-jährige Peter Schmidt.

Das Grauen in den Hungerhäusern

Er erinnert sich an die Hungerhäuser für Erwachsene und Kinder gleichermaßen, die Vater Gerhard in seinem Buch „Selektion in der Heimanstalt 1939 – 1945“ beschrieben hat, das auf Befragungen von Patienten, Angehörigen und Pflegepersonal fußt. Unter dem damaligen Klinikleiter Hermann Pfannmüller wurde in Haar der Probelauf für Auschwitz gefahren, jedoch löste das systematische Verhungern die Tötung durch Einspritzungen ab, denn Verhungern konnte als „natürlicher Tod“ bescheinigt werden.

Gerhard Schmidt, nach dem Krieg von den Amerikanern als Klinikleiter eingesetzt, wurde jedoch bereits ein Jahr später von der Bayerischen Landesregierung nicht nur fristlos entlassen. Auch aufgrund des sofortigen Räumungsbefehls war es ihm nicht mehr möglich, die Diensträume zu betreten und damit Zugang zu seinen Aufzeichnungen oder Krankenakten zu erhalten. „Da sollte ganz klar etwas vertuscht und Täter gedeckt werden“, vermutet sein Sohn Peter. So sei auch Schmidts Bericht im Bayerischen Rundfunk im November 1945 über die systematische Tötung von Geisteskranken, „der allererste über die Euthanasiemorde überhaupt“, im BR-Archiv nicht mehr auffindbar.

Aufarbeitung der Euthanasie-Verbrechen

Das Buch, das Schmidt im Frühjahr 1947 in Hamburg als Habilitationsschrift einreicht, verschwindet spurlos. Es erlangt erst 70 Jahre später durch den Springer-Medizinverlag wissenschaftliche Bedeutung im Zuge eines Kongresses, der die Aufarbeitung der Deutschen Psychiater an den Euthanasieverbrechen thematisiert. Klaus Rückert, Pfarrer in Haar bis 1985, erinnert sich, dass der ehemalige Klinikchef Schmidt die Einladung zu einem Vortrag nach Haar nicht angenommen habe. „Er lehnte ab mit den Worten: Nie mehr setze ich meinen Fuß in diese Klinik!“

Peter Brieger rühren Peter Schmidts Erinnerungen und Zitatstellen aus Gerhard Schmidts Aufzeichnungen zutiefst: „Wir müssen stolz darauf sein, dass er hier war. Und ich verspreche Ihnen, dass die Erinnerungskultur weiter geht. Wir müssen uns verstärkt unserer Geschichte stellen!“

„Wir müssen gewappnet sein!“

Dass dies an vielen Stellen weh tun wird, machte Melitta Burger deutlich. Die 97-Jährige hat erst vor einigen Jahren erfahren, dass ihre Mutter in Haar verhungert und nicht, wie ihr mitgeteilt worden war, an einem Leberleiden verstorben ist. „Ich wurde belogen!“ Und auch nach dem Krieg wurden Tatsachen verschleiert und verborgen. „Zu viele waren involviert und hatten Angst um ihre Positionen im Nachkriegsdeutschland“, bestätigt Peter Schmidt.

Gemeinsam mit seinem sieben Jahre jüngeren Bruder ließ er aber nicht nur Kindheitserinnerungen wach werden, sondern formulierte einen eindringlichen Appell: „Wir müssen gewappnet sein gegen die mögliche Wiederauferstehung der Nazi-Ideologie von Euthanasie und Gnadentod. Das ist mein Anliegen.“

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