Lockdown, soziale Isolation und das Gefühl der Bedrohung durch das Coronavirus kann Depressionen und Ängste verstärken.
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Lockdown, soziale Isolation und das Gefühl der Bedrohung durch das Coronavirus kann Depressionen und Ängste verstärken.

Erfahrungen des psychiatrischen Krisendienstes

Einsamkeit macht die Seele krank

  • Sabina Brosch
    vonSabina Brosch
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Der Krisendienst Psychiatrie Oberbayern ist Tag und Nacht erreichbar und im Einsatz. Gerade jetzt sind die Psychologen und Sozialpädagogen eine wichtige Stütze für viele Menschen. Denn gerade sowieso schon psychisch Vorerkrankte leiden noch mehr unter sozialer Isolation und Einsamkeit.

Landkreis - „Die psychisch Anfälligeren geraten noch mehr unter Druck“, weiß Dr. Michael Welschehold. Der Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie ist Leiter der Leitstelle des Krisendienstes Psychiatrie. Dieser Hilfsdienst ist eine niederschwellige Anlaufstelle für psychiatrische Soforthilfe, nicht nur für Betroffene, sondern auch deren Angehörige.

„Die psychisch Anfälligeren geraten noch mehr unter Druck“, sagt Dr. Michael Welschehold, Leiter der Leitstelle des Krisendienstes Psychiatrie.

80 Anrufe pro Tag

Im Schnitt wird die Leitstelle pro Jahr 30 000 Mal kontaktiert, rund die Hälfte der Personen befinden sich in akuten Krisen. „Insgesamt summiert sich dies auf rund 80 Anrufe pro Tag, seit Corona haben wir an vereinzelten Tagen auch mal bis zu 170 Telefonate geführt. Dennoch lässt die Zahl nur bedingt einen Rückschluss darauf zu, dass es mehr Betroffene gibt, die sich in einer Krise befinden. Oft rufen Ehepartner oder Freunde an, die nicht mehr weiterwissen, sich Sorgen machen und uns zum Beispiel melden, dass es ihrer Schwester nicht gut geht. Dann versuchen wir, diese zu erreichen, oft auch mehrmals, rufen weitere mögliche Kontaktpersonen an, setzen uns eventuell mit unserem mobilen Einsatzteam in Verbindung.

Mehr Anrufer mit Problemen aufgrund der Coronakrise

Tatsache sei, dass „sich zuletzt rund acht Prozent der Anrufer im Zusammenhang mit einem Corona-assoziierten Problem“ melden. Die Zahl dieser Anrufe sei bei der ersten Welle bis auf fünf Prozent angestiegen, bei der zweiten dann auf acht Prozent. „Alles also im überschaubaren Rahmen“, betont Welschehold. Diese Zahlen seien auch valide, da die Mitarbeiter der Leitstelle bei den Anrufern gezielt nachfragen, wenn sie konkrete Hinweise erhalten oder den Eindruck haben, dass Corona der Auslöser des Anrufes sei.

Wer bereits psychisch vorerkrankt ist, den belastet Corona stärker

Es dominieren weiterhin die bekannten Auslöser: psychischer Krisen wie Traumatisierungen, familiäre oder Partnerkonflikte, Verlusterlebnisse oder auch psychische Erkrankungen wie Psychosen oder Depression. „Eine Beobachtung lässt sich seit Beginn der Pandemie aber machen“, stellt Welschehold fest, „wer bereits vorerkrankt ist oder psychische Auffälligkeiten hat, den gefährdet Corona offenbar stärker. Wer sowieso bereits von Ängsten geplagt wird, werde nun aufgrund der Infektionsschutzmaßnahmen angehalten, soziale Kontakte zu meiden. Diese „Grenzgänger“ rufen dann schon auch mehrmals die Woche an, sie „können die Mehrfachbelastungen von sozialer Isolation, Gefahr einer Ansteckung, Erkrankung oder Jobverlust nicht mehr bewältigen.“ Sie kämen an den Rand der sogenannten Dekompensation, „und sind damit die besonders Leidtragenden“.

Einschränkungen schlagen auf die Seele

Es sind, sagt Welschehold, vor allem die Einschränkungen, die ihnen verstärkt auf die Seele schlagen, viele Präsenz-Behandlungen seien ausgefallen, auf virtuell umgestellte Betreuungen ersetzen den realen Gang zum Facharzt oder Therapeuten eben nicht völlig. Es sei, so Welschehold, die soziale Isolation und Einsamkeit, die während des Lockdowns als große Probleme wahrgenommen werden und bei einigen Betroffenen verstärkend auf die bereits bestehende Erkrankung wirken.

Beraten, vermitteln, zuhören: Krisendienst rund um die Uhr im Einsatz

Der psychiatrische Krisendienst ist ein Netzwerk von der Sozialpsychiatrie bis hin zu den Kliniken und täglich 24 Stunden erreichbar, „die Krise hält sich nicht an eine Uhrzeit“, sagt Dr. Michael Welschehold. Es ist ein Erste-Hilfe- oder Notfall-Dienst. Die 45-köpfige Leitstelle ist besetzt mit professionellen Fachleuten: Sozialpädagogen, Psychologen und Fachpflegepersonal, die nicht nur Wege aus der Krise aufzeigen helfen, sondern auch Beratungs- und Behandlungsangebote vermitteln. Hierzu gehören auch mobile, zwei Mann starke Einsatzteams, die die Betroffenen vor Ort aufsuchen, denn die Palette der Symptome ist breit. Bis hin zum Bedrohlichsten, einer Suizidankündigung, ist alles dabei. Nimmt jemand bei der Leitstelle den Hörer in die Hand, dann hört er zu, fragt nach und versucht, die Situation gemeinsam mit dem Anrufer zu klären.

Seit Dezember 2020 wird der Krisendienst von einer neu gegründeten Gesellschaft bestehend aus Arbeitsgemeinschaft der freien Wohlfahrtspflege und dem kbo-Isar-Amper-Klinikum in Haar getragen. Rund 14,3 Millionen Euro stellt der Bezirk Oberbayern an Mitteln zur Verfügung, vom Freistaat Bayern werden 3,1 Millionen für den Betrieb der Leitstelle erstattet.

Die Beratung und ab sofort auch der Anruf unter der Telefonnummer 0800/ 655 30 00 sind für die Hilfesuchenden kostenfrei.

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