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Mitten im Geschehen: Helmut Dworzak bei der feier 900 Jahre Haar 1972. 

Die 68er-Zeit

Erste WG in Haar: Tratsch über wildes Treiben

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Anfang der 70er Jahre  gründeten ein paar Leute die erste WG in Haar, Das Gerede war groß: Was treiben diese Langhaarigen da? Altbürgermeister Helmut Dworzak weiß das ganz genau.  

Haar – Anfang der 70er-Jahre entschließen sich mehrere junge Menschen, gemeinsam eine WG zu gründen. In der Parkstraße in Haar. Helmut Dworzak, zu der Zeit Mitte 20, heute Ehrenbürger von Haar, ist einer von ihnen. Was heute normal ist, erregt damals die Gemüter. Im Ort tratscht man: Was die Langhaarigen in ihrer WG treiben? Die wildesten Geschichten machen die Runde: „Mal hat man mich gefragt, wie das denn sei mit nur einem Bad? Ob ich dann meine Mitbewohnerin nackt sehe?“, erzählt Dworzak heute.

Die 68er dauerten länger als das Jahr 1968. Die Proteste und Straßenzüge linker Studenten prägten sowohl die alte als auch die neue Generation. Neue Ansichten, neue Lebensweisen, neue Modetrends konfrontierten alteingesessene Gesellschaftsbilder. Alles hochpolitisch aufgeladen. Die „Jungen“ und die „Alten“ mussten sich aneinander gewöhnen. Mitunter kam es zu außergewöhnlichen Begegnungen.

Mittendrin: Helmut Dworzak. Der Haarer Alt-Bürgermeister bezeichnet sich als „Spät-68er. Ich habe eher die Nachzeit voll mit gemacht“. Er drückte Ende der 60er-Jahre noch die Schulbank im Münchner Maria-Theresia-Gymnasium und beobachtete die Demonstrationen aus der Ferne. Trotzdem: Man fühlte sich revolutionär, sagt er.

So sieht der Altbürgermeister heute aus.

Im Sozialkunde-Unterricht habe man den Kommunismus durchgenommen – in 45 Minuten. Der Lehrer lehrte den Schülern: „Alles ein Schmarrn“, sagt Dworzak. Er hat sich anschließend zuhause selbst informiert und Bücher darüber gelesen. Später bei der katholischen Jugend hat er in einer Gruppenstunde über Kommunismus referiert. Das kam weniger gut an. „Damit war meine Karriere bei der Kirche beendet“, sagt Dworzak und lacht.

Die 68er haben ihn wie so viele andere politisiert. Dworzak schreibt sich nach seiner Schulzeit in der Uni ein. Er studiert höheres Lehramt, setzt sich aber auch in Soziologie-Vorlesungen. Er liest die Bücher der politischen Philosophen, allen voran Karl Marx. „Wir haben unglaublich viel gelesen und in der Freizeit darüber diskutiert“, sagt Dworzak. „Das war eine sehr kreative Zeit. Wir hatten das Gefühl von Freiheit.“

Ab Anfang der 70er kommen die Haarer Jusos immer donnerstags zu Gruppentreffen zusammen. „Da hatten wir dann zum Beispiel Marx-Schulung“, erzählt Dworzak. Die jungen Sozialdemokraten wollen das kapitalistische Gesellschaftssystem verändern. Sie diskutieren über die Mehrwert-Theorie und ziehen daraus Schlüsse für die praktische Politik. Die Idee: „Anhand von Kommunalpolitik die Widersprüche der Gesellschaft aufzeigen.“ Schließlich sei die Kommunalpolitik nah dran an den Menschen.

Vor dem Hintergrund von mit Müll verschmutzten Wäldern und Feldwegen fordern die Haarer Jusos: Die Gemeinde soll einen Sperrmüllcontainer aufzustellen, den die Bürger kostenlos nutzen könnten. „Um den Leuten die Wegwerf-Gesellschaft aufzuzeigen“, sagt Dworzak. Der Container steht jahrelang an der Unterführung zum heutigen Sportpark. Ein Erfolg. Doch: „Wir waren etwas naiv.“ Schließlich wurde dadurch nicht die Gesellschaft revolutioniert, sondern eine „wunderbare Abfallwirtschaft“ mit privaten Gewinnern entwickelt. So sei das eigentlich nicht gedacht gewesen. Aber: „Vieles von damals war richtig.“ Nur ein Beispiel: Die Kritik am Finanzkapitalismus habe auch heute noch ihre Berechtigung.

Die Haarer wählen Dworzak 1972 in den Gemeinderat. Er ist mit 21 Jahren einer der jüngsten im Gremium. Das Verhältnis zwischen Jusos und der Jungen Union ist partnerschaftlich, die Beziehung zu anderen älteren Gemeinderäten konstruktiv, meistens jedenfalls. Er habe im Gemeinderat erst einmal viel zugehört, sagt Dworzak. Vom damaligen Finanzreferent Hans Stießberger (CSU) habe er viel gelernt. „Er war immer fair.“ Trotz unterschiedlicher politischer Ansichten.

Doch einmal sorgt Dworzak für Stirnrunzeln im Gremium. Er kommt barfuß in eine Gemeinderatssitzung. Eine Provokation in den Augen seiner Kollegen. Doch er habe gar nicht provozieren wollen, sagt Dworzak. Er habe keine Schuhe dabei gehabt, weil er direkt vom Freibad gekommen sei. So mancher hätte ihm die Aktion aber nie verziehen. Mitunter belächeln ältere konservative Gemeinderäte die jungen SPDler: „Sie sagten: Merkt ihr nicht, dass ihr vom Kommunismus verführt werdet?“ Dworzak meint: „Wir wollten eine bessere Gesellschaft und mehr Solidarität.“

Doch nicht nur die Sicht auf die Welt, auch der Kleidungsstil und die Frisuren der Jugend haben die ältere Generation verwundert. Dworzak erzählt von einem Tag im Winter. Es gibt Blitzeis auf den Haarer Straßen. Der Asphalt spiegelglatt. Der junge Dworzak ist zu Fuß unterwegs. Das Haar wuchert ihm im Gesicht und auf dem Kopf. Eine alte Frau hält sich an einem Zaun fest, um nicht auszurutschen. Dworzak, damals schon Gemeinderat, will ihr helfen, die Straße zu überqueren. Doch die Frau habe ihn gesehen und geschrien: „Hilfe, Hilfe! Lassen sie mich“, erzählt Dworzak. „Das Outfit war natürlich eine Provokation.“ Wenn er heute alte Fotos sieht, staune er etwas darüber: „Man hat sich selbst so alt gemacht.“

Wenn neue Lebensstile auf alteingesessene Traditionen treffen, machen Gerüchte die Runde. So auch über die erste Wohngemeinschaft in Haar. Man hat das Bild der Berliner Kommune I vor Augen: Sex, Drugs and Rock’n’Roll. Und das in Haar. Doch alles weit gefehlt. Die Haarer Wohngemeinschaft ist keine zweite Kommune I. „Wir waren keine politische WG, sondern einfach Freunde, die zusammengezogen sind“, sagt Dworzak.

Damit sich die Haarer selbst davon überzeugen können, dass alles halb so wild ist, schneiden er und seine Freunde ein großes Loch in die Thujenhecke im Garten – zum Reinschauen.

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