Wiedersehen, Musik, Biergartenatmosphäre: Einfach herrlich finden Angelika Kolben und Carola Richarz (r.) den Neustart im Keinen Theater Haar.
+
Wiedersehen, Musik, Biergartenatmosphäre: Einfach herrlich finden Angelika Kolben und Carola Richarz (r.) den Neustart.

„Wir sind nicht die Verlierer der Pandemie“

Kleines Theater feiert das Wiedersehen mit dem Publikum

  • Sabina Brosch
    vonSabina Brosch
    schließen

Das Kleine Theater Haar feiert seinen Neustart mit einem Open-Air-Festival und einem prallen Bühnen-Programm. „Wir sind nicht die Verlierer der Pandemie“, betont Intendant Matthias Riedel-Rüppel.

Haar – Die Temperaturen angenehm mild, die letzten Sonnenstrahlen kämpfen sich durch die hohen Bäume hindurch. Mit Bier- oder Weingläsern prosten sich die Gäste zu, die Musiker stimmen leise ihre Instrumente.

Ein typischer Biergartenabend, aber doch etwas ganz Besonderes: Es ist der erste „Feierabend mit Musik“ im Theater-Biergarten des Kleinen Theaters in der Zeitrechnung „post coronam“. „Tricia & Band“ eröffnet das KTH-Sommer-Open-Air. Die Gäste sind unbefangen, aber nicht unvorsichtig. Die FFP2-Maske liegt wie selbstverständlich auf dem Tisch, neben Glas, Messer und Gabel. Aber Corona ist kein Thema.

Freudiges Wiedersehen im Theatergarten

„Schön, Dich zu sehen“, das ist der meistgehörte Satz des Abends, gefolgt von „Wie lange haben wir uns schon nicht mehr gesehen?“ Ausdruck dafür, wie sehr es die 100 Besucher genießen, sich endlich wieder zu treffen, miteinander zu reden und sich ihre Freiheit zurückzuerobern.

Glücksfall für das Kleine Theater: Matthias Riedel-Rüppel hat die Krise angestachelt, neue Wege zu finden.

Angelika Kolben und Carola Richarz lassen es sich gut gehen, „an unserem ersten Abend, den wir wieder unter Menschen sind.“ Nach guter bayerischer Biergartenkultur haben sie ihre eigene Brotzeit dabei. Ein paar Tische weiter sitzt Bürgermeister Andreas Bukowski noch alleine am Tisch, seine Freunde und Bekannten kommen noch. „Es ist so schön hier. In diesem Moment weiß ich, was mir gefehlt hat.“

Einer, der das Ambiente ebenso genießt, ist Theaterchef Matthias Riedel-Rüppel. Er begrüßt jeden einzelnen Gast, startet zwischendurch das abgestürzte Kassensystem der Catering-Stände noch einmal neu, erklärt am Einlass die Luca-App und begrüßt punkt sieben Uhr seine Gäste. „Wir im Kleinen Theater sind nicht die Verlierer der Pandemie“, betont er. Wenngleich das „Überleben“ seine Spuren hinterlassen hat. „Ich freue mich riesig auf diesen und die nächsten Abende, aber eigentlich bin ich kaputt“, sagt Intendant Riedel-Rüppel.

Hinter verschlossenen Türen 52 Veranstaltungen gestreamt

Im Lockdown gönnte er sich keine Ruhe. Er suchte nach Auswegen, um die Kultur dennoch am Leben zu erhalten, hat 52 Veranstaltungen aus dem Saal gestreamt und diese nicht einfach nur irgendwie, sondern in Top-Qualität. „Es sehr gut zu machen, das war mein Anspruch.“ Die Krise habe ihn aber auch angestachelt und motiviert, um neue Einnahmequellen zu finden.

Neue Einnahmequellen gefunden

Das Kleine Theater wandelte sich zum Filmstudio, es wurden Schulungsfilme, Webinare oder auch Reden aufgenommen, geschnitten und letztlich fertige Beiträge produziert. „Damit haben wir Geld verdient“, sagt Riedel-Rüppel. „Ich hätte gedanklich auch das Schild an der Türe abschrauben können, das kam aber doch gar nicht in Frage.“ Und so musste er auch keinen einzigen Mitarbeiter in Kurzarbeit schicken oder gar entlassen, im Gegenteil, durch den neuen Geschäftszweig hat er zwei Veranstaltungstechniker eingestellt. „Wir haben uns personell neu aufgestellt, ich habe ein Team, auf das ich unheimlich stolz bin.“

Hybride oder digitale Veranstaltungen werde es auch über die Pandemiezeit geben, etwa wenn der Saal ausgebucht ist und die Nachfrage nach Karten groß. Aber auch, um das überregionale Publikum weiterhin zu bedienen, „wir hatten Zuschauer im ganzen Bundesgebiet.“

In einem Jahr wird Kassensturz gemacht

Im Mai kommenden Jahres will er bilanzieren, „dann werden wir unterm Strich sehen, was es uns gekostet und was es uns gebracht hat.“ Alltägliche Gleichförmigkeit im Beruf ist ihm ein Graus, ebenso wie er auch noch nie zwischen Wochenende und Wochentag unterschieden hat. „Ich bin hier total glücklich.“  

„Kulturfuzzi“ durch und durch: „Ich bin hier total glücklich“

Seit sechs Jahren ist Riedel-Rüppel Chef des Hauses. In wenigen Wochen feiert er seinen 50. Geburtstag, für viele eine Wendemarke, sich eventuell beruflich noch einmal zu verändern, nicht so für ihn. „Ich habe hier alles, mir mangelt es an nichts, und ich habe viele Freiheiten.“ Er sei halt durch und durch ein „Kulturfuzzi“ in allen Facetten: Er sperrt die Theatertür auf, hilft beim Bühnenaufbau, verhandelt Gagen und managt Auftritte, entwickelt neue Formate, ist Projektleiter, Personalchef und letztlich natürlich Repräsentant des Theaters. Alltägliche Gleichförmigkeit im Beruf ist ihm ein Graus, ebenso wie er auch noch nie zwischen Wochenende und Wochentag unterschieden hat. „Ich bin hier total glücklich.“

Auch interessant

Mehr zum Thema

Kommentare