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In der Heil- und Pflegeanstalt Haar galt der Nachwuchsarzt Berhard Kothe als Talent. Doch weil er kein Arier war, durfte er hier nicht mehr arbeiten. 

VOR 80 JAHREN BEGANN DER NAZI-TERROR GEGEN JUDEN

Sein Wille, Arzt zu sein, blieb ungebrochen

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Die Nazis werfen Bernhard Kothe raus. Der junge, ambitionierte Arzt muss die Heil- und Pflegeanstalt Haar 1933 verlassen – weil er kein „Arier“ ist. Er darf nicht mehr arbeiten. Erst nach dem Krieg kehrt er in die Klinik zurück.

Haar – Bernhard Kothe ist 29 Jahre alt, als er beruflich den nächsten Schritt wagt. Mehrere Jahre hat er in der psychiatrischen Universitätsklinik in München gearbeitet. Dort gilt er als Nachwuchstalent. Jetzt, im April 1932, wechselt er nach Haar in die Heil- und Pflegeanstalt. Er erhält

einen Vertrag als Aushilfsarzt. Doch wenige Monate später ergreifen die Nazis die Macht in Deutschland. Sie zerschlagen Kothes berufliche Karriere wie so viele andere auch.

Bernhard Kothe ist deutsch und katholisch wie sein Vater. Doch in den Augen der Nazis kein „Arier“. Der Grund: Seine Mutter, die an keine Religion glaubte, entstammt einer jüdischen Familie. Das reicht den Nazis, um Kothe im Jahr 1933 die Arbeit als Arzt in Haar zu verbieten. Trotz des Widerstandes der Heilanstalt.

Hintergrund ist das Unrechtsystem, das das NS-Regime ab 1933 institutionalisiert. Die sogenannten „Arierparagrafen“ diskriminieren und verdrängen Juden aus allen beruflichen und gesellschaftlichen Bereichen. Der Haarer Arzt Bernhard Kothe ist davon betroffen. Seine Mutter ist für das NS-Regime eine Jüdin. Sein Schicksal ist eines von vielen Beispielen, das belegt, wie akribisch die Nazis alles Jüdische auszulöschen versuchten. Der Philosoph Theodor W. Adorno wird nach dem Krieg über den Zusammenhang von Totalität und Antisemitismus schreiben: „Blindheit erfasst alles, weil sie nichts begreift.“

Bei der Heil- und Pflegeanstalt hat man sich nach Angaben des Bezirkes Oberbayern vergeblich für Kothe eingesetzt. Die Direktion hat versucht, die Entlassung abzuwenden. Am 3. August 1933 schreibt die Klinikleitung an die Regierung von Oberbayern einen zweiseitigen Brief, in dem sie für Kothe wirbt: „Seine Einstellung erfolgte aufgrund besonderer Eignung für den Posten.“ Dr. Kothe sei ein „überaus gewissenhafter und pflichteifriger Arzt“. Die Klinik brauche dringend Nachwuchskräfte wie Kothe. Er sei ein „Gewinn“ für die Einrichtung.

Klinikleitung setzt sich für ihn ein

Die Verantwortlichen der Heil- und Pflegeanstalt versuchen alles, um Kothe halten zu können. Sie argumentieren gegenüber den Nazis mit Kothes „politischer Zuverlässigkeit“. Die Klinikleitung führt auch Kothes Vater ins Feld, der sich als Tonkünstler einen Namen gemacht hat. Die Direktion appelliert sogar an das Mitleidsbewusstsein der Nazis. Die materielle Lage von Kothes Familie sei ungünstig, heißt es in dem Brief. Daher könne er auch nicht umschulen in einen anderen Beruf. „Wir ersuchen deshalb, wenn es die gesetzlichen Bestimmungen irgendwie zulassen, von einer Kündigung seines Dienstverhältnisses abzusehen. Sie würde für ihn eine große Härte bedeuten.“ Doch all das ist vergeblich. Der junge Arzt muss die Klinik verlassen. Anschließend versucht er weiterhin, eine Arztstelle zu bekommen. Doch er erhält nur kurze, unbezahlte Aushilfstätigkeiten. Fortan lässt er sich in Weilheim nieder.

Die Nazis haben seine Willen, Arzt zu sein, nicht gebrochen. Nach dem Krieg kehrt er nach Haar zurück und arbeitet ab 1948 wieder in der Anstalt. Im April 1959 folgt er dem Ruf des Bezirkskrankenhaus Gabersee, das er bis 1965 als Direktor leitet. Auch im Ruhestand engagierte er sich weiterhin in der psychiatrischen Außenfürsorge. Sein besonderes Interesse gilt der Jugendpsychiatrie, einem Bereich, in dem er auch selbst publiziert.

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