Schmuckstück: Schon als Kind in Wuppertal verliebte sich Christiane Ottmann in die filigrane Ästhetik der Apotheken-Einrichtung. Vor 27 Jahren ließ sie alles in ihre Bahnhofsapotheke in Haar einbauen, jetzt ziehen beide weiter.
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Schmuckstück: Schon als Kind in Wuppertal verliebte sich Christiane Ottmann in die filigrane Ästhetik der Apotheken-Einrichtung. Vor 27 Jahren ließ sie alles in ihre Bahnhofsapotheke in Haar einbauen, jetzt ziehen beide weiter.

Am Bahnhof Haar

Schmuckstück von Apotheke vor dem Abriss

  • Bert Brosch
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Die Bahnhofsapotheke in Haar, ein Schmuckstück mit 127 Jahre alter Eicheneinrichtung, steht vor dem Abriss. Viele Haarer erfüllt das mit Wehmut.

Haar – Im Raum stand der Abriss der traditionsreichen Bahnhofsapotheke in Haar schon länger. „Der heutige Hausbesitzer ist im Gegensatz zu seinem Vater kein Apotheker“, sagt Apothekerin Christiane Ottmann. Am 1. Februar 1980 übernahm und kaufte sie die Apotheke von ihrem Vorgänger Dr. Kleber, der hatte sie drei Jahrzehnte geführt, ihm gehörte auch das Haus.

Besitzer plant Neubau mit 14 Wohnungen 

Nun hat der neue Hausbesitzer im Haarer Gemeinderat einen Antrag auf Abriss der Apotheke und Neubau eines Wohnhauses mit 14 Wohneinheiten gestellt. Im Erdgeschoss ist kein Ladengeschäft mehr vorgesehen.

Markant auch von außen: die Bahnhofsapotheke in Haar.

Christiane Ottmann wurde in Wuppertal geboren, schon als Kind war sie häufig in der alten Kronen-Apotheke, die ein Freund der Familie führte. „Mein Entschluss für den späteren Beruf war wohl bereits damals in meinem Hinterkopf“, sagt die heute 69-Jährige, die auch seit einigen Jahren Heilpraktikerin ist. Beeindruckt haben sie die dunklen Eichenschränke und –regale mit den aufwendigen Schnitzereien. „Die strahlten für mich als Kind etwas Ehrwürdiges und auch Geheimnisvolles aus. Das alles erweckte in mir eine gewisse Neugier für den Beruf.“

Einrichtung der Wuppertaler Kronen-Apotheke eingebaut 

Im Jahr 1992 ließ sie exakt diese Einrichtung aus dem Jahr 1892 aus der Wuppertaler Kronen-Apotheke, die kurz zuvor geschlossen worden war, in ihre Haarer Apotheke einbauen.

Nach dem Studium in den 1970er-Jahren in Berlin kam Christiane Ottmann zum Arbeiten nach München in eine Sendlinger Apotheke. „Bald hatte ich den Wunsch nach einer eigenen Apotheke, die sollte möglichst in einem Haus sein, in dem ich auch wohnen konnte“, erinnert sie sich.

Kniffliger Einbau

Durch Zufall erfuhr sie von der 1931 eröffneten Bahnhofsapotheke in Haar, die zum Verkauf und zur Anmietung des Hauses angeboten wurde. Damals gab es noch vier weitere Pharmazeuten im Ort. Zwölf Jahre betrieb Ottmann die Apotheke mit dem Mobiliar des Vorgängers, das sie bei der Übernahme gekauft hatte. Dann wurde ihr unverhofft die antike Einrichtung aus Wuppertal angeboten, sofort griff sie zu. 

„Doch der Einbau war knifflig, die Wandelemente passten zwar wunderbar in die hiesige Offizin, wie man den Verkaufsraum nennt. Aber die Schränke hatten keine stabile Rückwand, somit gestaltete sich die Restaurierung aufwendiger als geplant“, erinnert sich die Apothekerin. Seit Mitte 1992, also genau 100 Jahre nach dem ersten Einbau in Wuppertal, strahlte die alte „Kronen“-Apotheke wieder neu in Ottmanns Bahnhofsapotheke.

In 40ern einzige Apotheke von Berg am Laim bis Ebersberg

127 Jahre alt ist die Eichen-Einrichtung.

In den 40er-Jahren war die Haarer Bahnhofsapotheke die einzige zwischen Berg am Laim und Ebersberg, hatte ein großes Kundenpotenzial und Einzugsgebiet. Durch Neubebauung in Haar und umliegenden Orten wie Vaterstetten, Baldham oder Feldkirchen veränderte sich die Situation deutlich. In Haar wurde das alte Löwenbräu-Gelände als Nachbargrundstück der Apotheke neu bebaut mit einem Ärztehaus, zwischen Poststadel, Rathaus und Bahnhof vieles saniert und renoviert. „Das erwies sich als günstig für meine Apotheke, allerdings entstanden auch weitere Apotheken, neue Ärzte eröffneten Praxen. Somit ergaben sich viele Veränderungen im Kunden-Klientel“, sagt Ottmann.

Trotz Internet: Umsätze sind immer noch zufriedenstellend 

Mit den Umsätzen sei sie auch heute noch zufrieden, selbst Internet-Apotheken hätten ihr nicht grundsätzlich viele Kunden oder Umsatz abgegraben. Sehr negativ war hingegen, dass der Bahnhof über ein Jahr umgebaut wurde. „Mit hohem Eigeneinsatz, weil ich ja auch keinen Arbeitsweg habe und die Notdienste praktisch von zu Hause aus mache, hat das schon immer irgendwie geklappt.“ Sie freue sich sehr über das Interesse ihrer Kunden nach umfangreicher Beratung, denen sie mit ihrem Team ihr Wissen aus verschiedenen Bereichen in Homöopathie oder Phytopharmazie weitergeben kann. „Auch meine Kenntnisse von Körpertherapie, wie Craniosacral, Organetik oder quantenphysikalischen Verfahren kann ich dabei einfließen lassen.“ Schwieriger ist es hingegen für sie seit einiger Zeit, Personal zu finden.

Gemeinderat hofft auf Laden auch im Neubau

Jetzt hat der Hausbesitzer im Gemeinderat den Antrag gestellt, die ehrwürdige Apotheke abzureißen und 14 Wohnungen samt Tiefgarage zu bauen. Die Gemeinderäte baten zwar, wieder einen Laden im Erdgeschoss einzuplanen, ebenso mehr Wohnungen, die größer sind als 50 Quadratmeter. Aber das sind eben nur Wünsche.

Apothekerin hofft auf Weiterbestehen bis zum 40. Jubiläum

„Wann die Apotheke und das Nachbarhaus abgerissen werden, weiß ich nicht. Ich denke aber, dass ich mein 40. Jubiläum am 1. Februar 2020 noch in der Apotheke feiern werde“, wünscht sich Ottmann. Sie will dann umziehen in Richtung Rosenheim oder Ebersberg. 

Alte Einrichtung als Kommunikationsraum in Ebersberg

„Mein Wunsch ist es, die Apotheken-Einrichtung dort zu einem Kommunikationsraum umzufunktionieren für kleine Vorträge, Seminare oder Konzerte. Weiterhin möchte ich meiner Heilpraktiker-Tätigkeit nachgehen.“ Sehr gerne wird sie sich an die Zeit in Haar erinnern – freut sich aber auch schon auf Neues, sagt Ottmann ohne Wehmut.

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