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Wird luxussaniert: Das Gebäude mit den Geschäftsräumen der Buchhandlung im Erdgeschoss.

Mietpreis steigt um 70 Prozent

Buchhändler muss nach Luxussanierung aufgeben: „Für mich bleibt nur das Arbeitsamt“

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Genau 20 Jahre nach seiner Eröffnung muss der Buchladen Lesezeichen in der Leibstraße in Haar schließen. Der Grund: Das Gebäude wird luxussaniert, und die Mieten steigen damit ins Unermessliche. 

Haar – Genau 20 Jahre nach seiner Eröffnung muss der Buchladen Lesezeichen in der Leibstraße schließen. „Wir brauchen die Laufkundschaft, daher einen so guten Standort, aber eine Mieterhöhung von 70 Prozent kann ich nach der Sanierung niemals stemmen“, sagt ein frustrierter Inhaber Rudolf Forster.

Das Haus aus dem Jahr 1974 gehört seit einiger Zeit der Residential Munich GmbH mit Sitz in Pöcking am Starnberger See. Weil Jahrzehnte nichts renoviert wurde, der Strom regelmäßig ausfällt, immer wieder Wasser in den Geschäftsräumen steht, die Fensterscheiben nicht isoliert sind und in der Tiefgarage schwere Stahlträger offen liegen, rosten und sich verzogen haben, ist eine Sanierung dringend notwendig. Die findet nun auch Zug um Zug statt. Aktuell wird das Nachbargeschäft der Buchhandlung, ein Reisebüro, umgebaut, ab August soll es im Lesezeichen losgehen. Nach der Renovierung müsste Forster 70 Prozent mehr Miete zahlen, das kann er sich nicht leisten. Daher ist Ende Juli nach genau 20 Jahren Schluss.

Für sein Sortiment braucht er mindestens 100 Quadratmeter Verkaufsfläche

„Die Rückmeldungen unserer Kundschaft sind unglaublich, so positiv“, sagt Forster dankbar, „doch leider bringen alle Durchhalteparolen und Tipps nichts.“ Er benötige für sein umfangreiches Sortiment mindestens 100 Quadratmeter Verkaufsfläche. „Da kann ich doch nicht in einen Container gehen, da fehlt jegliche Atmosphäre zum Stöbern und so große Container gibt es gar nicht“, sagt Forster.

Auch die Bemühungen der Gemeinde Haar weiß er zu schätzen, bereits Gabriele Müller (SPD) hat sich für einen Fortbestand eingesetzt, ihr Nachfolger Andreas Bukowski (CSU) ist nicht minder aktiv, hat mehrfach den direkten Kontakt zu Forster gesucht. „Ich habe die Gruppe „Rettet unser Lesezeichen“ auf Facebook gegründet, die heute schon 268 Mitglieder hat. Allein daran, an den aufmunternden Kommentaren und Hilfsangeboten sowie an den vielen Mails, die uns im Rathaus erreichen, sehen wir, welch hohen Stellenwert die Buchhandlung Lesezeichen in Haar genießt“, sagt Bukowski. Ein Ort wie Haar sollte eine Buchhandlung haben, er als Vielleser verstehe das nur zu gut.

Viel Unterstützung von den Bürgern

In dieser Facebook-Gruppe wimmelt es nur so von Unterstützern und Tipps: Umzug in einen Container auf die Zirkus-Wiese, als Nachmieter in das Antiquitätengeschäft in der Kirchenstraße oder ins Untergeschoss der Gemeindebücherei sind einige. Die Gemeinde solle finanziell direkt helfen, alle Schulen und Kindergärten im Ort müssten ebenso wie die Bürger in der einzigen Buchhandlung der Gemeinde bestellen, schlagen andere vor.

„Das ist alles nett gemeint, aber wir können nicht unter die Bücherei, da gibt es kein Schaufenster, da sind wir weg. Wir können nicht in eine andere Straße, auch nicht in die Alte Post, weil wir neben den Stammkunden die Laufkundschaft dringend brauchen“, sagt Rudolf Forster. Bürgermeister Bukowski bedauert, dass die Gemeinde keine Ladenfläche in der Leibstraße zur Verfügung stellen kann. „Auch wenn eine Buchhandlung mehr als Kulturbetrieb wahrgenommen wird, denn als Gewerbeeinheit – das unternehmerische Risiko tragen die Buchhändler. Wir als Gemeinde können rein wettbewerbsrechtlich keine Ladenmiete subventionieren.“

Ende Juli ist Schluss

So müsse man es leider akzeptieren, dass Ende Juli Schluss ist. Einen Neubeginn in einer anderen Stadt wird Forster nicht mehr starten. „Das kostet zu viel Geld und Energie. Für mich bleibt daher nur das Arbeitsamt – aber mit 55 wird auch das ein sehr harter Gang, wenn die dann überhaupt mal wieder öffnen“, meint Forster sarkastisch. Jetzt plant er noch für die letzte Juli-Woche einen Ausverkauf, „denn was ich nicht verkaufe, das muss ich wegschmeißen.“

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