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Die Familie ist vereint : Die Gnadenhochzeit feiern (v.l.) Enkelin Leandra (26), Schwiegersohn John (68), Emilie (94) und Oskar Lindacker (95), Enkelin Alida (22) und Tochter Iris (61).

Ehepaar Lindacker feiert Gnadenhochzeit: Die Liebe hält seit 70 Jahren

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Sie sind gemeinsam glücklich, voll im digitalisierten 21. Jahrhundert angekommen und wirken locker 20 Jahre jünger als sie sind: Emilie und Oskar Lindacker sind seit 70 Jahren verheiratet. Sie feierten nun Gnadenhochzeit – und Oskar Lindackers 95. Geburtstag.

Haar – Wie haben die beiden das bloß gemacht? Emilie (94) und Oskar Lindacker sind Zeitreisende: Sie haben Bombardierungen und Fliegerangriffe erlebt, sich mit Lebensmittelmarken und Bezugsscheinen das Nötigste zum Leben gesichert. Sie sind zwischen den beiden Weltkriegen geboren, Emilie im Allgäu und Oskar in Sudetendeutschland. Gemeinsam sind sie 188 Jahre alt.

Ihr gemeinsames Leben begann am 15. August 1948, kennengelernt haben sie sich in einem Bus in Kaufbeuren. Oskar kam schwer verwundet 1947 aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft in Frankreich zurück, hatte „viel erlebt“ als Panzerfahrer im Kaukasus und in der Normandie. Seinen Schulabschluss und das Zeugnis der Handelsakademie in Prag hatte er in der Tasche, „aber ich war nichts, ich konnte nichts und ich hatte nichts“, sagt er. Seine Eltern hat er zufällig wieder getroffen, „ich wusste ja nicht, wohin sie vertrieben wurden“. Beim ersten Treffen habe ihn die Mutter nicht erkannt, „ich zog als Schüler in den Krieg und kam als Mann wieder heraus“.

Erstes Rendezvous bei einem klassischen Konzert

In Kaufbeuren fand Oskar einen Job. Er und Emilie arbeiteten beide am Fliegerhorst. Jeden Morgen fuhren sie im gleichen Bus zum Flugplatz. „Sie kam immer zu spät und musste fast auf den fahrenden Bus aufspringen“, erzählt Oskar Lindacker und lacht. Irgendwann wollte er genauer wissen, wer denn die junge Frau mit den roten Wangen und dunklen Locken ist. Aus einem ersten Rendezvous bei einem klassischen Konzert wurden gemeinsame Bergtouren und schließlich eine Liebe, die seit nunmehr sieben Jahrzehnten hält.

Hochzeitskleid aus Fallschirmseide

Hochzeit feierten die beiden ein Jahr später, 1947, an Mariä Himmelfahrt, „meinem 25. Geburtstag“, sagt Oskar Lindacker. Für das Hochzeitskleid seiner Gattin musste Fallschirmseide herhalten, zehn Hennen der Tante dienten als Festschmaus. „Wir haben bei Null angefangen, zwei Tassen, zwei Teller und einen Topf gab es auf Bezugsschein“, erinnert sich Emilie Lindacker. „Das kann man den jungen Leuten heute nicht mehr begreiflich machen.“

Tochter lebt in Kanada

Zehn Jahre später kam Tochter Iris zur Welt, „unsere ganze Freude“ – die ihnen aber auch den Schock des Lebens bereiten sollte. Als Stipendiatin lernte sie an der Universität Ottawa. Als sie einmal nach Hause kam, verkündete sie: „Ich bleibe in Kanada.“ Iris fand dort ihre große Liebe John und lebt mit den Töchtern Leandra und Alida dort. Iris’ Glück war für Emilie und Oskar ein „großer Schlag“. „Die Telefonate haben wir mit der Uhr geführt, das war unglaublich teuer, wir hatten Telefonkosten in Höhe eines Kleinbetriebes“, sagt ihr Vater. Heute schreiben sie sich E-Mails, die 7000 Kilometer sind in zwei Sekunden überwunden. Und fünf Monate des Jahres verbringen die beiden Senioren jedes Jahr in Kanada. „Ich liebe dieses Land, die Freiheit, die Natur und die netten Leute, aber wir können dort nicht leben“, bedauert der Jubilar. Sie würden schließlich älter, brauchen Fachärzte. Das Gesundheitssystem in Kanada sei nicht für sie kompatibel.

Ins Altenheim wollen beide nicht

Obwohl die Lindackers ihren Haushalt noch selbst bewältigen, müsse man nun engere Kreise ziehen: Vor einem Jahr gab Oskar Lindacker den Führerschein ab, nun dauere manches einfach doppelt so lange. Altenheim kommt für beide aber nicht in Frage. Betreutes Wohnen schon eher, sie wollen sich langsam auf die Suche machen. Emilie Lindacker hält sich täglich mit Gymnastik fit, ihr Mann liebt es, sich über fremde Völker, Länder und Kulturen zu informieren. Ihre Reiselust lebten sie beim Campen auf Elba aus, mittlerweile haben sie viele Orte von Alaska bis Mexiko gesehen. Das Ehepaar Lindacker hat jede freie Minute miteinander verbracht. Das geht nur, wenn man sich gegenseitig ergänzt und auch versteht, wo die Grenzen liegen. „Akzeptieren, aber auch Verzichten gehören dazu“,sagt die 94-Jährige. „Dann kann man auch 70 Jahre miteinander verbringen.“ 

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