Prost! Bruder Jürgen Kirners bei der digitalen Fastenpredigt.
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Prost! Bruder Jürgen Kirners bei der digitalen Fastenpredigt.

Nur fünf Zuschauer beim Haarer Online-Starkbierfest

Fastenpredigt ohne Bierzeltstimmung

  • Sabina Brosch
    vonSabina Brosch
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So wirklich wollte keine Stimmung aufkommen beim Haarer Starkbierfest. Das lag aber am Online-Format, nicht an der derben Fastenpredigt von Bruder Jürgen Kiners.

Haar – Gemeinsam lachen, feiern und trinken ist virtuell nicht zu vermitteln. Bierzeltstimmung kam beim Haarer Starkbierfest nicht auf, auch wenn Zelebrator, Brezn, Brotzeitbrettl und natürlich Bruder Jürgen Kirners Fastenpredigt nicht fehlten. Fünf Zuschauer mit Bürgermeister Andreas Bukowski, Bezirkstagspräsident Josef Mederer, kbo-Leiter Martin Spuckti und Brauerei-Repräsentant Markus Schleu sind halt doch zu wenig, um eine echte Starkbierfest-Atmosphäre aufkommen zu lassen. „Ich sehe Technik statt fröhlicher Menschen, es ist a recht a Scheiß“, brachte es Bukowski auf den Punkt, bevor er mit zwei kräftigen Schlägen das Bierfass anzapfte.

Aber es ging auch nicht unbedingt um die Stimmung, sondern vielmehr um das Signal, dass die Kultur trotz Beschränkungen nicht aufhört, nicht aufhören darf, sich nicht unterkriegen lässt und weitermacht, betonte Matthias Riedl-Rüppel, der Chef des Kleinen Theaters Haar: „Wir zeigen, dass wir es auch digital können.“

„Vergib Ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“

Und auch wenn heuer der Bierbanknachbar fehlte, mit dem man lauthals über die Pointen lachen konnte, war es selbst am Bildschirm eine wahre Freude, wie Bruder Jürgen Kirner, „satirisch unter Voll-Druck“ stehend das aktuelle Geschehen und die Politik in gewohnter Schärfe aufs Korn nahm. Und das in Haar, das nahe bei München liegt, dort, „wo die Grabstätte der Reste der Bildung“ steht, nämlich das Kultusministerium. Dort, wo das frierende Klassenzimmer erfunden worden sei und geistiges Nirvana herrsche. Selten sei das Bibel-Zitat „Vergib Ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“ so aktuell gewesen wie heute, lästerte der Kabarettist. In Zeiten, in denen sich Politiker in widerlicher Raffgier-Mentalität bereichern und die Pandemie spannend finden mögen, während das Virus unzählige Menschen in Tragödien, Trauer und Schicksalsschlägen stürze.

Kirner schoss punktgenau Satire-Pfeile auf Bundes-, Landes-, und Kommunalpolitik. Die ehemalige Bürgermeisterin Gabriele Müller (SPD) müsse sich nicht grämen, „sie hat die besten Jahre erwischt“ und die SPD sei halt, wie Kirner selbst, ein Verfallprodukt. Der amtierende Rathauschef Bukowski dürfe nun jedoch endlich etwas mehr Dominanz zeigen, „denn eine gehörige Portion Feinde seien auch etwas Schönes im Leben“. Seinen Sessel verdanke der Bürgermeister dem „Königsmacher und Hofnarr“ Alois Rath, seines Zeichens Digitaljunkie und Videoanimateur der CSU, der keine Haustür ausgelassen habe.

Appell: „Kümmert Euch um die Probleme der Menschen!“

Fassungslos zeigte sich Kirner angesichts der Themen im Gemeinderat. „Habt Ihr denn momentan keine anderen Probleme als sich um Stühle im Ratssaal, Kiosk oder Bänke zu kümmern? Kümmert Euch um die Probleme der Menschen!“ Der politische Diskurs müsse weg von sich gegenseitigem Belauern, Ignorieren und kaputt reden. Er wünsche sich ein neues Volksbegehren für mehr Integrität in der Politik, weniger Züchtungen aus den Reagenzgläsern der Jusos, JU oder Julis und mehr Kompetenz und Bodenhaftung. Es brauche mehr Personen wie Bezirkstagspräsident Josef Mederer, der kluge Kernarbeit leiste, ohne es an die große Glocke zu hängen, der Gemeinwohl vor Meinwohl lebe, „aber diese Typen werden leider immer weniger“.

Im Blick auf die bevorstehenden Bundestagswahlen mahnte Kirner einen klaren Kopf an, damit „Demokratie und Freiheit stärker sind als ein braunes Kleinhirn.“ Die völkische Bewegung gehöre vor die Türen der Parlamente, aber nicht durch Verbot, sondern durch Stimmzettel. „Ich habe heute Abend wie immer gesagt, was ich fühle und denke“, schloss Kirner. Auch wenn es vor einem leeren Saal ohne Feedback nicht einfach sei. „Aber wir sind ein Kulturstaat, das ist in der Verfassung verankert.“ Und schoss noch einen letzten Pfeil ab. „Ich bin ein Wurmfortsatz des Kulturstaates und fühle mich verarscht.“

Über alle Entwicklungen rund um das Coronavirus im Landkreis München informieren wir in unserem News-Ticker.

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