1. Startseite
  2. Lokales
  3. München Landkreis
  4. Haar

Geschichten aus der Geschichte. Als Haar Strom bekam

Erstellt:

Von: Bert Brosch

Kommentare

Prägendes Ensemble: Gut Hechtenstein (vorne l.), das Stromwerk (r.), und dahinter die Kiesgrube anno 1956.
Prägendes Ensemble: Gut Hechtenstein (vorne l.), das Stromwerk (r.), und dahinter die Kiesgrube anno 1956. © Gemeindearchiv

Eigentlich war das kleine Örtchen Salmdorf die Keimzelle Haars. Doch dann kamen Bahnhof und Strom und der Ort veränderte sich.

Haar – Das kleine Dörfchen Salmdorf, mit heute nicht mal 1000 Einwohnern, war eigentlich die Keimzelle Haars. Doch die Eröffnung der Bahnstation und die Verlegung der Heilanstalt nach Haar änderten dies. Ab 1909 gab es dann Elektrizität in Haar – und Karl Dittmann wurde zum „Glühlampeneinschalter“ von Gronsdorf.

König Max Josef entschied 1818, dass Salmdorf für die Orte Haar, Gronsdorf und Salmdorf die politisch entscheidende Gemeinde sein sollte. Nach der Flurbereinigung 1849 wurden sogar noch Ottendichl (73 Einwohner) und Eglfing (20 Einwohner) von Feldkirchen abgetrennt und Salmdorf angegliedert. 1872 zählte die Gemeinde 348 Einwohner: 104 in Salmdorf selbst, 96 in Ottendichl, 84 in Gronsdorf, 30 in Haar, 20 in Eglfing. Leider für Salmdorf wurde kurz zuvor der Bahnhof der Linie München-Rosenheim in Haar eröffnet, damit stiegen die Einwohnerzahlen sprunghaft. Bereits 1907 hatte Haar 100 Einwohner und zwölf Wohngebäude mehr als Salmdorf. Als dann die Oberbayerische Heilanstalt von München nach Haar verlegt und 1905 eröffnet wurde, wuchs der Ort weiter. In zehn Jahren verdreifachte sich die Einwohnerzahl und betrug 1910 schon 1486 Personen. 1919 zählte Salmdorf 239 Einwohner, Haar dagegen 2639. Folglich wurde die Gesamtgemeinde 1924 von Salmdorf in Haar umbenannt.

Es steht noch immer: das Gut Hechtenstein an der Ecke der Münchener Straße (B 304) mit der Keferloher Straße. Daneben, wo sich heute ein Hotel befindet, waren die Isar-Amper-Stromwerke angesiedelt.
Es steht noch immer: das Gut Hechtenstein an der Ecke der Münchener Straße (B 304) mit der Keferloher Straße. Daneben, wo sich heute ein Hotel befindet, waren die Isar-Amper-Stromwerke angesiedelt. © Bert Brosch

Elektrischen Strom gab es in Haar seit 1909. Damals übernahmen die Amperwerke das Elektrizitätswerk des Ostens an der heutigen Keferloher Straße. Der direkte Nachbar der Stromwerke war das „Gut Hechtenstein“, das bis heute steht: Direkt an der Grenze zu München, zwischen dem Acom-Hotel (dort war das Amperwerk) und dem Autohaus Feicht. Das Gutshaus hat noch immer den Hof-Charakter mit Wegekreuz. Der Name „Hechtenstein“ ist auf einen Besitzer des Guts, Jakob Hechtl, zurückzuführen, der das Haus 1912 erwarb. Später gehörte das Gut einer Frau Eicher. Diese hatte mit Heinrich Himmler einen besonderen Kunden: Der holte dort immer frische Kuhmilch. Er hatte wenig Geld, dementsprechend wuchsen seine Schulden bei Eicher. Weil er „Karriere machte“, ab 1931 Chef der SS war, dann Münchner Polizeipräsident und ab 1934 Gestapo-Leiter, konnte er seine Schulden zahlen und besorgte Eicher wohl auch die zuvor verwehrte Genehmigung für das große Kieswerk hinter ihrem Haus. Erst nach dem Krieg wurden die Gruben aufgefüllt und bebaut.

Elektrisches Licht war lange Mangelware in Haar, die wachsende Zahl an Bürgern stolperte nachts durch schlecht ausgebaute Straßen. In Unterhaar, wo die Angestellten der beiden Heil- und Pflegeanstalten lebten, war nach Einbruch der Dunkelheit der Heimweg ein Abenteuer. Im Februar 1917 gab es laut des damaligen Bürgermeisters Andreas Kasperbauer noch elf Haushalte, die ihre Stuben mit Karbid erhellten. Weil Strom rar war, wurde streng entschieden, wer ihn erhielt. So wurde 1920 an zwei Pfleger eine „widerrufliche Genehmigung zur Haltung eines elektrischen Bügeleisens“ erteilt – gegen die enorme Gebühr von sieben Mark im Monat. Eine Lehrerin musste Geld in die Schulkasse zurückzahlen, weil sie sich einen Elektro-Kocher angeschafft und so mehr Strom als erlaubt verbraucht hatte.

Das Haus von Karl Dittmann, dem ersten Siedler in Gronsdorf und „Glühlampeneinschalter“.
Das Haus von Karl Dittmann, dem ersten Siedler in Gronsdorf und „Glühlampeneinschalter“. © Gemeindearchiv

In der Kolonie Gronsdorf war man schon ein Stück weiter. Einer der ersten Siedler überhaupt war Karl Dittmann, ein königlicher Offiziant. In einem Brief aus dem Juli 1910 von der Terrain-Gesellschaft, einer Baufirma, wurde Dittmann mitgeteilt, dass man eine Straßenbeleuchtungslampe anbringen werde. Extra für ihn nicht an der Gronsdorfer Straße, sondern an der Fußabzweigung zu seinem Haus. Allerdings war im Brief auch eine Bitte formuliert: „...wir möchten von Ihnen eines erbitten, daß Sie von Ihrem Haus aus es übernehmen möchten, in welches also der Schalter hineinkommt, die beiden Lampen anzuzünden und auszulöschen. Wir hoffen, nachdem dies nur täglich zwei Sekunden in Anspruch nimmt, daß sie unserer Bitte willfahren.“ Er hat wohl willfahren und wurde zum „Glühlampeneinschalter“ von Gronsdorf ernannt. Kurz danach wurde auch die Straße an seinem Anwesen zur „Dittmann-Straße“ – so heißt sie heute noch.

Auch interessant

Kommentare