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Körperliche Nähe, und sei es nur ein Kuss, ist für manche Menschen mit sexuellen Störungen nicht vorstellbar. Die Ursachen sind meist vielschichtig.

Neues Therapie-Angebot

„Ich weiß nicht, wie es sich anfühlt zu küssen“

  • Sabina Brosch
    VonSabina Brosch
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Martin (32) kennt keine körperliche Liebe. Er weiß nicht, wie sich ein Kuss anfühlt, von einer Umarmung oder gar intimem Sex ganz zu schweigen. Wieso das so ist, weiß Martin nicht. Hilfe sucht er in einem neuen therapeutischen Angebot: der sexualtherapeutischen Sprechstunde des kbo-Isar-Amper-Klinikums.

Haar –  Martin ist äußerlich ein ganz normaler, junger Mann. Kurze Haare, schlank, sehr gepflegt. Er hatte ein behütetes Elternhaus, auf den Schulabschluss folgte der Zivildienst, heute arbeitet er als Ingenieur. Seine Kumpels hatten nach und nach Freundinnen, Martin nicht.

Die Freunde gaben Ratschläge wie „Stell dich nicht so an“, „Trau Dich!“ oder „Das wird schon“. Und obwohl Martin „will“, wird es halt eben nicht. Bis heute hatte Martin nie eine sexuelle Beziehung, „ich weiß nicht, wie es sich anfühlt zu küssen.“

Die Spirale dreht sich immer weiter, Martin geht es schlecht, als Jugendlicher sucht er therapeutische Hilfe, bekommt die Diagnose „chronische Depression“. Damit geht es ihm mal besser, mal schlechter. Er meidet Kontakte auch zu seinen Freunden, „Hochzeiten oder so was ertrage ich nicht mehr, es tut einfach zu weh, deren Glück zu sehen.“

Helfen Betroffenen: Professor Dr. Peter Brieger (l.), Ärztlicher Direktor am kbo-Klinikum und Psychiater Dr. Tobias Skuban-Eiseler.

Als Konsequenz isoliert sich Martin noch weiter. Über ein anfängliches Stadium der Verliebtheit kommt Martin bisher nicht hinaus. „Körperlicher Kontakt ist mir unmöglich, auch wenn ich mir das doch so wünsche, spielt mein Kopf nicht mit.“ Das äußert sich in dann in Panik-Attacken: Schweißausbruch, Herzrasen, kaum mehr Luft zum Atmen, „bis es mir buchstäblich den Magen umdreht.“ Also versucht er es irgendwann gar nicht mehr erst, eine Beziehung aufzubauen. Schon ein einfaches „Hallo“ zu einer Frau, die er attraktiv findet, ist mittlerweile nicht mehr möglich.

„Es hat keinen Zweck mehr, das wird nichts mehr“, sagt sich Martin. Er trägt sich mit Selbstmordgedanken, denn so die nächsten Jahre zu leben, macht ihm Angst. „Will ich auch nicht.“ Seine Mutter, „gesteht“ ihm vor drei Jahren, dass sein Vater über 20 Jahre eine Parallelbeziehung führte, es viele „Eiszeiten“ in der Ehe gegeben hatte. Dass er die miterlebte, wird ihm erst heute bewusst.

„Dass meine Mutter mir das aber so lange Jahre verschwiegen hat, obwohl sie von meiner Krankheit wusste, das verzeihe ich ihr nicht“, sagt Martin. Als Konsequenz hat er den Kontakt zu den Eltern abgebrochen.

Martin ist nun in Behandlung bei Tobias Skuban-Eiseler, Psychiater mit Schwerpunkt Sexualmedizin und -therapie. Er initiierte vor wenigen Wochen eine sexualtherapeutische Spezialsprechstunde innerhalb des kbo-Angebots. Martin fühlt sich bei Skuban-Eiseler „sehr gut aufgehoben. Ich kann über viele Dinge sprechen, sie auch beim Namen nennen.“

Das sei häufig ein Problem, dass auch in der Psychiatrie Probleme mit Sexualität nicht ausreichend thematisiert werden. „Und das kann zu Leid auf vielfältigen Ebenen mit Rückzug, Isolation, Ängstens, Depression und Suizid führen“, sagt Tobias Skuban-Eiseler. Man müsse „den Ansatzpunkt finden, um den Knoten zu lösen“, aber in dem Knoten selbst seien so viele Einzelstricke verwoben, selbst wenn man einen löst, bleiben noch viele andere übrig.

So breit das Thema Sexualität ist, so breit ist auch Skuban-Eiselers Arbeitsspektrum. Letztlich geht es aber nur um das eine: „Den Patienten zu helfen.“

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