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Möglicher Standort für den Campus: Der Acker am S-Bahnhof Gronsdorf.

Diskussion um Schulcampus in Haar

Der Schulcampus wird zum Politikum

Haar - In der Gemeinde Haar soll ein Schulcampus entstehen. Realschule, FOS/BOS und eventuell eine Grundschule - alles auf einem Areal. Doch jetzt ist das Projekt zum Politikum geworden. Alte Wunden scheinen aufzubrechen.

Gerne betonen die Fraktionen im Haarer Gemeinderat ihren Willen zur Zusammenarbeit. „Zurück zur Sachlichkeit“ heißt der Slogan, der gerne genutzt wird, um zu zeigen, dass man die Gräben aus dem Wahlkampf 2014 zuschütten möchte. Doch in der Realität funktioniert das nur schwer. 

Jetzt sorgt der geplante Bau eines Schulcampus mit Realschule und FOS/BOS für Uneinigkeit. Insbesondere geht es um die Realschule als Teil des Projekts. Eine für Haar ungewöhnliche Kooperation aus CSU, Grünen und dem Freien Wähler Ton van Lier hat sich gebildet. Allen voran die Christsozialen werfen Bürgermeisterin Gabriele Müller (SPD) vor, zu zögerlich zu handeln, den Campus nicht voranzutreiben – ihn aus politischen Gründen verzögern zu wollen. Um Druck zu erzeugen, hat die CSU eine Unterschriftenaktion gestartet. Die Unterzeichner sollen belegen, wie groß der Wunsch nach einer Realschule im Ort ist (wir berichteten). Müller hält die Aktion für „Augenwischerei“. Den Menschen werde Bürgerbeteiligung vorgespielt, die es in Wahrheit aus formellen Gründen gar nicht geben könne. Sie überlegt, die Unterschriften nicht anzunehmen. 

Müller begegnet der Entwicklung rund um das Thema „Campus“ mit einer Mischung aus Entschlossenheit und Befremden. Dieser Eindruck jedenfalls bleibt nach einem Pressegespräch, zu dem sie eingeladen hat – und das sie eröffnet mit dem Satz, „Es ist nicht richtig, dass ich nichts tue.“ Bereits vor zwei Jahren habe die Gemeinde eine Studie in Auftrag geben, um einen geeigneten Standort zu finden. Also noch ehe das Kultusministerium den Campus überhaupt genehmigt hat. Zudem gebe es einen Arbeitskreis zur Standortfrage. Und regelmäßige Treffen zwischen ihr und den beiden wichtigsten Gesprächspartnern, Bezirkstagspräsident Josef Mederer und Landrat Christoph Göbel (CSU). Dass dazu kein Gemeinderat geladen sei, wie es die CSU bemängele, sei doch klar. Man verhandle schließlich über Finanzielles und über Grundstücksangelegenheiten. 

Und mit diesen beiden Aspekten ist laut Müller das Problem auch schon umrissen: Die Gemeinde hat kein eigenes Grundstück für eine Realschule, geschweige denn für einen Campus. Und sie hat kein Geld. Umstände, die die CSU sehr wohl kenne und auf die der politische Gegner ja selbst keine Antwort habe. Tatsächlich stehen mehrere Areale zur Auswahl, darunter der Jahngarten, eine Fläche zwischen Wertstoffhof und Sportpark sowie das Baseballfeld. Diese drei Varianten allerdings sind so ziemlich vom Tisch. Zwei weitere dagegen nicht: am Bezirksgut und am S-Bahnhof Gronsdorf. Über beiden jedoch schwebt die dunkle Wolke der Nichtfinanzierbarkeit. Der Landkreis will die FOS/BOS zahlen. Nicht aber die Realschule, für die der Kreis einen Zweckverband, wie sonst im Landkreis bei weiterführenden Schulen üblich, kategorisch ablehnt. Auch die Stadt München hat nach Aussage von Müller in Sachen Zweckverband bereits abgewunken. Erschwerend aus der Sicht der Gemeinde kommt hinzu: Seit Ende vergangenen Jahres gilt eine neue Regelung für solche Zweckverbände: Die Kommune, in der die Schule steht, muss 70 Prozent der Bau- und Erschließungskosten tragen, der Landkreis 30 Prozent. Während Göbel und die Haarer CSU davon ausgehen, dass eine Realschule für rund elf Millionen Euro zu haben ist, rechnet Müller mit Kosten von rund 45 Millionen Euro. „Das können wir nicht finanzieren“, sagt sie – auch mit Blick auf die Grundschulen in Haar. Die sind längst zu klein. Auch hier wäre ein Neubau notwendig. Alle Schulneubauten gleichzeitig zu stemmen, ist laut Müller „unmöglich“.

Sie warnt vor einem enormen Schuldenberg. Und stellt die Frage in den Raum, ob es sinnvoll ist, Schulden zu machen für ein Projekt, das aus ihrer Sicht vor allem auswärtigen Kindern zugute käme. Denn in dieser Hinsicht bleibt Müller auf der Linie ihres Vorgängers, Helmut Dworzak (SPD). Der hatte den Bau einer Realschule stets abgelehnt. Sein Argument: Haar selbst habe mit gut 200 Kindern zu wenige für einen solchen Schultyp. Auch Müller sieht das so. Um eine Realschule am Ort zu realisieren, müssten zusätzlich mindestens 300, besser 500, Buben und Mädchen aus München den Unterricht besuchen. 


Wie wenig sinnvoll Müller die Sache offensichtlich erscheint, zeigt sich in ihrem Hinweis, die Haarer Realschüler seien gut aufgehoben und versorgt in der Realschule Vaterstetten, deren Ausbau Haar im übrigen finanziell mittrage. Wie Müller die Lage schildert, steckt die Gemeinde in einem Dilemma: Sie hat eine Zusage aus dem Kultusministerium, das den Bedarf eines Campus sehr wohl erkannt hat. Die Gemeinde aber kann das Projekt nicht umsetzen. „Es liegt auf dem Tisch und quält sich in den Sachzwängen.“ 


Was womöglich bleibe, sei Zeit zu gewinnen. Eventuell zunächst die FOS/BOS zu realisieren, später dann die Realschule. Und wenn das Kultusministerium einen solchen verlängerten Zeithorizont nicht zulässt? „Dann muss man irgendwann die Notbremse ziehen“, sagt Bürgermeisterin Müller. bw

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