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„Sophie!“: Aus dem Leben der Widerstandskämpferin

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Von: Sabina Brosch

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Flugblätter, wie sie Sophie Scholl in den Lichthof der LMU segeln ließ, schmissen die EMG-Schülerinnen auf der Bühne in die Luft.
Flugblätter, wie sie Sophie Scholl in den Lichthof der LMU segeln ließ, schmissen die EMG-Schülerinnen auf der Bühne in die Luft. © Sabina Brosch

Sophie Scholl war Widerstandskämpferin, aber eben auch eine normale junge Frau. Ein Aspekt, den die Theatergruppe des Haarer Gymnasiums in ihrem neuen Stück beleuchtet.

Haar – Sophie Scholl ist eine der bedeutendsten Frauen des 20. Jahrhunderts, tapfer und mutig, eine, die ihre Ideale bis in den Tod vertrat. Diese Tapferkeit lässt sie oft als unerreichbares Idol erscheinen, wobei der Blick auf ihr Leben vergessen wird. Genau diese Lebenslinie zeichneten die Schüler der Theatergruppe des Ernst-Mach-Gymnasiums (EMG) in Haar in einem Stück nach und reflektierten Scholls Leben mit ihrem eigenen.

Scholls Historie ist bekannt: Kindheit bei Ulm, die Behütetheit in der Familie, ihre Religiosität und Musikalität, ihre frühe Begeisterung für den Nationalsozialismus und deren Führer Adolf Hitler, der Eintritt in die Jungmädchenschar, ihre erste Verliebtheit, aber auch die Abkehr vom totalitären Regime und schließlich der aktive Widerstand, den sie am 22. Februar 1943 mit dem Leben bezahlte. Der erste Auftritt zu Ehren von Sophie Scholls 100. Geburtstag fand im März 2021 coronabedingt nicht in der Aula des EMG, sondern auf dem Münchner Königsplatz statt. Das außergewöhnliche Geburtstagsständchen, inszeniert von Farina Simbeck und Thomas Ritter, Leiter der EMG-Theatergruppen, wurde nun von 13 Schülerinnen zwischen 13 und 16 Jahren am EMG aufgeführt: ein Gedenken in Körper-Bildern, bereichert mit Originalzitaten.

Zurücklehnen und das Stück vorbeiziehen lassen? Nicht möglich.

Wie immer dominiert die Sprache des Körpers und die Bedeutung des Wortes. Kein Bühnenbild, lediglich abgehängte schwarze Tücher auf denen Bilder und Videos eingespielt werden, ein paar herumliegende Luftballons, deren Farben die aktuelle Stimmung reflektieren: weiß-blau für Kindheit und Jugend, schwarz für die düstere Zeit zur Machtergreifung und rot, als sich die ersten romantischen Gefühle für Fritz Hartnagel entwickeln. Ein Metallgerüst, das als Anklagebank bei der Gerichtsverhandlung dient. Die Zuschauer müssen genau hinschauen und -hören, um die Details in und um das Stück zu erfassen. Zurücklehnen und das Stück vorbeiziehen lassen, ist auch bei „Sophie!“ nicht möglich.

Scholl und ihre Mitstreiter „infizierten“ EMG-Theaterchef Ritter vor drei Jahren, als er als Gast war bei der Preisverleihung des Geschwister-Scholl-Preises an der LMU. Schnell war ihm klar, dass er die Widerstandskämpferin auf andere Weise zum Thema machen will und wird. „Es geht um den Blickwechsel“, erklärt Ritter. „Natürlich war Sophie außergewöhnlich, aber dennoch eine ganz normale junge Frau.“ Es sollte also, zusammen mit der Weiße-Rose-Stiftung, eine Performance werden, in welcher die Ideen der Weißen Rose mit der Lebenswirklichkeit der Jugendlichen in Beziehung zueinander gesetzt werden.

„Was denkst Du, Sophie, über uns?“

Wie immer hat die Schultheatergruppe selbst bei der Ausarbeitung mitgewirkt, in einer Recherchephase dem Leben Scholls nachgespürt und daraus szenische Momente entstehen lassen. Alle 13 Schülerinnen übernehmen fließend die Rolle als Sophie und knüpfen mit Sätzen wie „Ich werde Biologie studieren, wie Du!“ oder „Ich liebe den Duft nach einem Sommerregen“ dabei an ihre eigenen Wünsche und Träume an. Als Gruppe verkörpern sie die konforme Masse der Regime-Mitläufer, „marschieren“ durch die Jahre der Diktatur und schlagen den Boden ins Jetzt: „1941: Schlacht um Kiew“, sagt ein Mädchen in die plötzliche Stille, „2022: Schlacht um Kiew“. Die Stimmen der Darstellerinnen werden dünn und brüchig, etwa als sie von den Tötungen in Eglfing sprechen, den Gräueln des Zweiten Weltkrieges, aber auch wenn Schülerin Nelly sagt: „Ich bin bedrückt, dass Menschen und Kinder in der Ukraine im Krieg sterben.“ Sophie Scholl äußerte sich ähnlich, dass sie nicht verstehen können, dass Menschen aufgrund von Krieg in Lebensgefahr gebracht würden.

Die jungen Darstellerinnen und Sophie Scholl trennen zwar rund 80 Jahre, aber sie befinden sich in einem ähnlichen Lebensabschnitt. Die Frage „Was denkst Du, Sophie, über uns?“ zeigt, dass auch eine Verbundenheit entstand, die weit über die Bühne der EMG Aula hinausgeht.

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