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Das passende Werkzeug zum Selbersägen gibt’s bei Otto Fritzmeier, der den Christbaumverkauf seit 42 Jahren betreut.

Reportage von der Bio-Baumschule

Verschmähte Blaukiefer: Ein Christbaum-Profi erklärt die Trends

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Fast alle Christbäume hierzulande kommen aus Skandinavien, England oder Osteuropa. Doch es geht auch umweltfreundlicher Ein Besuch im „Christbaumland“ Haar.

Ottendichl– Wer in Ottendichl in die Weißenfelder Straße einbiegt, darf sich nicht täuschen lassen. Noch „30 Meter“ bis zum Christbaumverkauf, ist vermeintlich auf einem Schild zu lesen. Doch die erste Ziffer war ziemlich verblasst, ist andersfarbig nachgezeichnet worden und erst auf den zweiten Blick erkennbar – 830 Meter also sind es noch, bis sich rechts der Straße das Tor zu einem kleinen Naturparadies öffnet.

„Ich habe hier einst die ersten Bäume gepflanzt.“ Otto Fritzmeier, 61, lässt seine hellblauen Augen über das Meer von Nadelbäumen streifen. Nordmanntannen, Blaufichten, Schwarzkiefern – all das gibt es hier. Seit 42 Jahren. So lange schon läuft in Ottendichl das Geschäft mit den Christbäumen.

Selbst ist der Mann: In Ottendichl fällen die Kunden ihre Tanne eigenhändig. Bezahlt wird nach Größe.

Das knapp 25 Hektar große Areal gehört den Gebrüdern Beutler, Peter und Hans, beide inzwischen recht betagt. „Schon unsere Eltern waren Nachbarn“, berichtet Fritzmeier. Als junger Bursche setzte er vor über vier Jahrzehnten die ersten Bäumchen, inzwischen ist er zum Betreiber aufgestiegen. Und berichtet regelmäßig „den Chefs“, wie er respektvoll über die Beutler-Brüder sagt.

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In Haar ist alles öko

Das Besondere an der Christbaumplantage ist der ökologische Ansatz. „Bei uns kommt keine Chemie zum Einsatz“, betont der 61-Jährige. Das Gras zwischen den Bäumen wird immer wieder gemäht, teils mit der Hand ausgegrast. Der Schnitt bleibt liegen, „wir mulchen die Bäume“. So erhalten sie genug Stickstoff, zusätzlicher Dünger ist – außer in der Anpflanzphase – nicht nötig. „Zum Glück hatten wir auch noch nie Ungeziefer, mussten nie etwas spritzen.“

Eine schadstofffreie Zone also, was die Tiere freut. „Wir haben hier Fasanen, Rebhühner, einen Haufen Feldhasen und auch einen Bussard“, sagt Fritzmeier. Und frei werdende Flächen dienen nicht automatisch als Pflanzzone für neue Bäume, „sondern als Bienenweide mit allerlei Blumenarten – wir haben auch einen Imker auf dem Gelände“. Beim Blick über die lichte Nadelwaldplantage schwärmt der 61-Jährige: „Ein Paradies für die Natur.“

Elf Monate im Jahr haben die Tiere ihre Ruhe, nur in den vier Wochen vor Weihnachten herrscht Trubel im Gehölz, vor allem an den Wochenenden: Unzählige Kunden schnappen sich dann eine der bereitliegenden Sägen, stapfen übers Areal, suchen sich ein Bäumchen aus und sägen es selbst ab. Vorn, neben Glühwein- und Würstlbude, wird der Christbaum gemessen – ein Meter Nordmanntanne kostet 20 Euro, bei der Blaufichte sind es 18 Euro.

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Ein Plädoyer für die Blaufichte

Otto Fritzmeier seufzt, wenn die Sprache auf die Baumwahl kommt. „Angefangen haben wir ursprünglich mit den Blaufichten.“ Ein bayerischer Baum eben. Dann, „vor mindestens 15 Jahren“, kam der Trend auf hin zur Nordmanntanne. Die wird in Ottendichl mittlerweile natürlich auch angebaut, „auch wenn der Boden hierzulande dafür nicht optimal ist“. Oberbayern ist halt nicht Dänemark. Dem Christbaumverkäufer tut die Blaufichte richtig leid. „Sie ist ein einheimischer Baum, aber keiner mag sie mehr.“ Wie zur Bestätigung kommt in diesem Moment ein älteres Ehepaar vorbei, begutachtet eine Blaufichte. Ein Griff zu den Zweigen, die Frau zuckt zurück: zu stachelig. „Wie ein Igel“, sagt Otto Fritzmeier. „Das ist das Problem.“

Zu stachelig: Die heimischen Blaufichten sind nicht mehr gefragt.

Eins, das lösbar wäre, findet er. Fürs Schmücken der Blaufichte müsste man halt Gartenhandschuhe tragen. Jenseits der piksenden Nadeln gebe es nur Vorteile: „Die Äste der Blaufichte sind stabiler, man kann auch schwere Kugeln dranhängen. Und die Blaufichte riecht richtig nach Natur, man spürt den Wald im Wohnzimmer, während die Nordmanntanne nach gar nichts riecht.“ Doch die Nordmanntanne mit ihren samtweichen Nadeln bleibt der Renner. Die Schwarzkiefer indes: ein Auslaufmodell. „Pro Saison verkaufen wir davon höchstens vier Stück. Die ist so breit, dass kaum jemand genug Platz dafür hat.“

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Nordmanntanne hat Probleme mit dem Klimawandel

Ganz einfach ist es nicht mit der Nordmanntanne in Bayern, was Otto Fritzmeier mit dem Klimawandel erklärt. „2018 haben wir 4500 Nordmanntannen angepflanzt, die sind alle kaputt gegangen.“ Zu lange fiel kein Regen, der Boden war zu trocken. Heuer haben sie in Ottendichl einen neuen Anlauf gewagt, „es ist ein Pokerspiel“. Mindestens zwölf Jahre dauere es, bis eine Nordmanntanne auf Verkaufsgröße gewachsen sei. „Eigentlich“, sinniert Fritzmeier, „müssten wir 25 Euro pro Meter nehmen statt 20.“ Auf die Jahre ergebe sich immer noch ein Verdienst, aber ein bescheidener. Was ihn antreibt, ist die Liebe zur Natur, zu den Bäumen. Das spüren auch die Kunden – manche kommen seit Jahrzehnten. 

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