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Gewalt gegen Kinder ist oft ein Zeichen, das Eltern überfordert sind.

Hilfe für Familien in Haar und Grasbrunn

Neues Netzwerk soll Kinder schützen

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Eine Studie unter Eltern liefert erschreckende Ergebnisse: Gewalt ist keine Ausnahme. Die Gemeinden Haar und Grasbrunn wollen  überforderten Eltern frühzeitig helfen.

Haar/Grasbrunn – Die Resonanz bei der Auftaktveranstaltung im Haarer Bürgerhaus ist groß. Der Saal ist voll, als Haars Zweite Bürgermeisterin die Gäste, überwiegend Frauen, begrüßt. „Kinder sind ein großes Glück“, sagt Katharina Dworzak (SPD), die im Mai ihr zweites Kind erwartet. Sie schildert, wie das Leben mit ihrem kleinen Sohn ihren Alltag umgekrempelt hat. Sie könne sich glücklich schätzen, sagt sie, ein Netzwerk aus Angehörigen und Freunden zu haben. „Es ist gut, wenn jemand Tipps gibt bei Ängsten oder entlastet bei körperlicher Erschöpfung. Und vor allem, wenn Verwandte oder Freunde psychische Unterstützung geben, zum Beispiel in der Trotzphase eines Zweijährigen“.

Die meisten Mütter und Väter meistern das Leben mit Kleinkindern. Aber eben nicht alle. Einige brauchen Hilfe, und zwar frühzeitig. Darum wollen die Gemeinden Haar und Grasbrunn ein Netzwerk „Frühe Hilfen“ gründen und darin soziale Dienste, Pädagogen, Mediziner und Therapeuten zum Austausch und zur Kooperation zusammenbringen.

Vorzeigebeispiel Unterschleißheim

In Unterschleißheim laufe dies seit einigen Jahren mit großem Erfolg, berichtet Yvonne Grießhammer von der Beratungsstelle „Guter Anfang im Kinderleben“ („AndErl“) des Landkreises München. Dort werde mit Oberschleißheim kooperiert. 40 Teilnehmer treffen sich, darunter die drei Kinderärzte der Stadt, Therapeuten und Fachkräfte der Krippen.

Gynäkologen hatten erst kein Interesse

„Für Mediziner ist Netzwerkarbeit nicht alltäglich“, stellt Christoph Liel vom Deutschen Jugendinstitut fest. Dabei seien Ärzte wichtige Partner bei der Früherkennung von Problemen. Diese Erfahrung kann Grießhammer bestätigen. Anfangs habe „AndErl“ sich bemüht, auch Gynäkologen einzubinden. Vergeblich. „Wir sind am Desinteresse der Gynäkologen gescheitert.“ Nach neun Jahren „AndErl“ habe sich das aber geändert. „Inzwischen melden sich bei uns Gynäkologen, die sich Sorgen machen um Hochschwangere.“

Erschreckend viel Gewalt

Liel vom Deutschen Jugendinstitut stellte eine Studie vor, bei der 8065 Familien befragt wurden, die mit Null- bis Dreijährigen zur Vorsorgeuntersuchung kamen und im Wartezimmer des Kinderarztes einen zweiseitigen Fragebogen ausfüllten. Untersucht wurde, warum manche Familien gefährdeter sind als andere und wie Hilfeangebote angenommen werden.

Das erschreckende Ergebnis: Fünf Prozent berichteten von familiärer Gewalt, dabei gibt es Kindeswohlgefährdung in allen Schichten. Das kann Grießhammer bestätigen: „Vernachlässigung zieht sich durch alle Schichten, nur die Art und Weise ist unterschiedlich.“ Auch bei betuchten und gebildeten Eltern, die gerne betonten: „Wir haben doch eine Nanny“, komme es vor, dass Kinder emotional stark vernachlässigt seien. Kopfnicken im Publikum und vielsagende Blicke der Zuhörerinnen.

Denn geringe Bildung und Armut gelten zwar als Verstärker, sind aber an sich noch kein Alarmsignal. 82 Prozent der Befragten in der Studie wiesen weniger als zwei Belastungsmerkmale auf. Diese sind laut Liel ungeplante Schwangerschaft, frühe Mutterschaft, psychische Probleme, das Schrei- und Schlafverhalten des Kindes oder negative Beziehungserfahrungen der Eltern. „Kritisch wird es, wenn mehr als vier dieser Risikofaktoren zusammenkommen“, sagt er. 8,4 Prozent der befragten Eltern erfüllen drei Merkmale und sind belastet. 9,6 Prozent erfüllen vier oder mehr Merkmale.

Wie kann diesen Familien besser geholfen werden? Welche medizinische und soziale Hilfe nehmen sie an? Die Studie bestätigt, dass Hilfen von Hebammen, Schwangerenberatung und ehrenamtliche Familienbegleitung gut angenommen werden. Elternkurse, Gesundheitsfürsorge, Beratungsstellen hingegen werden weniger angenommen.

„Nichts überstülpen“

Die Gemeinden Haar und Grasbrunn werden ihre sozialen Dienste und medizinischen Anlaufstellen nun vernetzen und Eltern frühe Hilfe anbieten – bevor das Jugendamt eingeschaltet werden muss. „Es ist ein Gewinn, wenn wir Gewaltfällen vorbeugen können“, sagte Violetta Maciejewska von der Gemeinde Haar. Der Haarer Kinderarzt Dr. Axel Becker betonte, er gebe gerne im Netzwerk Rückkopplung. „Wir konzentrieren uns auf die medizinischen Aspekte, aber wir können ein Gespür entwickeln, was die Familien brauchen.“ Wichtig sei, betonte Grießhammer, dass die Hilfe auf freiwilliger Basis beruht, „und den Familien nichts übergestülpt wird“. Vom Netzwerk „Frühe Hilfen“ in Unterschleißheim berichtete sie: „Als wir die Treffen nach ein paar Jahren reduzieren wollten, waren gerade die Kollegen von der medizinischen Seite arg enttäuscht.“

Für den Aufbau des Netzwerks in Grasbrunn und Haar wird sich eine Steuerungsgruppe in den nächsten Wochen treffen und damit beginnen, ein Adressenverzeichnis zu erstellen.

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