+
Information und leichte Hoffnung: Neurologe Dr. Claus Briesenick aus Haar gibt Empfehlungen, wie man sich schützen kann vor Alzheimer-Demenz.

Tipps und Adressen

Hilfe gegen Alzheimer: Bevor ein Mensch sein Leben vergisst

  • schließen

Haar - Was haben Sie gestern zu Mittag gegessen? Schon vergessen? Alzheimer ist eine gefürchtete Diagnose. Die gute Botschaft: „Einer Demenz kann man vorbeugen.“ Dr. Claus Briesenick empfiehlt gesunde Ernährung, Sport und geistige Aktivität – das alles kann vor Demenz schützen.

Locker steht der Neurologe aus Haar vor seinem Publikum. Schnörkellos bringt er seine Informationen an die gut 60 Zuhörer. Die haben sich auf Einladung der Nachbarschaftshilfe im Dachgeschoss versammelt. Kaum ein Sitz bleibt leer. Der schlanke 67-Jährige in Jeans und Pulli kann wohl selbst als Vorbild eines gesunden Lebensstils gelten: Sportlich wirkt der Mediziner, der nach dem Vortrag seinen Rucksack schultert und sich radelnd auf den Heimweg macht. 

Herd abgeschaltet? Licht aus gemacht? 

Zuvor hat er viele Fragen beantwortet. „Mein Vater wirft mir immer vor, ich hätte mich schon lange nicht mehr gemeldet, dabei rufe ich täglich an“, sagt eine Dame: „Was soll ich machen?“ Briesenick antwortet: „Weiterhin anrufen. Das steigert für ihren Vater die Lebensqualität, er kann sich nicht an ihre Anrufe erinnern.“

Eine Zuhörerin erzählt besorgt: „Bevor ich das Haus verlasse, gehe ich eine Liste durch: Herd ausgeschaltet, Tür abgeschossen . . . und so weiter.“ Briesnick beruhigt sie: „Solange Sie den Zettel finden und abarbeiten, haben Sie keine Demenz.“

Der Mediziner, der in Baldham eine Praxis führt, hält immer wieder ehrenamtlich Vorträge über sein Fachgebiet, die Neurologie. Die Zahl der Demenzkranken steigt, berichtet er: In Deutschland gab es 1,45 Millionen Betroffene im Jahr 2010. Im Jahr 2050 wird sich die Zahl verdoppelt haben.

Ursachen für das Vergessen

Die Ursache von Demenz sind Eiweißablagerungen im Gehirn, erklärt er. Sie führen dazu, dass Zellen absterben und die Furchen zwischen den Gehirnwindungen immer größer werden, weil Hirnsubstanz verloren geht. Die Folge: Informationen im Gehirn können nicht mehr weitergegeben werden. Das große Vergessen beginnt. 

Anfangs vermindert sich der Umfang der Sprache. Nach und nach nimmt auch das Schreibvermögen ab. „Im späten Stadium hört der Patient auf zu sprechen und hat kaum noch Möglichkeiten zu kommunizieren.“ Schließlich sei das Schreien und Herumwandern das größte Problem. 

Ein gewichtiger Risikofaktor ist unbehandelter Bluthochdruck. „Bluthochdruck“ – dieses Wort hat Briesenick als einziges in seiner Power-Point-Präsentation unterstrichen. „Halten Sie den oberen Wert unter 130 und den unteren unter 85“, ist sein dringender Rat. Auch Übergewicht sei ein Risikofaktor. Briesenick rät Betroffenen, Medikamente einzunehmen, denn: „Die Behandlung von Alzheimer mit Acetylcholinesterasen kann den Heimaufenthalt um elf Monate herauszögern.“

Sport und gesunde Ernährung schützen

Briesenick beziehe sich nur auf wissenschaftlich gesicherte Studien, das betont er zu Anfang seines Vortrags. „Gingko?“ – „Habe ich selbst jahrelang genommen“, er schüttelt den Kopf: „Stand der Wissenschaft ist: Es hilft nicht.“

Heilbar ist die Demenz nicht, betont er. Aber man kann einiges dagegen tun, das hätten Forscher festgestellt: Probanden, die sich gesund ernährten, körperlich, sozial und geistig aktiv waren, bewiesen in Tests kognitive Fähigkeiten, die um 25 Prozent besser waren, als diejenigen der Kontrollgruppe, die aus Senioren bestand, die ungesunde Gewohnheiten beibehielten. „Das ist ein phänomenales Ergebnis!“, ruft Briesenick. Die Zuhörer horchen auf. „Gute Ernährung kann schützen“, erklärt der Mediziner (sh. Kasten). Sein Speiseplan: „Dreimal täglich Vollkorn. Nur einmal pro Woche fetten Käse, zweimal pro Woche Geflügel und einmal wöchentlich Fisch.“ Fazit: „Der Vegetarier ernährt sich deutlich richtiger als der Fleischesser.“ Und: „Ein Glas Wein pro Tag ist besser als kein Wein.“

Ein pensionierter Professor hat eine Frage: „Sind 50 Gramm Rinderschinken zum Frühstück noch gesund?“ Das Publikum lacht. Offenbar achtet der 76-Jährige schon sehr genau auf seine Ernährung. „Wenn das zur Lebensqualität gehört – ja!“, antwortet Briesenick: „Die Lebensqualität ist ja schließlich wichtiger als die Lebensdauer.“ Später erzählt der Herr, der seinen Frühstücksschinken abwiegt, gut gelaunt, dass er sich durch den Vortrag bestätigt fühle. „Nur, dass Butter und Käse schädlich sind, hat mich überrascht.“

Ein Herr fragt: „Ist Bier auch ok?“

Ein anderer Herr fragt: „Ist Bier auch ok?“ Wohl schon, meint der Experte: „Bayerische Studien gibt es bisher nur nicht“, scherzt er. Die vorliegenden europäischen Tests untersuchen die Auswirkung von Alkohol lediglich anhand des Weinkonsums.

Auch auf Fitness sollte man Wert legen: „30 Minuten Bewegung am Tag kann das Risiko für eine Alzheimer-Erkrankung um 37 Prozent vermindern.“ Briesenicks Tipp: „Mindestens 150 Minuten mäßig intensives Training pro Woche.“ 

Schließlich legt er seinen Zuhörern ans Herz, Kontakte zu halten und geistig aktiv zu bleiben: „Besuchen Sie VHS-Kurse, lernen Sie eine Sprache, lesen Sie Zeitung und unterhalten Sie sich über Artikel, schauen Sie regelmäßig Nachrichten.“

Eine Zuhörerin fragt, wann man mit dem Autofahren aufhören sollte. Im Zweifelsfall müsse man einen Test machen, empfiehlt der Arzt, das sei in der Gedächtnisambulanz am Klinikum Rechts der Isar möglich oder an der Universitätsklinik an der Nussbaumstraße. Hierhin können der Hausarzt überweisen.

Einen hundertprozentigen Schutz gebe es aber leider nicht. „Alzheimer bleibt ein Schicksal“, Briesenick weiß: „Auch wenn man alles zur Vorbeugung tut, kann es einen treffen."

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

Nach Heldentat: Tesla-Fahrer meldet sich auf Facebook zu Wort
Manfred Kick wurde über Nacht zum gefeierten Helden, nachdem er mit seinem Auto ein führerloses Fahrzeug auf der Autobahn ausbremste und so einem Mann das Leben rettete. …
Nach Heldentat: Tesla-Fahrer meldet sich auf Facebook zu Wort
Tesla-Raserin zu Sozialarbeit verurteilt
Eine Geldstrafe wird für die 18-jährige Pullacherin nicht fällig, die im Mai 2016 mit einem Tesla-Sportwagen einen schweren Unfall verursacht hat. Sie kommt mit …
Tesla-Raserin zu Sozialarbeit verurteilt
50.000 Bundesligator: Ismaninger blasen Schützen den Marsch
Das Blasorchester Ismaning hat Jubiläums-Torschütze Karim Bellarabi von Bayer Leverkusen den Marsch geblasen. Live im Studio von Sport 1.
50.000 Bundesligator: Ismaninger blasen Schützen den Marsch
Angst vor schärferen Waffengesetzen
Im September ist Bundestagswahl. Und die zumindest der Bayerische Jagdverband hofft nicht auf einen Regierungswechsel. Denn dann, so fürchten die Mitglieder, könnten die …
Angst vor schärferen Waffengesetzen

Kommentare