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361 Morde und 850 Mordversuche hat Josef Wilfling als Kommissar untersucht.

„Kein Krimi ist so grausam wie die Realität“

Kommissar bei der Mordkommission: ein harter Job. Wie es im echten Leben eines Ermittlers zugeht, erzählt Josef Wilfling.

Von Bert Brosch

Haar – Josef Wilfling (70) hat Serienmörder Horst David überführt, fing die Mörder von Walter Sedlmayr und Rudolph Mooshammer, löste Hunderte von Mordfällen. Er war 42 Jahre bei der Polizei, sieben Jahre leitete er die Münchner Mordkommission. Bei der Volkshochschule Haar berichtete er aus seinem Berufsleben: „Kein Fernseh-Krimi ist so grausam wie die Realität“, lautet sein Fazit.

Es sei ihm bis heute ein Rätsel, warum er immer Dienst gehabt habe, wenn in München die spektakulärsten Verbrechen passierten, sagte Wilfing an diesem Abend – und meinte: die erste deutsche Geiselnahme in einer Bank in der Prinzregentenstraße 1970, das Olympia-Attentat 1972, das Oktoberfest-Attentat 1980, den Sedlmayr-Mord 1990 oder den Mord an Modezar Mooshammer 2005. „Ich hab‘ mich darum nie gerissen – es war halt so“, erzählt der sympathische Franke. Und nichts, von dem, was er erzählt, ist erfunden.

Ihn ärgert, „wie eigenartig“ Fernseh-Kommissare dargestellt werden: „Auch ich liebe Krimis im TV – doch in meiner langen Karriere bin ich keinem Kriminaler begegnet, der so ein Psychopath, Säufer oder Hurenbock gewesen wäre, wie es die Fernseh-Kommissare sind. Wir Echten sind alle brave Familienväter und nehmen unser Privatleben nie mit in die Mordermittlungen. Anders ginge das auch gar nicht“, sagte Wilfling.

Als Krimifan könne man sich nicht vorstellen, wie grausam die Wirklichkeit ist: „Wenn ein Mann seine Frau erschießt und die beiden Kinder müssen zusehen, das ist brutal. Das würde nie einer im Fernsehen zeigen, mir sind solche Fälle vier Mal passiert, das war extrem.“

Wilfling beruhigte seine Zuhörer aber auch: der Großraum München sei eine absolut sichere Gegend. „In meinen 22 Jahren bei der Mordkommission untersuchten wir mit 30 Mann 361 vollendete Morde und 850 Mordversuche – das ist umgerechnet eine Tat pro Woche. In Südamerika sind das 25 Mal so viele.“

Seine langjährige Erfahrung hat ihn zudem gelehrt: „80 Prozent aller Tötungen werden mit einem Messer durchgeführt – davon sind die Hälfte Küchenmesser. 90 Prozent der Täter sind Männer, 70 Prozent der Taten geschehen innerhalb von Beziehungen wie Ehe, Freundschaft oder Arbeitskollegen. Mit großem Abstand die gefährlichste Täter-Gruppe sind Ehemänner.“ Männer töten, um zu behalten, Frauen töten, um einen Schlussstrich zu ziehen.

Insgesamt seien die Mordzahlen in Deutschland rückläufig, wofür es aus Wilflings Sicht mehrere Gründe gibt: Die Gesellschaft werde älter und Senioren töten nicht so häufig. Frauen bleiben nicht mehr so lange bei prügelnden Ehemännern wie vor 30, 40 Jahren. Häusliche Gewalt sei oft die Vorstufe zum Mord. Zudem: „Die sexuelle Toleranz hat stark zugenommen, nur weil einer schwul oder transsexuell ist, ist er heute kein potenzielles Mordopfer mehr.“ Und die Kriminaltechnik hat mit dem Computer-Abgleich und dem DNA-Test so große Fortschritte gemacht, dass die Angst vor lebenslanger Strafe viele potenzielle Täter abschreckt.

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