Drogenbeauftragte Daniela Ludwig (M.) steht mit Pflegedienstleiterin Lena Heyelmann (l.) und Ulrich Zimmermann, dem Leiter der Suchtmedizin, im großen Werksaal des Klinikums München-Ost.
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Drei Stunden täglich kommen Abhängige in die Tagesklinik. Im großen Werksaal gibt es kunsttherapeutische Angebote: Drogenbeauftragte Daniela Ludwig im Gespräch mit Pflegedienstleiterin Lena Heyelmann (l.) und Ulrich Zimmermann, dem Leiter der Suchtmedizin.

Bundesdrogenbeauftragte hat die Einrichtung besucht

Methadon für Zuhause: So revolutioniert das Klinikum München-Ost seine Suchtbehandlung

  • Charlotte Borst
    vonCharlotte Borst
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Während der Corona-Pandemie ist es für das Klinikum München-Ost schwer gewesen, Suchtkranke zu behandeln. Allerdings haben sich inzwischen Wege ergeben, um die Behandlung zu revolutionieren.

Haar – Von ihnen ist in der Berichterstattung während der Corona-Pandemie selten die Rede. Sie leiden aber mitunter besonders. Die Suchtkranken. So schwierig ihre Betreuung zu Beginn der Pandemie geworden ist, so viele Chancen eröffnen sich durch neu beschrittene Wege. Jetzt baut das Klinikum München-Ost seine ambulanten Angebote aus. Eine Entwicklung, die die Drogenbeauftragte des Bundes, Daniela Ludwig, bei ihrem Besuch der Haarer Suchtmedizin lobte: „Sie haben aus der Not eine Tugend gemacht“, sagte sie.

Viel Einsatz war nötig, um die Versorgung der Suchtkranken aufrecht zu erhalten. Die Kliniken mussten Betten freihalten, um notfalls Covid 19-Patienten versorgen zu können. Professor Ulrich Zimmermann, Leiter der Suchtklinik, und Pflegedienstleiterin Lena Heyelmann haben neue Lösungen gefunden. Alkohol-, medikamenten- und drogenabhängigen Patienten konnten Entzug und Therapie ambulant fortsetzen. Doch für die Weiterbehandlung außerhalb der Klinik waren Eilbeschlüsse nötig, für die sich die Bundesdrogenbeauftragte Daniela Ludwig eingesetzt hat.

Kriterien regeln, wer für stationäre Versorgung in Frage kommt

Ein Leitfaden wurde erstellt, ein multiprofessionelles Team stimmt im Klinikum München-Ost je nach Art und Schwere der Erkrankung einen Behandlungsplan ab. Kriterien wurden festgelegt, welche Voraussetzungen ein Patient für eine ambulante Behandlung erfüllen muss. „Wir haben aber auch eine rote Linie gezogen, wann eine langfristig stationäre Versorgung unumgänglich ist“, berichtete Ulrich Zimmermann. Doch bei sehr vielen Patienten wurde die Behandlung stationär begonnen und nach zwei bis drei Tagen ambulant weitergeführt. Nach dem erweiterten Ambulanzkonzept kommen die Suchtkranken montags bis freitags täglich drei Stunden in die Tagesklinik. „Hier werden Einzelgespräche und Gruppentherapie durchgeführt, es gibt Angebote wie Akupunktur zur Entspannung oder gemeinsames Kochen“, so Zimmermann.

Haus 9 ist seit zwei Jahren das Zentrum der Suchtmedizin in Haar. Jetzt werden die Angebote ausgeweitet, die Tagesklinik wird in Haus 30 eingerichtet.

Bei Bedarf erhalten die Patienten auch nachmittags Besuch. „Dann schaut jemand gegen 17 Uhr noch einmal, wie es ihnen geht“, berichtete Lena Heyelmann. Dank der Eilbeschlüsse war es möglich, dass Heroinabhängigen ihre Substitutionsmittel wie Methadon, die üblicherweise in der Arztpraxis eingenommen werden müssen, nach Haus gebracht wurden. Einige, besonders therapiefähige Patienten durften sogar Suchtersatzstoffe auf Vorrat fürs Wochenende mitnehmen.

Zahl der ambulanten Behandlungen steigt eklatant

„Die niedrigschwelligen Angebote wie Ambulanzen und Tageskliniken werden gut angenommen“, sagte Heyelmann, „wir sind zuversichtlich, dass wir die ambulante Versorgung, die wir in der Corona-Zeit geleistet haben, etablieren können.“

Allein im Juli 2020 kamen 280 Patienten zur ambulanten Behandlung. Das sind 97 Patienten mehr als von April bis Juni 2019. Nun werden die Ambulanzen ausgebaut und die stationären Plätze dauerhaft reduziert. „Corona ist ein Booster“, sagte Lena Heyelmann, „die Pandemie beschleunigt sinnvolle Lösungen.“

Behandlungsstruktur soll verbessert werden

Das zentrale Thema sei die Schadensminimierung, betonte Ludwig. „Die Erfahrungen zeigen, dass wir einige der Eilverordnungen in den Regelbetrieb übernehmen sollten.“ Dafür werde sie sich einsetzen, kündigte sie an. Der Suchtmedizin in Haar sprach sie ein großes Lob aus: „Ich bin happy, dass es in Haar seit zwei Jahren wieder eine Suchtmedizin gibt. Es ist wichtig, dass wir in Bayern Leuchttürme haben, die innovativ unterwegs sind.“

Damit Süchtige überall gut versorgt werden können, soll die Struktur in der Fläche besser werden, betonte Ludwig. Es würden sich immer weniger Hausärzte finden, die heroinabhängige Patienten mit Ersatzstoffen wie Methadon behandeln wollen. „Gerade schwer abhängige Menschen können mit Substituten ein einigermaßen geordnetes Leben führen.“

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