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Schule für Spione macht dicht: Schlapphüte verlassen Haar

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Von: Bert Brosch

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Überraschend schneller Leerstand herrscht um den markanten Uhrturm an der Wasserburger Straße in Haar, wo der Bundesnachrichtendienst ausbildete.
Überraschend schneller Leerstand herrscht um den markanten Uhrturm an der Wasserburger Straße in Haar, wo der Bundesnachrichtendienst ausbildete. © Bert Brosch

Der Ausbildungsstandort des Bundesnachrichtendienstes in Haar ist Geschichte. Der freigewordene Platz an der Wasserburger Straße weckt Begehrlichkeiten.

Haar – In der strahlenden Wintersonne über dem Münchner Osten leuchtet das goldene Zifferblatt auf dem hölzernen Uhrturm weithin sichtbar. Doch die Uhrzeit ist der einzige Einblick, den der Gebäudekomplex an der Wasserburger Straße (B304) zulässt. Obwohl die Nachwuchs-Spione des Bundesnachrichtendienstes (BND) – offiziell sind es Fachhochschüler des Bundes für Öffentliche Verwaltung in Aus- und Fortbildung für den gehobenen nichttechnischen Dienst – seit Ende 2018 das Gelände geräumt haben, bleibt alles so geheim und verschlossen wie in den vergangenen 30 Jahren. Ein paar Umzugs-Lkw mit Berliner Kennzeichen zeugen von dem Weggang in die Bundeshauptstadt. Seit Montag ist der Umzug offiziell.

Noch herrscht Geheimniskrämerei

Weder durften die Haarer früher das Gelände betreten, das rundum durch hohen Stacheldraht, dichte Büsche und Bäume fast blickdicht abgeschirmt ist, noch die Bürgermeisterin oder der Gemeinderat. „Alles ist zwar leer, aber ein paar räumen eben noch aus“, sagt ein netter ältere Herr an der Pforte, der aber wohl um seine Aufgabe weiß, die Geheimniskrämerei um den Gebäudekomplex zu verteidigen – Fotos sind nur von außerhalb erlaubt.

Seit 1939 steht gibt es die Kaserne an der Wasserburger Straße mit der wechselhaften Geschichte. Erst war sie konzipiert als Polizeistandort. Diese Funktion hatte sie bis 1945. Danach zogen Kriegsflüchtlinge und Vertriebene ein, ab 1961 war der Bundesgrenzschutz darin stationiert. Der BND übernahm „das Objekt“ 1982, der Lehrbetrieb der Fachhochschule des Bundes (später Hochschule des Bundes für öffentliche Verwaltung, Fachbereich Nachrichtendienste, Abteilung BND) begann im Oktober des Wendejahres 1989. Wie so vieles Geheimdienstliche hatte auch die Schule der Nachwuchs-Spione einen Decknamen: „Weberei“ lautete der für die Kaserne in Haar. Bürgermeisterin Gabriele Müller (SPD) blickt zurück: „Ab 1982 begann die geheime Nutzung und wir wussten nur, dass der BND da eine Ausbildungsstätte hat. Aber über Inhalte, Umfang und die Anzahl der Personen war uns gar nichts bekannt.“ Einmal durfte sie mit dem Gemeinderat das Gelände im Jahr 2014 zwar besuchen, und es wurden damals regelmäßige Austauschtreffen vereinbart. Doch dazu kam es nie.

Ende 2018 haben die Schlapphut-Schüler und -Lehrer des BND nun ihre Koffer gepackt, die sechs Gebäude zwischen Wasserburger und Rechnerstraße stehen leer. Zuletzt gab es dort 50 Schüler und Mitarbeiter, der Mietvertrag endet im März. Ebenso wie die bisherige Pullacher BND-Zentrale zog auch die Schule nach Berlin. Laut BND-Pressestelle werden die Laufbahnausbildungen von BND und die des Bundesamtes für Verfassungsschutz im Zentrum für Nachrichtendienstliche Aus- und Fortbildung (ZNAF) an der neuen BND-Zentrale zusammengeführt.

„Dass die jetzt schon weg sind, kam doch überraschend“

Der Weggang kam zwar nicht aus dem Nichts – aber dennoch abrupt. „Wir wussten wohl, dass es Umzugspläne gab“, sagt Müller. „Wir haben als Gemeinde großes Interesse an dem Gelände, wollen es kaufen.“ Vorstellbar sei Wohnungsbau mit Gewerbe zur zentralen Nahversorgung oder eine schulische Nutzung. Daher hätte Müller gerne die Gebäude und das Gelände nochmals im laufenden Betrieb angeschaut, um sich ein Bild von der Inneneinteilung, Struktur und möglichen Nachnutzungen machen zu können. Dazu kam es nicht. „Dass die jetzt schon weg sind, kam doch überraschend“, sagt Müller. Zumal sie noch im August 2018 von der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BImA) die Auskunft erhalten habe, dass es keine konkreten Pläne gebe.

Zum Mai geht das Areal, gut 19.000 Quadratmeter, samt Gebäuden an die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (Bima) über. Diese prüft, ob dort andere Bundesbehörden unterkommen könnten. Ein Verkauf sei ebenfalls denkbar. „Die Gemeinde Haar hat größtes Interesse“, betont die Bürgermeisterin. Sie hat daher einen Brief an d Bundesfinanzminister Olaf Scholz geschrieben: „Wir melden als Kommune vorrangig Bedarf an.“ Aber natürlich nicht um jeden Preis. In dem Brief habe sie betont, „dass wir kein Kaufangebot zu marktüblichen Preisen erhalten, sondern dass sich der Bund als Partner sieht und uns ein bezahlbares Angebot macht.“

Was nicht geheim ist

Wie der Name schon sagt, war und ist der Geheimdienst geheim – die direkte Nachbarschaft in Haar wusste nicht, was die „Weberei“ so trieb. Nur einmal, 2014, ließ man einen Reporter herein, der den Spionage-Nachwuchs beobachten durfte. Nur fünf Prozent der Bewerber schaffen die Aufnahme. Zum Training gehören unter anderem Fahren, Sport, Grundrechte im Auslandseinsatz , Strafrecht, Abhören, nachrichtendienstliches Recht, internationale Politik, Länder- und Religionskunde, Psychologie, Observation, Gesprächspsychologie und Fremdsprachen: Englisch ist Pflicht, erwünscht sind Französisch , und Russisch.

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