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Die Ortsentwicklung ist immer schon zentrales Thema für die Haarer SPD, wie das Wahlplakat von 1990 zeigt. Ein Signal-Projekt war Haars erstes Hochhaus, das SPD-Bürgermeister Willy Träutlein an der Beethoven-Straße durchsetzte.

Bewegte Parteigeschichte

SPD Haar feiert Jubiläum: Ein Spätgeborener wird 100

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Ihren genauen Gründungstag kennt die SPD Haar nicht - schuld sind die Nazis. Doch nun wird gefeiert, denn der Ortsverein prägt die Geschicke der Gemeinde seit einem Jahrhundert mit. 

Haar – Seit Wochen wühlen sich der Ortsvorsitzende Peter König und Alt-Bürgermeister Helmut Dworzak durch Keller und Kisten voller Plakate, Handzettel und Akten. Sie sind auf der Suche nach der Geschichte von 100 Jahren SPD in Haar. „Unser Problem ist, dass es vor 1946 so gut wie keine Akten, Fotos oder Belege gibt, das haben die Nazis alles vernichtet“, sagt Dworzak. In detektivischer Kleinarbeit haben sie die Historie ihrer Partei zusammengetragen, sodass sie deren Gründung am 22. Mai feiern können. Das Datum ist frei gewählt, den echten Gründungstag kennt keiner.

Ganz schön grün, diese Roten: Gar nicht wie ein SPD-Plakat sieht das älteste erhaltene Wahlplakat des Haarer Ortsvereins aus dem Jahr 1978 aus. Damals war Grün als Parteifarbe noch nicht belegt. Viel Material ging während der Nazizeit verloren.

Viel Material fanden die beiden SPD-Urgesteine in den Unterlagen von Fred Forster. Der arbeitete nicht nur an der Haarer Chronik mit, sondern erforschte auch die Geschichte des SPD-Ortsvereins für einen Vortrag am 15. Mai 1988 zum 125-jährigen Bestehen der Bundes-SPD. Die feiert heuer ihren 156. Geburtstag, der Haarer Verein den 100. „Unser Ortsverein ist somit ein Spätgeborener der Mutter SPD“, sagt Dworzak.

„Die Bevölkerung ist eine ackerbauende, politischer Thätigkeit und politischen Bestrebungen ferne stehende.“

Im Jahr 1905 hatte Haar vier Anwesen, eine Filialkirche der Pfarrei Trudering, eine Gendarmeriestation, die Gastwirtschaft Stadler, die Bahnhofsrestauration und die Krämerei Kandl. „Die Bevölkerung ist eine ackerbauende, politischer Thätigkeit und politischen Bestrebungen ferne stehende“, stellte das Bezirksamt, das heutige Landratsamt, fest. Der Bahnanschluss 1871 war eine wichtige Infrastrukturmaßnahme, die 1905 gegründete Heil- und Pflegeanstalt Eglfing die nächste. „Es kamen fremde Handwerker, Pfleger, Ärzte in den Ort – die ersten Sozialdemokraten!“, stellt Dworzak fest.

Im Jahr 1919 nahm erstmals eine sozialdemokratische Partei an Wahlen in Haar teil. Für sie gewann Georg Eisenreich als Bürgermeister, weitere zwölf Genossen zogen in den 20-köpfigen Gemeinderat ein. „Seit 1919 gibt es die Sozis also sicher“, sagt Orts-Chef König. Die SPD wurde gesellschaftlich bestimmend, vor allem durch die vielen Vereine, die sie gründete: 1923 einen Fußballclub, aus der Turnabteilung wurde nach 1945 der TSV Haar. Es gab den Arbeiter-Radverein „Solidarität“ mit Rennen im Ort, „Kulturkartell“ hieß der Bildungsverein. Bis 1933 existierte der Arbeiter-Gesangsverein „Volkschor Haar“ unter Ludwig Moser. Am 22. Juni 1933 verboten die Nazis die SPD und tilgten alle Spuren. Auch die Mitglieder verbrannten ihre Parteibücher, Fahnen und Fotos, um Denunziation und Verfolgung zu entgehen.

Nach dem Krieg ist die Haarer SPD in neuem Aufwind

Nach dem Krieg wurde die Haarer Politik wieder sozialdemokratisch: 1946 gründete sich der SPD-Ortsverband neu, das Versammlungslokal war die heutige „Gittis Waldwirtschaft“. Bei den Kommunalwahlen 1946 und 1948 stellte die SPD in Ludwig Moser den Bürgermeister. 1952 und 1956 gewann der parteilose Hans Pinsel, doch mit dem Wirtschaftswunder, das auch in Haar stattfand, wuchs die SPD im Ort. Willy Träutlein wurde 1960 Bürgermeister und blieb es Amt bis 1984, von 1966 bis 1978 sogar mit absoluter Mehrheit im Gemeinderat. Sein Charme brachte ihm den Spitznamen Blumen-Willy ein.

Haars Altbürgermeister Hermut Dworzak, der fünf Amtszeiten absolviert hat. 

 

Für die vielen Flüchtlinge und Vertriebene entstand gegen erbitterten Widerstand der CSU das erste Hochhaus im Landkreis an der Beethovenstraße, Bauten an der Franz-Schubert- und Katharina-Eberthardt-Straße folgten. Der größte Umbruch war die Siedlung Am Jagdfeld, 1976 zählte man im neuen Haarer Ortsteil 5100 Einwohner. „Ein Vorzeigeprojekt sozialdemokratischer Städteplanung: das Miteinander aller Bevölkerungsschichten, vom Bungalow bis zur Sozialwohnung, verkehrsberuhigte Grünbereiche, Einkaufen, Schule und Spielplätze alles im eigenen Viertel“, konstatiert Dworzak. Dazu Gymnasium, vhs und Musikschule.

Schwierige Zeiten nach der Ära Träutlein

Im Februar 1977 gab Träutlein sein SPD-Parteibuch zurück, bei der Wahl 1978 blieb er parteiloser Bürgermeister, die SPD fiel von 13 auf acht Mandate. „Es folgte eine Zeit der Auseinandersetzungen im Gemeinderat, die CSU wollte ein Altenheim auf dem heutigen Rathausgrundstück und ein neues Rathaus an der B 304. Wir waren dagegen“, erinnert sich Dworzak. Im Jahr 1984 gewann der zuvor im Jagdfeldausschuss engagierte Hans Wehrberger gegen den zweiten Bürgermeister Michael Pinker (CSU). Haar hatte zum ersten Mal einen Bürgermeister, der kein Landwirt war und auch nicht aus der „Anstalt“ kam.

„Wir waren nie die Einzigen, aber immer der Motor in Haar.“

Es folgten das extreme Hagelunwetter 1984 und der Bau des neuen Ortsteils Eglfing auf Wunsch des Bezirkskrankenhauses nach Wohnraum für seine Mitarbeiter. Ein innerörtlicher Sportpark mit offenem Landschaftscharakter samt Gewerbeflächen neben Wohngebiet. „So haben wir die Basis für die heutige Finanzausstattung der Gemeinde gelegt.“ Wehrberges Nachfolger Helmut Dworzak prägte ab 1992 eine weitere Ära: Er wurde fünf Mal mit Ergebnissen zwischen 60 und 90 Prozent gewählt. Mit Gabriele Müller (56 Prozent) setzte sich 2014 der Erfolg fort. „Nicht alles, was wir gemacht haben, sind eigene Erfindungen, vieles haben wir abgeschaut oder im Gemeinderat gemeinsam erarbeitet, gerade mit den Grünen, aber auch mit der CSU“, sagt Dworzak. „Wir hatten oft harte Dispute, doch die CSU hat auch nach verlorenen Abstimmungen anschließend zum Wohl der Bürger voll mitgearbeitet.“ Das sei heute leider anders. Ihm und der SPD sei es immer um den Ort und seine Bürger gegangen, sagt Dworzak: „Wir waren nie die Einzigen, aber immer der Motor in Haar.“

Zur Feier des Jubiläums

werfen Bürgermeisterin Gabriele Müller und ihre Vorgänger Helmut Dworzak und Hans Wehrberger einen Blick auf die Geschichte des Ortsvereins: Heute, 19 Uhr, im Bürgersaal im Gasthof zur Post am Kirchenplatz. Am Freitag treten für den zweiten Teil der Feierlichkeiten dort zur gleichen Zeit die Wellküren auf – mit dem Programm „Wellcome in Haar.“

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