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Fahrlehrerin: „Stimmung im Straßenverkehr wird immer aggressiver“

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Von: Max Wochinger

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Was bedeutet dieses Warnschild? Fahrlehrerin Jessica Griebel, 34, an der Putzbrunner Straße in Grasbrunn. Viele Schüler bleiben hier oft ratlos vor dem Schild stehen, sagt die Fahrlehrerin.
Was bedeutet dieses Warnschild? Fahrlehrerin Jessica Griebel, 34, an der Putzbrunner Straße in Grasbrunn. Viele Schüler bleiben hier oft ratlos vor dem Schild stehen, sagt Griebel. © Max Wochinger

Fahrlehrerin Jessica Griebel aus Haar klärt auf: über brenzlige Situationen im Auto und die kniffligsten Stellen im Landkreis. Hier rasseln Fahrschüler durch.

Landkreis – Das Schild an der Putzbrunner Straße in Grasbrunn ist dreieckig, warnend rot und mit einem großen X versehen. Darunter: „50 m“. Wissen Sie, was der rot-weiße Warnhinweis bedeutet? Nein? So ergeht es auch vielen Schülern von Fahrlehrerin Jessica Griebel.

„Sie bleiben hier oft ratlos vor dem Schild stehen“, sagt Griebel. Müssen sie jetzt Vorfahrt gewähren oder haben sie Vorrang? Oder darf man hier einfach nur nicht parken? Zur Auflösung später mehr. Denn brenzlige Stellen wie hier in Grasbrunn gibt es viele im Landkreis. Die Fahrlehrerin aus Haar kennt sie alle.

500 junge Fahrschüler im Jahr

Griebel, 34, 14 Jahre Straßenerfahrung als Lehrerin, Inhaberin von sieben Fahrschulen, hat das Geschäft von ihrem Vater übernommen. Gemeinsam mit dem Bruder und weiteren Lehrern lehrt sie jedes Jahr rund 500 jungen Erwachsenen das Autofahren; bei der Führerscheinprüfung rasseln trotzdem immer wieder welche durch. Da ist zum Beispiel die Kreuzung am Rathaus in Putzbrunn, an der Bundesstraße 471. Und die hat es in sich.

Weil die Grundschule in der Nähe liegt, sind hier nur 30 Kilometer pro Stunde erlaubt, Geradeausfahrer in die Rathausstraße müssen auf die abgeknickte Vorfahrt achtgeben, zudem verwirrt die doppelte Ampelschaltung. Oft sind Fußgänger unterwegs. „Viele Schüler sind hier überfordert“, sagt Griebel. Dann passieren Fehler: Schnell ist etwa das 30er-Schild übersehen. Bei einem Führerscheintest hieße Fahren mit überhöhter Geschwindigkeit: Durchgefallen!

Die Kreuzung am Rathaus in Putzbrunn, an der Bundesstraße 471. Wer geradeausfahren will, muss sich links einordnen – und auf die abgeknickte Vorfahrt und die Ampelführung achten.
Die Kreuzung am Rathaus in Putzbrunn, an der Bundesstraße 471. Wer geradeausfahren will, muss sich links einordnen – und auf die abgeknickte Vorfahrt und die Ampelführung achten. © Max Wochinger

Nicht stressen, mahnt die Lehrerin

Damit es nicht so weit kommt, rät die Fahrlehrerin ihren Schülern möglichst ruhig zu bleiben, nicht stressen, mahnt die Lehrerin. Das ist gar nicht so einfach, wenn man bedenkt, was Fahrschüler und -lehrer so erleben: hupende Autofahrer, fluchende Radler, nervöse Fußgänger. „Die Stimmung im Straßenverkehr wird immer aggressiver, weil es immer mehr Verkehrsteilnehmer gibt.“ Griebel hat alles schon erlebt.

Richtig brenzlig wird es aber nur selten. Einmal fuhr sie mit einer Schülerin auf einer Landstraße. An einer Kreuzung sollte die Fahrschülerin rechts abbiegen, sie bremste ab, immer stärker, bis sie zum Stillstand kam. Im Seitenspiegel sah Griebel noch einen Lastwagen mit 70 Sachen heranpreschen. Der Fahrer lenkte sein Koloss gerade noch auf die Gegenfahrbahn. „Wir wären sonst platt gewesen“, sagt sie.

„Es ist die einzige Situation, wo eine Fahrlehrerin nichts mehr tun kann, wenn ein Schüler plötzlich stark bremst.“ Wichtig ist, sagt Griebel, dass Schüler nach solchen Schocksituationen schnell weitermachen: „Es ist wie beim Reiten: Nach einem Unfall muss man gleich wieder drauf.“

Endgültig Schluss ist, wenn Schüler eine rote Ampel überfahren

Endgültig Schluss ist aber, wenn Schüler bei einer Prüfung eine rote Ampel überfahren. Dann geht’s direkt zurück zur Fahrschule. „Wegen Rotlichtverstößen liegen viele Führerscheine auf der Straße.“ Eine fiese Ampelschaltung lauert zum Beispiel in Haar, in der Leibstraße. Hier versteckt sich rund 50 Meter vor der eigentlichen Verkehrsampel eine kleinere Ampel. Die schaltet auch auf Rot, wenn weiter vorne Fußgänger die Straße queren wollen. Das kleine Lichtsignal wird schnell übersehen, besonders, wenn parkende Lieferwagen die Sicht versperren.

Eine fiese Ampelschaltung lauert in Haar, in der Leibstraße. Dort steht rund 50 Meter vor der eigentlichen Verkehrsampel eine kleinere Ampel.
Eine fiese Ampelschaltung lauert in Haar, in der Leibstraße. Dort steht rund 50 Meter vor der eigentlichen Verkehrsampel eine kleinere Ampel. © Max Wochinger

Rekord: 150 Extra-Stunden

Die Autofahrer von morgen müssen auf solche Gefahren vorbereitet werden, dazu braucht es Training. Manchmal weniger, mal mehr: Rekordhalter der Fahrschule ist eine junge Frau, sie hatte 150 Extra-Stunden genommen. Gewöhnlich brauchen ihre Schüler 25 Fahrstunden plus die vorgeschriebenen zwölf Sonderfahrten, sagt Griebel.

Sie lässt ihre Schüler auch weiterhin in die Putzbrunner Straße in Grasbrunn fahren, der Straße mit dem rätselhaften Verkehrsschild. Es ist das sogenannte Gefahrenzeichen 102: Es bedeutet, dass an der nächsten Kreuzung oder Einmündung (hier in 50 Metern) „rechts vor links“ gilt. Kommt also ein Auto von rechts, hat es Vorfahrt. Alles eine Frage der Übung, meint Fahrlehrerin Jessica Griebel. „Jeder Schüler kann die Führerscheinprüfung schaffen.“

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