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Ort mit dunkler Vergangenheit: In der Heil- und Pflegeanstalt Haar-Eglfing wurden unter den Nazis tausende Menschen getötet.

Wegen Nazi-Vergangenheit

Von Braunmühl soll aus Haars Straßen verschwinden

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Die Von-Braunmühl-Straße in Haar soll verschwinden - zumindest ihr Name. Ihr Namensgeber hat vermutlich weggesehen, als die Nazis in der Heil- und Pflegeanstalt Haar-Eglfing tausende Menschen ermordeten.

Haar – Die Namensgeber der Haarer Straßen sind in der Regel verdiente Persönlichkeiten der Ortsgeschichte: Hans Pinsel (Altbürgermeister), Franz Bibinger (Besitzer des Wagnerhofes) oder Annelies Kupper (gefeierte Sängerin). Auch nach Anton Edler von Braunmühl (1901 bis 1957) ist eine Straße in der Nähe des kbo-Isar-Amper-Klinikums benannt.

Der Psychiater leitete die Vorgänger-Einrichtung von 1946 bis zu seinem Tod. Er galt als Pionier der somatischen Therapie von psychisch kranken Menschen. Doch es gibt ein dunkles Kapitel in der Vergangenheit von Braunmühl. In den vergangenen Jahren ist davon mehr und mehr ans Licht gekommen.

Anton Edler von Braunmühl soll aus dem Straßennamens-Register von Haar verschwinden.

Von Braunmühl wird im Mai 1927 Assistenzarzt in die Heil- und Pflegeanstalt Eglfing-Haar. Die Nazis bauen die Einrichtung später zur Tötungsfabrik um. Sie ermorden in Haar die schwächsten Mitglieder der Gesellschaft: Kranke, Behinderte, Kinder. Etwa 2000 Menschen sterben, auch wegen vorsätzlicher Unterernährung. Zudem wurden mehr als 2000 psychisch kranke oder behinderte Menschen aus Haar in die Tötungsanstalten nach Grafeneck und Hartheim deportiert.

Von Braunmühl ist mitten drin in der Anstaltsmaschinerie. Seine Rolle in der Einrichtung während der NS-Diktatur ist mehr als fragwürdig. Zwar hat er sich wohl nicht aktiv am systematischen Morden der Nazis beteiligt. Doch Historiker sind sich sicher, dass er etwas gewusst haben muss. Das belegen jüngste Archiv-Recherchen des Bezirks Oberbayern. „Aus unserer Sicht ist er seiner ärztlichen Fürsorgepflicht nicht nachgekommen. Es gab viele Dinge, die er hätte unterbinden müssen“, sagt Bezirkspressesprecherin Susanne Büllesbach. Zwar müsste man die Person von Braunmühl differenziert betrachten. Aber ein Vorbild, wie sie andere Namensgeber von Straßen seien, sei von Braunmühl nicht.

Aus diesem Grund ist der Bezirk nun an die Gemeinde herangetreten mit der Bitte, die Von-Braunmühl-Straße umzubenennen. Im Rathaus steht man dem offen gegenüber. „Wir befassen uns damit“, sagt Gemeindesprecherin Ute Dechent. Man wolle gemeinsam mit dem Bezirk und dem Klinikum einen Namensvorschlag erarbeiten.

Nach dem Krieg ein angesehener Mann

Seit 1976 hat die Von-Braunmühl-Straße in der Nähe des kbo-Isar-Amper-Klinikums ihren Namen. Zuvor war sie namenlos. Da dort aber Wohnungen für das Klinikpersonal entstanden, schlug das Klinikum den früheren Direktor als Namensgeber vor. Der Haarer Gemeinderat folgte dem Antrag in der Sitzung vom 21. Oktober 1976. Die Vergangenheit des Psychiaters dürfte den Räten damals kaum bewusst gewesen sein. Nach dem Krieg war von Braunmühl ein angesehener Fachmann. Er erhielt eine Honorarprofessur in München, übersetzte englische Fachliteratur ins Deutsche. Bei Adolf Hitler diagnostizierte er eine Parkinson-Krankheit. Außerdem machte er sich als Laienmaler einen Namen. Seine Rolle unter den Nazis hinterfragte lange niemand. Damals habe ein „Hauch von Sensibilität“ gefehlt, sagt Traudl Vater (77).

Keine Vorverurteilung

Die SPD-Gemeinderätin wohnt in der Straße und beschäftigt sich seit Jahren mit der dunklen Geschichte Haars. Sie begrüßt, dass der Name von Braunmühl auf den Straßenschildern verschwinden soll. „Es ist jedes Mal etwas schwierig, die Adresse zu schreiben“, sagt sie. Sie möchte zwar „den Menschen von Braunmühl auf keinen Fall verurteilen“. Aber dass er weggeschaut habe, sei eine „schlimme Sache“. An Tagen, an denen die Nazis psychisch kranke und behinderte Menschen deportierten, soll von Braunmühl beim Anstaltsleiter den Bereitschaftsdienst abgelehnt haben. „Es tut gut, dass man begonnen hat, das Ganze aufzuarbeiten“, sagt Vater. Sie glaubt zwar, dass eine Straßenumbenennung für manche Anwohner eine Umstellung sein werde. „Aber ich halte die übergeordnete Notwendigkeit für wichtiger.“

Isserlin statt von Braunmühl

Das sieht man auch im Rathaus so. Bei der Gemeinde hält man sich mit Namensvorschlägen bedeckt. Beim Bezirk gleichwohl hat man schon eine Idee: Max Isserlin könnte man sich als Namensgeber vorstellen, sagt die Bezirkssprecherin. Er war Neurologe und von 1924 bis 1933 Chefarzt der Heckscher-Klink in München, die derzeit in Haar an der Von-Braunmühl-Straße eine Einrichtung für Kinder und Jugendliche baut. Auf Druck der Nazis musste Isserlin nach England emigrieren.

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